Resistente Erreger: WHO warnt vor Tuberkulose-Zeitbombe

Alarmierende Worte von der WHO: Als "Pulverfass" und "Zeitbombe" bezeichnet Generaldirektorin Margaret Chan das Problem mit resistenten Tuberkulose-Bakterien. Die Erreger breiten sich immer stärker und meist unerkannt aus - eine Therapie wird zunehmend schwieriger.

Das Problem ist riesig: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind inzwischen mehr als zwei Milliarden Menschen mit dem Mycobacterium tuberculosis infiziert - das ist ein Drittel der Weltbevölkerung. Zwar erkrankt nur jeder zehnte Infizierte an Tuberkulose (Tbc). Doch die Zahl der resistenten Keime steigt extrem an, wie die WHO am Mittwoch auf einem Treffen mit Gesundheitsministern und Führungskräften aus 27 Nationen in Peking warnte.

Mycobacterium tuberculosis: Multiresistente Erreger zirkulieren in der Normalbevölkerung - eine "Zeitbombe"
Corbis

Mycobacterium tuberculosis: Multiresistente Erreger zirkulieren in der Normalbevölkerung - eine "Zeitbombe"

Fast die Hälfte aller multiresistenten Erreger sei mittlerweile von Anfang an immun gegen bestimmte Antibiotika, berichtete WHO-Generaldirektorin Margaret Chan auf dem Treffen. Bislang entwickelten sich Resistenzen vor allem im Rahmen von abgebrochenen oder unterdosierten Behandlungen. "Da klingeln die Alarmglocken", so Chan. Man wisse jetzt, dass multiresistente Erreger in der Normalbevölkerung zirkulieren und sich in einer zunehmenden Zahl von unerkannt Infizierten vermehren. Es sei ganz offensichtlich eine Situation, die außer Kontrolle geraten könne. "Man kann es Zeitbombe oder Pulverfass nennen, auf jeden Fall ist es eine explosive Lage", sagte Chan.

Während ein Arzt hierzulande eine Tuberkulose-Therapie streng überwacht, können Mediziner in armen Ländern das oft nicht leisten. Weil die Erkrankten die mindestens sechs Monate dauernde Therapie nicht bezahlen können oder sich schon nach wenigen Wochen geheilt wähnen, hören viele zu früh mit der Einnahme von Antibiotika auf - die Erreger können so überleben und sich an die Medikamente anpassen.

Tuberkulose
Erreger
Das Mycobacterium tuberculosis hat eine Stäbchenform. Es wächst relativ langsam, ist säurefest und zählt zu der Familie der Mykobakterien, die unter anderem Lepra und Rindertuberkulose auslösen. Das Mycobacterium tuberculosis dringt vor allem durch eine Tröpfcheninfektion über die Atemwege, die Schleimhäute und die Lungenbläschen in Blut und Organe des Menschen ein.
Krankheit
Tuberkulose ist eine chronische Infektionskrankheit mit weltweiter Verbreitung. Erkrankt der Infizierte direkt nach der Ansteckung, spricht man von Primärtuberkulose. Häufig kapseln sich die Erreger ab (geschlossene Tbc) oder brechen in das Bronchialsystem ein (offene Tbc). Fieber, Abgeschlagenheit, Gewichtsverlust und Husten sind typische Symptome. Bei etwa jedem Zehnten bricht die Erkrankung erst zu einem späteren Zeitpunkt aus, dann führen oft blutiger Auswurf und Husten zur Diagnose. Der Betroffene ist dann hoch ansteckend. Die Bakterien können später auch Organe wie die Haut, Knochen, Darm oder Gehirn befallen. Für die Therapie der unkomplizierten Tuberkulose setzen Ärzte normalerweise zwei Monate lang vier Antibiotika ein (Isoniazid, Rifampicin, Ethambutol und Pyrazinamid). Über weitere vier Monate folgt eine Zweierkombination aus Isoniazid und Rifampicin.
Resistenzen
2006 haben sich weltweit 490.000 Menschen mit multiresistenten Bakterien infiziert, die gleichzeitig mindestens auf Isoniazid und Rifampicin nicht mehr reagieren. Experten sprechen von MDR-Tbc (multi drug resistant tuberculosis). Bei 40.000 Patienten handelte es sich offenbar sogar um extrem resistente Keime (XDR-Tbc, extended drug resistant tuberculosis), die nicht nur gegen die gängigen Medikamente Isoniazid und Rifampicin resistent sind, sondern zusätzlich auch gegen mehrere Ersatzarzneien. Die Therapie wird dann schwieriger, dauert länger und kostet mehr.
Ausmaß weltweit
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO sind derzeit mehr als zwei Milliarden Menschen mit dem Mycobacterium tuberculosis infiziert - das ist ein Drittel der Weltbevölkerung. Nur etwa jeder Zehnte erkrankt jedoch an Tuberkulose. 2007 steckten sich fast 9,3 Millionen Menschen neu an, knapp 1,8 Millionen starben an der Infektionskrankheit. Die WHO-Initiative "Stop TB Partnership" verfolgt die Vision einer Tuberkulose-freien Welt. Das nächste Ziel: Bis 2015 soll die Zahl der Fälle weltweit um 50 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden.
Tbc in Deutschland
2007 wurden nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts 5020 Tuberkulose-Fälle in Deutschland registriert, 139 Menschen starben. Knapp die Hälfte der Erkrankten wurde im Ausland geboren. Insgesamt nimmt die Fallzahl der Erkrankten in Deutschland langsam ab, 2002 litten noch 7701 Menschen an Tuberkulose. Auch die Anzahl von Resistenzen geht im Gegensatz zur weltweiten Entwicklung zurück: Während es 2006 noch 79 Fälle gab, waren es 2007 insgesamt 66 Fälle.
Tbc und HIV
Menschen mit geschwächtem Immunsystem sind besonders anfällig für das Mycobacterium tuberculosis. Eine Tuberkulose-Infektion ist daher die häufigste Todesursache bei HIV-Infizierten in Afrika. Nach Schätzungen der WHO ist mindestens ein Drittel der 33 Millionen HIV-Positiven gleichzeitig Träger der Tuberkulose-Bakterien. Sie haben ein 20- bis 30-fach größeres Risiko, an Tuberkulose zu erkranken als HIV-Negative.
Das Ergebnis: In 490.000 der rund neun Millionen neuen Tuberkulose-Fälle des Jahres 2006 hatten sich die Betroffenen mit multiresistenten Bakterien (MDR-Tbc, multi drug resistant tuberculosis) infiziert. Bei 40.000 Patienten handelte es sich sogar um extrem resistente Keime (XDR-Tbc, extended drug resistant tuberculosis).

Therapieprobleme bei Resistenzen

Den Opfern solcher Erreger bleiben kaum Therapieoptionen. Während ein Tuberkulose-Kranker normalerweise zwei Monate lang mit vier wirksamen Antibiotika und dann für weitere vier Monate mit einer Zweier-Kombination behandelt wird, müssen Ärzte bei MDR-Tbc zu mindestens zwei zusätzlichen Substanzen greifen. Die Behandlung kann sich dann auf fast zwei Jahre verlängern. Bei der XDR-Tbc wird es noch schwieriger. Die Erreger sind nicht nur gegen die gängigen Medikamente Isoniazid und Rifampicin resistent, sondern zusätzlich auch gegen mehrere Ersatzarzneien. Bislang sind nach Angaben der WHO in 41 Ländern Fälle von XDR-Tbc aufgetreten.

Abhilfe schaffen soll nun ein neues Forschungsprojekt, das die Bill & Melinda Gates Foundation und die chinesische Regierung mit 33 Millionen Dollar (rund 25 Millionen Euro) unterstützen. Ziel ist es, multiresistente Erregerstämme möglichst schnell zu erkennen, die Erkrankten bestmöglich und billig zu behandeln und die langwierige Therapie durch Ärzte überwachen zu lassen. Denn ein großes Problem ist, dass ein Großteil der Infektionen nicht erkannt wird - und wenn doch, werden sie laut WHO nur zu drei Prozent nach den gängigen Empfehlungen behandelt. Erfolgt jedoch keine ausreichende Therapie, kann ein Erkrankter im Schnitt 10 bis 15 weitere Menschen pro Jahr anstecken.

Indien steht auf der Liste der Länder mit den meisten Resistenzen an erster Stelle, gefolgt von China und Russland. Allein in diesen drei Ländern wurden laut WHO 56 Prozent der insgesamt 511.000 Tuberkulose-Fälle des Jahres 2007 registriert. Insgesamt steckten sich 2007 fast 9,3 Millionen Menschen mit Tuberkulose an, rund 1,8 Millionen starben an der Krankheit. Betroffen sind vor allem Menschen in armen Ländern, die Hälfte aller Erkrankten lebt in Asien. Besonders bedrohlich sind die Erreger zudem für Aids-Kranke, deren Immunsystem durch HI-Viren geschwächt ist. Der Großteil der HIV-Infizierten stirbt an Tuberkulose.

Die WHO hat sich mit ihrer Initiative "Stop TB" eine strenge Frist gesetzt: Bis 2015 soll die Zahl der Tuberkulose-Fälle weltweit um 50 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden - ein Ziel, das vor allem aufgrund der steigenden Resistenzen nur schwer zu erreichen sein könnte.

hei/Reuters

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite