Neue Messmethode: Forscher-Ranking sieht Charité an der Spitze
"Gefällt mir"-Button statt Impact Factor: Ein Berliner Start-up will mit einer neuen Methode den Grad wissenschaftlicher Reputation besser abbilden. ResearchGate hat so nun eine Top-Ten-Liste deutscher Universitäten erstellt. Ganz vorn ist die Berliner Charité - aber wenig begeistert.
Hamburg - Es ist sicher nicht leicht, in der akademischen Welt einen Wandel zu bewirken. Ijad Madisch weiß das. Der Havard-Absolvent hatte seinen Plan, eine Internetplattform eigens für Forscher zu schaffen, zunächst in Deutschland präsentiert. Keiner seiner Professoren konnte sich für die Idee erwärmen, also suchte der Sohn syrischer Eltern in den USA nach Investoren. Zurück kam er mit dem Support von Matt Cohler, Mitgründer des Karrierenetzwerks LinkedIn und Facebook-Mitarbeiter der ersten Stunde.
Das war 2008. Heute hat ResearchGate nach eigenen Angaben schon über 2,7 Millionen Mitglieder, die sich über ihre Arbeit austauschen und sich und ihre Studien gegenseitig bewerten. Kürzlich besuchte die Bundeskanzlerin auf ihrem Trip durch die neuen Medienwelten die Büros des Start-ups, das Kritiker gern "Facebook für Wissenschaftler" nennen. Madisch stört das kaum, er berichtet lieber Erfolgsgeschichten. Wie die von Rick, dem philippinischen Studenten, der einen Biokraftstoff entwickelte und über Research Gate einen Käufer aus Spanien fand. Oder die der Krebsforscherin, die im Austausch endlich die Formel für ihr Medikament entdeckte.
"Wir machen die Wissenschaft schneller", ist Madisch überzeugt. Nun will er einen Grundpfeiler der Wissenschaften stürzen: Dem renommierten Impact Factor, einem wichtigen Bewertungsmaßstab für wissenschaftliche Reputation, will er seinen eigenen Score gegenüberstellen. Damit tritt der 32-Jährige, gern mit Mütze und Geek-Brille unterwegs, gegen ein über hundert Jahre etabliertes System an. Dieses misst, vereinfacht gesagt, wie oft die Arbeit eines Forschers in einem renommierten Fachblatt wie "Science" oder "Nature" zitiert wurde.
Die erste Bewertung internationaler Forschungseinrichtungen durch Research Gate liegt nun vor und überrascht - allerdings auch die, die sich plötzlich auf der Top-Ten-Liste wiederfinden. So kann sich die Berliner Charité plötzlich Spitzenreiter der deutschen Forschung nennen und zieht locker an der Universität Heidelberg vorbei (Platz 2). Dennoch herrscht in Berlin Verwirrung. "Wir kennen diesen Score nicht, und wir kommentieren ihn nicht", ist die knappe Antwort.
Bei der Goethe-Universität in Frankfurt, ebenfalls laut neuem Score unter den Top Ten deutscher Universitäten, ist man zwar weniger reserviert, aber genauso überfragt. "So sehr wir die Einstufung begrüßen, so wenig sehen wir uns angesichts der Vielfalt von Rankings und Ranglisten derzeit imstande, die Seriosität und Methodik dieser Rangfolge gegenüber einer Impact-Bewertung abschätzen zu können", sagt der Uni-Sprecher. Die Universitäten München, Heidelberg und Hamburg geben erst gar keinen Kommentar ab.
Tatsächlich ist der Impact Factor in Rankings zur Bewertung der Reputation von Forschungseinrichtungen nur ein Messfaktor von vielen. Gezählt wird meist die Zahl der Nobelpreisträger oder die Höhe der Drittmitteleinwerbung. Der Score von Research Gate zeigt hingegen die aktuelle Stellung von Institutionen im Vergleich untereinander - rein von ihrer Forschungsleistung her, sagt Sprecherin Danielle Bengsch. Man erfahre dadurch viel besser, was die Wissenschaftsgemeinschaft von einer Institution hält.
Die neue Metrik beziehe die gesamte Forschung eines Wissenschaftlers mit ein, also wissenschaftliche Fachartikel genauso wie Roh- und Negativdaten mit einem besonderen Fokus auf im Internet publizierten Daten. Kritiker halten diese allerdings für wenig aussagekräftig. Die meisten der über zwei Millionen Mitglieder seien zwar bei Research Gate angemeldet, sie würden die Plattform aber selten bis gar nicht nutzten.
"Falsch", sagt Bengsch. Laut eigener Auswertung sei mehr als ein Drittel der Mitglieder mindestens einmal im Monat auf der Seite. Und der eigene Score sei, wie auch die gesamte Entwicklung der Plattform, eben kein fertiges Produkt, sagt Ijad Madisch. Als nächstes möchte er, dass Forscher ebenfalls direkt auf Research Gate publizieren, wie dies auf anderen sogenannten Open-Access-Seiten wie der "Public Library of Science" (Plos) erfolgt, die Publikationen kostenlos bereitstellen und mitunter viele Fachrichtungen vereinen. Ob die Wissenschaftler da mitmachen und sich die Plattform tatsächlich durchsetzen kann, bleibt angesichts der Reaktionen von Seiten der Unis abzuwarten.
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- Website "The Cost of Knowledge"
- Offener Brief von Elsevier
- research Gate Score: Erste Bewertung internationaler Forschungseinrichtungen
- Internetseite der Goethe Universität
- Internetseite der Universität München
- Universität Hamburg
- Universität Heidelberg
für die Inhalte externer Internetseiten.
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