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Reproduktionsmedizin: "Retortenbabys erwirtschaften mehr, als sie kosten"

Hunderttausende Paare in Deutschland bleiben ungewollt kinderlos - auch weil der Staat künstliche Befruchtung finanziell zu wenig fördert, sagt Reproduktionsmediziner Heribert Kentenich. Im Interview fordert er eine Lockerung des Embryonenschutzes, um die Erfolgsquote zu erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Kinder haben Sie schon gezeugt?

Kentenich: Zwei sind meine eigenen, und als Arzt war ich wohl an der Zeugung von rund tausend Kindern beteiligt.

SPIEGEL ONLINE: Damit hätten Sie eigentlich einen Orden der Bundesfamilienministerin verdient.

Kentenich: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frau von der Leyen Orden an Reproduktionsmediziner verteilt. Die Ministerin bemüht sich zwar mit ihrem Elterngeld und mehr Krippenplätzen um ein kinderfreundlicheres Klima, den Kinderwunschpaaren legt die Politik aber eher Steine in den Weg.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten es für falsch, dass die Kassen bei verheirateten Paaren nur noch die Hälfte der Kosten für maximal drei künstliche Befruchtungen tragen und unverheiratete Paare ganz leer ausgehen?

Kentenich: Ich finde das ungerecht. Privatpatientinnen bekommen die Behandlung ganz bezahlt, andere müssen jetzt für jeden Versuch ihren Monatslohn investieren. Die Kassiererin, der Busfahrer, das Migrantenpaar, die können das kaum bezahlen. Das ist Zweiklassenmedizin, kein Aushängeschild für eine kinderfreundliche Gesellschaft. Und es erscheint so widersinnig, es ist das Gegenteil der aktuellen Familienpolitik. Wenn Frau von der Leyen es als Erfolg verbucht, dass dank Elterngeld mehr Kinder zur Welt gekommen sind, muss man ihr sagen, das könnte sie mit ein bisschen mehr Unterstützung für Kinderwunschpaare auch haben. So teuer würde das gar nicht. Es gibt medizinökonomische Rechnungen, dass ein Retortenkind sozialökonomisch weit mehr Geld erwirtschaftet, als es kostet.

SPIEGEL ONLINE: Die Chancen, nach einer künstlichen Befruchtung ein Kind zur Welt zu bringen, sind allerdings sehr gering. Warum sollte der Staat ein solches Glücksspiel unterstützen?

Kentenich: Die Erfolgsquote wird kontinuierlich besser und sie würde sich schlagartig erhöhen, wenn der Embryonenschutz endlich gelockert werden würde. Der Embryo im Reagenzglas ist in Deutschland besser geschützt als der Embryo im Bauch der Frau, denn der kann ja im Konfliktfall abgetrieben werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind denn Embryonen im Reagenzglas nichts wert?

Kentenich: Natürlich hat auch der Vierzell-Embryo einen Wert. Auch das ist menschliches Leben. Wir brauchen aber ein abgestuftes Konzept, ähnlich wie beim Schwangerschaftsabbruch. Das ist doch irrational. Da verbrüdern sich die strengsten Lebensschützer der katholischen Kirche mit den Fundamentalisten der Grünen. Das ist eine ganz komische Allianz.

SPIEGEL ONLINE: Welche Vorteile hätte ein solches abgestuftes Konzept?

Kentenich: Wenn wir den am besten entwickelten Mehrzeller auswählen dürften, dann bräuchten wir nur noch einen Embryo einzupflanzen und könnten damit auch das Risiko einer Mehrlingsschwangerschaft verringern.

SPIEGEL ONLINE: Was ist so schlimm an Mehrlingsgeburten?

Kentenich: Mehrlinge sind meistens Frühgeburten, deren Lebensprognose ist einfach schlechter. Psychische und physische Handicaps können die Folge sein.

SPIEGEL ONLINE: Sind wir nicht aufgrund unserer Vergangenheit zu einem besonders sensiblen Umgang mit dem Thema verpflichtet?

Kentenich: Natürlich ist die Nazi-Historie ein ernsthaftes Argument dafür, sehr sensibel mit der Frage der Reproduktionsmedizin umzugehen. Das kann man nicht vom Tisch wischen. Aber Deutschland ist doch inzwischen eine reife demokratische Gesellschaft. Die Engländer zum Beispiel verzichten weitgehend auf gesetzliche Regelungen, dort führt die Gesellschaft eine ethische Debatte auf sehr hohem Niveau. Ist ein Konsens gefunden, wird er nach fünf Jahren neu diskutiert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Paare mit unerfülltem Kinderwunsch im Ausland besser aufgehoben?

Kentenich: Nicht überall. Mit Reproduktionsmedizin lässt sich viel Geld verdienen, da werden gerne Statistiken geschönt, die Erfolgsquoten nach oben geschraubt. Guten Gewissens würde ich die Patienten nur nach Skandinavien oder nach Belgien schicken.

SPIEGEL ONLINE: Kürzlich ist eine 64-Jährige dank Eizellenspende Mutter geworden. Soll erlaubt sein, was machbar ist?

Kentenich: Wenn das Kindeswohl gewährleistet ist, dann sollte man grundsätzlich keine Grenzen setzen. Ich finde es zum Beispiel falsch, Eizellenspenden bei jungen Frauen zu verbieten. Frauen nach der Menopause würde ich allerdings nicht behandeln wollen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es gesundheitliche Risiken bei der Hormonbehandlung?

Kentenich: Natürlich. Bei einer hormonellen Überstimulation geht es den Frauen zwei Wochen lang schlecht. Auch Infektionen sind eine ernsthafte Gefahr, im ungünstigsten Fall verliert die Frau, die doch Kinder bekommen will, ihren Eierstock. Und dann noch das Risiko für das Baby: Es kann immer eine Frühgeburt drohen.

SPIEGEL ONLINE: Das sehen viele Ärzte offenbar anders. Die meisten brüsten sich mit einer hohen "Baby-take-home-Rate". Den Frauen kommt es deshalb oft so vor, als ginge es den Ärzten nur ums Geld. Kommt die psychische Betreuung zu kurz?

Kentenich: Sie müssen als Arzt mit der Patientin durch das Auf und Ab der Behandlung gehen, das machen sie mit einer Krebspatientin ja auch. Ich behandle ja keine Spermien, ich behandle keine Eizellen, ich behandle Menschen. Im Übrigen legen die Richtlinien der Bundesärztekammer genau fest, dass auch psychische Betreuung zur Kinderwunschbehandlung gehört. Auf dem Papier ist alles super. Tatsächlich sind die Ärzte aber noch nicht gut genug ausgebildet.

SPIEGEL ONLINE: Kann der Kinderwunsch auch zur Sucht werden?

Kentenich: Es gibt Frauen, für die wird der Kinderwunsch so dominierend, dass sie kein Ende finden können. Manche wollen sogar den Beruf aufgeben, um sich ganz auf die erhoffte Schwangerschaft konzentrieren zu können. Ein noch größeres Problem sind inzwischen die Frauen über 40. Die haben im Job einiges erreicht und einen festen Partner, aber die fruchtbare Phase geht zu Ende, und die Chance zu einem Kind zu kommen liegt noch ungefähr bei fünf Prozent pro Versuch. Da ist ordentlich Druck im Kessel. In diesen Fällen ist es wichtig, immer auch das Ende der Behandlung zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Müsste man den Frauen deutlicher sagen, dass die fruchtbaren Jahre begrenzt sind?

Kentenich: Man muss es in die familienpolitische Debatte einbringen, wenn möglich schon im Biologieunterricht in der Schule diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Aufklärung möglicherweise auch so gering, weil man mit den Vierzigjährigen viel Geld verdienen kann?

Kentenich: Klar, in der Reproduktionsmedizin verdient man gut an diesem Altersproblem.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Vorsitzender einer neuen Arbeitsgruppe der Bundesärztekammer, die sich vorgenommen hat, einiges zu verändern. Was haben Sie vor?

Kentenich: Erstens sollen die Kassen wieder drei bis vier Versuche voll finanzieren, auch bei unverheirateten Paaren. Schließlich garantiert der Trauschein doch wohl keine glücklichere Kindheit. Zweitens muss das Embryonenschutzgesetz verändert werden. Wir wollen die entwicklungsfähigsten Embryonen auswählen dürfen. Außerdem muss geklärt werden, was aus eingefrorenen "verwaisten Embryonen" wird, wenn die Mutter den Transfer nicht mehr wünscht. Solche Zellen dürfen wir derzeit nämlich nicht vernichten und es ist unklar, ob eine fremde Frau einen dieser Embryonen adoptieren kann. Und drittens muss das Familienrecht im Bereich der Samenspende endlich neu geregelt werden. Derzeit kann beim Kind einer ledigen Frau der Samenspender zum Vater bestellt werden, oder sogar der Arzt haftbar gemacht werden, wenn der Spender nicht verfügbar ist.

Das Interview führten Ulrike Demmer und Udo Ludwig


"Geschäft mit der Hoffnung": Lesen Sie in der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, warum Hunderttausende Paare in Deutschland ungewollt kinderlos bleiben, sich von den Ärzten ausgenommen und von der Politik im Stich gelassen fühlen.

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