Überprüfung von Studien Firma bietet Gütesiegel für Forschungsergebnisse

Mancher wissenschaftliche Durchbruch entpuppt sich als Reinfall. Ein US-Unternehmen bietet Forschern die Möglichkeit, ihre Arbeiten von anderen überprüfen zu lassen - die Tests sollen zum Gütesiegel werden.

Arbeit im Labor: Sind die Ergebnisse bedeutsam oder nicht?
DPA

Arbeit im Labor: Sind die Ergebnisse bedeutsam oder nicht?


Am Ende der ersten Studie steht gern ein phantastisches Ergebnis: Sie lässt auf einen Durchbruch im Kampf gegen Krebs hoffen, macht den Auslöser einer bis dahin rätselhaften Krankheit dingfest, oder liefert eine große Überraschung über die parapsychologischen Fähigkeiten des Menschen.

Doch versuchen andere Forscher, diese Ergebnisse erneut zu reproduzieren - bleibt oft nichts übrig von der vermeintlichen Erkenntnis. Ein Großteil der neuen Ansätze zu Krebstherapien wird wenige Jahre später nicht mehr verfolgt. Das Virus, das das Chronische Erschöpfungssyndrom auslösen sollte, war eine Laborverunreinigung. Und auch die angeblich hellseherischen Fähigkeiten getesteter Studenten verloren sich in folgenden Studien.

"'Veröffentlicht' und 'wahr' sind keine Synonyme", warnt daher der Psychologe Brian Nosek von der University of Virginia in Charlottesville.

Nosek ist einer der Berater eines neuen wissenschaftlichen Programms, der "Reproducibility Initiative". Das Ziel: Mehr Untersuchungen von unabhängigen Forschungseinrichtungen wiederholen zu lassen, damit weniger Schlussfolgerungen veröffentlicht werden, die sich später als nicht haltbar erweisen.

Forscher müssen Folgestudie finanzieren

Hinter der Initiative steckt das Unternehmen Science Exchange, das seinen Sitz im kalifornischen Palo Alto hat. Es will künftig Forscher, die ihre Ergebnisse reproduziert wissen wollen, an passende Arbeitskreise vermitteln. Beide Gruppen können abschließend einen Fachartikel verfassen, der im Wissenschaftsmagazin "PLoS One" publiziert wird - das Open-Access-Blatt beteiligt sich an der Initiative. Außerdem will Science Exchange die Studie zertifizieren, falls das Ergebnis bei der Wiederholung bestätigt wird.

Die Wissenschaftler, die ihre eigenen Ergebnisse auf die Probe stellen, müssen dafür bezahlen. Die Kosten richten sich nach dem Experiment, sollten jedoch 20 Prozent der Kosten der Originalstudie nicht übersteigen. Das Unternehmen hofft, dass auf lange Sicht staatliche Programme oder private Stiftungen die Kosten für diese Überprüfungen mittragen. Unterm Strich sollen sich die Investitionen lohnen, da weniger Zeit und Ressourcen damit verschwendet werden, weitere Forschung auf Ergebnissen aufzubauen, die sie später als falsch entpuppen.

Würde in der Forschung alles optimal laufen, wäre eine Initiative wie diese wohl nicht nötig. "Die Wissenschaft sollte sich selbst korrigieren", sagt C. Glenn Begley, einer der Autoren der Studie zu den vermeintlichen Krebstherapie-Durchbrüchen. Doch diese Selbstkorrektur würde eben sehr lange dauern. Außerdem gebe es zu viele Anreize, aufsehenerregende, nicht unbedingt richtige Ergebnisse zu veröffentlichen.

Man muss den Forschern dabei nicht einmal böse Absicht unterstellen. Bei vielen Daten wird gefordert, dass ihr Zustandekommen nur zu fünf Prozent durch Zufall zu erklären ist. Das bedeutet aber, dass von 20 Studien, die eine Aussage über die Realität treffen, eine eben zufällig daneben liegt, wie John Ioannidis von der Stanford University erklärt. Er hat sich ausführlich mit der Problematik beschäftigt.

Psychologe Nosek nennt ein Beispiel aus seiner eigenen Forschung: Als sie knapp 2000 in verschiedenen Grautönen gedruckte Wörter vorlegten, zeigte sich, dass Menschen, die sich als politisch moderat bezeichnen, mehr Graustufen registrieren, während selbsterklärte Liberale oder Konservative die Welt eher Schwarzweiß sehen. Ein griffiges Ergebnis. Die Wissenschaftler wiederholten das Experiment dennoch mit 1300 weiteren Teilnehmern, anstatt es sofort zu publizieren, - und im zweiten Durchlauf der Unterschied verschwunden.

wbr/Reuters



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Spiegelleserin57 17.08.2012
1. überflüssig!
Zitat von sysopDPAMancher wissenschaftliche Durchbruch entpuppt sich als Reinfall. Ein US-Unternehmen bietet Forschern die Möglichkeit, ihre Arbeiten von anderen überprüfen zu lassen - die Tests sollen zum Gütesiegel werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,850431,00.html
Solange die Überprüfung nicht auf neutralem Boden stattfindet ist sie sinnlos. Man erhält wahrscheinlich so ein Siegel schnell wenn man bezahlt oder Vitamin B hat. Besonders bei Studien sollte größte Vorsicht herrschen. Viele sind gesponsert und Vitamin B ist sehr weitverbreitet.
tubaner 17.08.2012
2.
Zitat von sysopDPAMancher wissenschaftliche Durchbruch entpuppt sich als Reinfall. Ein US-Unternehmen bietet Forschern die Möglichkeit, ihre Arbeiten von anderen überprüfen zu lassen - die Tests sollen zum Gütesiegel werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,850431,00.html
Der einzige Unterschied zum jetzigen Vorgehen ist also, dass nicht erst nach der Veröffentlichung andere Forscher den Versuch wiederholen, sondern schon vorher. Und dass eine Firma daran verdient. Natürlich.
lotoseater 17.08.2012
3.
Zitat von sysopDPAMancher wissenschaftliche Durchbruch entpuppt sich als Reinfall. Ein US-Unternehmen bietet Forschern die Möglichkeit, ihre Arbeiten von anderen überprüfen zu lassen - die Tests sollen zum Gütesiegel werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,850431,00.html
Das liegt aber nicht nur an mangelhafter Wissenschaft, sondern an der gängigen Praxis in der Einwerbung von Forschungsgeldern. Schreib was mit "Krebsheilung" drauf, schon erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, Geld bewilligt zu bekommen. Ansonsten geht auch "self-assembly" oder "nano" oder [insert buzzword here]... Das ist auch keine neue Erkenntnis. Jedenfalls nicht, wenn man wissenschaftliche Literatur liest. Da trifft man immer wieder auf Fehlinterpretationen, und fragt sich, wie sowas überhaupt veröffentlicht werden konnte. Das hier find ich großartig: Heißt auf Deutsch: Das Unternehmen tut nichts Relevantes. Es kassiert nur Geld dafür, Leute mit und ohne Sachkenntnis zusammenzuführen. Und da haben wir schon die nächste Entlarvung: Das Ziel des Unternehmens ist es, Forschungsgelder abzugreifen. Für Arbeit, die eigentlich die Forscher selbst leisten sollten (GLP lässt grüßen).
felix_bach 17.08.2012
4. Gute Idee
Zitat von Spiegelleserin57Solange die Überprüfung nicht auf neutralem Boden stattfindet ist sie sinnlos. Man erhält wahrscheinlich so ein Siegel schnell wenn man bezahlt oder Vitamin B hat. Besonders bei Studien sollte größte Vorsicht herrschen. Viele sind gesponsert und Vitamin B ist sehr weitverbreitet.
Da kennen Sie die Konkurrenz zwischen Wissenschaftlern aber nicht. Die Idee ist sehr gut, wuerde Betrug vorbeugen und viele Zufallsergebnisse schnell wiederlegen und somit die Wissenschaft voranbringen als auch Geld sparen (da man nicht jahrelang weitere Versuche plant, die auf falschen Ergenissen basieren).
felix_bach 17.08.2012
5. Falsch
Zitat von tubanerDer einzige Unterschied zum jetzigen Vorgehen ist also, dass nicht erst nach der Veröffentlichung andere Forscher den Versuch wiederholen, sondern schon vorher. Und dass eine Firma daran verdient. Natürlich.
Die meisten Studien werden z.Z. nicht wiederholt !
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