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Riechforschung: Immer der Nase nach

Von Simone Einzmann

Gefühle gehen durch die Nase: Die Körpergerüche unserer Mitmenschen beeinflussen uns - unmerklich und nachhaltig. Forscher glauben, dass Menschen mit feinem Näschen zum Beispiel besonders einfühlsam sind.

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REUTERS

Feiner Riecher: Gefühle gehen durch die Nase

Wenn Gefühle Flugzeuge wären, spielten Gerüche die Rolle der Lotsen. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee macht uns am Morgen munter, und im Ofen aufgebackene Brötchen wecken Erinnerungen an das sonntägliche Familienfrühstück in den Kindertagen. Umgekehrt genügt der Geruch des in Zahnarztpraxen gebräuchlichen Schmerzmittels Eugenol, um so manchem von uns Angst und Schrecken einzuflößen.

Gefühle gehen durch die Nase. Genauer gesagt: "Unsere Reaktion auf Gerüche hängt mit dem emotionalen Kontext zusammen, in dem wir sie das erste Mal wahrgenommen haben." So formuliert es die Psychologin Rachel Herz von der Brown University in Providence (US-Bundesstaat Rhode Island). Die Erfahrung entscheidet also mit darüber, was wir als Wohlgeruch wahrnehmen und was als Gestank. Babys etwa, deren Mütter während der Schwangerschaft oder Stillzeit oft Knoblauch aßen oder Zigaretten rauchten, reagieren auf solche Reize positiver als andere Säuglinge, so Herz. Grundsätzlich beruhten die meisten der von Gerüchen geweckten Gefühle auf Lernerfahrungen.

Um das nachzuweisen, führte die Psychologin 2005 zwei Experimente durch, bei denen sie ihren Versuchspersonen entweder eine Vorliebe für oder eine Abneigung gegen einen neu kreierten Geruch einimpfte. Zunächst ließ Herz ihre Probanden ein unterhaltsames oder aber ein frustrierendes Computerspiel testen. Dann präsentierte sie ihnen fünf verschiedene Duftproben: die angenehmen und vertrauten Wohlgerüche von Rose, Vanille, Zitrone und Pfefferminze - sowie einen undefinierbar süßlichen Mief aus Matsch und gebuttertem Popcorn.

Nach dem witzigen Spiel bewerteten die Teilnehmer den unbekannten Modergeruch häufiger als angenehm und vertraut, als dies eine Kontrollgruppe tat. Probanden, die das frustrierende Spiel hinter sich hatten, empfanden hingegen selbst die vermeintlichen Wohlgerüche als widerlich. Die Gefühlslage schien also auf den Geruch abzufärben.

"Unsere Reaktion auf Gerüche hängt mit dem emotionalen Kontext zusammen, in dem wir sie das erste Mal wahrgenommen haben"

Rachel Herz, Psychologin an der Brown University

Der erste Dufteindruck hinterlässt sogar Spuren im Gehirn, wie 2009 ein Team um die Neurobiologin Yaara Yeshurun vom Weizmann- Institut in Rehovot (Israel) herausfand. Die Forscher präsentierten ihren Testpersonen 60 Abbildungen von Gegenständen, jeweils gepaart mit einem anderen Duftstoff. Anschließend sollten die Probanden jedem Objekt, das ihnen erneut gezeigt wurde, den richtigen Geruch zuordnen, wobei sie stets zwischen drei Varianten wählen konnten. Schließlich präsentierten die Forscher die Objekte in einer weiteren Lernphase erneut, paarten sie nun allerdings mit anderen Düften. Eine Woche später sollten die Probanden Objekt und Duft wieder einander zuordnen - entweder in jener Kombination des ersten oder in jener des zweiten Durchgangs.

Zwar gelang den Teilnehmern das für beide Lernphasen etwa gleich gut. Doch nur dann, wenn sie sich korrekt an die erste Verknüpfung erinnerten, ließ sich bei ihnen im Gehirn ein bestimmtes Aktivitätsmuster beobachten: Besonders aktiv waren der Hippocampus sowie die Amygdala. Ersterer ist für Lernprozesse, Letztere für Gefühlsreaktionen sehr wichtig. Bei der zweiten Kombination blieb dieser Effekt dagegen aus; dasselbe galt für Bild-Ton-Verknüpfungen, die in einem weiteren Experiment getestet wurden.

Laut Yeshurun spielt die erste Assoziation zwischen Geruch und Objekt für das emotionale Gedächtnis eine besondere Rolle. So erkläre sich auch, warum bestimmte Düfte vor allem Erinnerungen an die Kindheit wecken - und nicht etwa an spätere Erfahrungen mit demselben Geruch.

Dass der Mensch emotional auf Gerüche reagiert, ohne sich dessen immer bewusst zu sein, ist vermutlich biologisch bedingt. Die Ursache liegt in der Bauweise unseres Gehirns: Das Geruchszentrum ist darin eng mit dem "emotionalen "limbischen System verbunden, so dass Düfte ohne Umweg über die Großhirnrinde auf unsere Gefühle einwirken. Dies geschieht unbemerkt und äußerst schnell. Gerüche eignen sich deshalb auch vortrefflich als zwischenmenschliches Warnsignal.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Die Formulierung "Forscher glauben"
frank_lloyd_right 29.05.2010
ist an sich schon ein Hinweis, daß hier irgendwer nicht richtig nachgedacht hat. Weiter so - von der emotionalen zur rhinencephalen Intelligenz, Vorsprung durch Körpergeruch.
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Internationale Stinkbombe
Das US-Militär versuchte einst, eine "Stinkbombe" zu entwickeln, die auf alle Menschen und speziell auf verschiedene ethnische Gruppen abstoßend wirkt – doch ohne Erfolg. Das berichtete 2005 die Psychologin Rachel Herz von der Brown University in Providence (US-Bundesstaat Rhode Island). Welcher Geruch uns angewidert die Nase rümpfen lässt, ist kulturell offenbar sehr verschieden.
Süß oder abstoßend – auch eine Frage der Gene

Manche Frauen rümpfen beim Geruch von Androstenon die Nase – andere wiederum mögen’s: Es handelt sich um das Abbauprodukt des Sexualhormons Testosteron, das Männerschweiß eine markante Note verleiht. Andreas Keller von der Rockefeller University in New York und Hanyi Zhuang von der Duke University in Durham identifizierten unter den mehr als 300 menschlichen Geruchsrezeptoren denjenigen, der am stärksten auf Androstenon anspricht. Ob Mann oder Frau: Wer eine verbreitete Variante dieses Rezeptors in der Riechschleimhaut trug, empfand den Männerschweiß eher als unangenehm, während die übrigen das Aroma überdurchschnittlich oft als süß und vanillig beschrieben. Allerdings entschied die genetisch bedingte Rezeptorvariante nicht allein über Vorliebe oder Abneigung, denn auch andere Geruchsrezeptoren sowie die Erfahrung spielten dabei hinein.

(Keller, A. et al.: Genetic Variation in a Human Odorant Receptor Alters Odour Perception. In: Nature 449, S. 468 – 472, 2007)


Auf einen Blick

Dufte Sache

1. Welche Gefühle ein Geruch auslöst, ist (weitgehend) Erfahrungssache. Besonders tiefe Spuren im Gehirn hinterlässt stets der erste Riecheindruck.

2. Ohne dass wir uns dessen bewusst sind, beeinflusst der Körpergeruch unserer Mitmenschen unsere Stimmung und unser Verhalten.

3. Riechen wir etwa bei anderen Angstschweiß, so verhalten wir uns wachsamer und vorsichtiger.


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