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Risiken medizinischer Vorsorge: Die kranke Macht der Statistik

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Tests, Screenings, Krankheitsrisiken: Unser ganzes Gesundheitsleben ist geprägt von Zahlen und Statistiken. Mal jagen sie uns Angst ein, mal wiegen sie uns in Sicherheit - oft zu Unrecht. Mit etwas statistischer Bildung würden sich viele Menschen nicht so leicht ins Bockshorn jagen lassen.

Man stelle sich vor: Der Doktor sitzt vor einem und erklärt in ruhigem, ernstem Ton: "Eine neue Studie zeigt, dass dieses Medikament, das Sie nehmen, das Risiko für eine Thrombose um 100 Prozent erhöht. Wollen Sie es weiter nehmen oder lieber nicht?"

Mammographie: "Ärzte haben keine adäquate Ausbildung im Verständnis von Risiken und Unsicherheiten"
DPA

Mammographie: "Ärzte haben keine adäquate Ausbildung im Verständnis von Risiken und Unsicherheiten"

Genau in dieser Situation befanden sich Mitte der neunziger Jahre Tausende britischer Frauen. In Zeitungen und Magazinen waren alarmierende Artikel über die Antibabypille der dritten Generation aufgetaucht. Sie erhöhe das Risiko für eine Thromboembolie um besagte 100 Prozent. Ärzte hatten von offizieller Stelle einen Warnbrief erhalten. Die Medien waren extra verständigt worden. Verunsicherte Frauen wechselten die Verhütungsmethode oder hörten auf, die Pille zu nehmen.

Fatale Folge: Die Zahl der ungewollten Schwangerschaften nahm zu, der Abwärtstrend bei Abtreibungen in der ersten Hälfte der neunziger Jahre in Wales und England kehrt sich um. Gesundheitsexperten schätzen, dass die Pillenpanik zu 13.000 zusätzlichen Abtreibungen und 800 zusätzlichen Schwangerschaften bei unter 16-Jährigen führte. Die Kosten für das nationale Gesundheitssystem betrugen geschätzte 4 bis 6 Millionen britische Pfund.

Die Pillenpanik in Wales und England war das Ergebnis eines Phänomens, dass Bildungsforscher wie Gerd Gigerenzer "kollektive Zahlenblindheit" oder "fehlende statistische Bildung" bezeichnen. "Ein Phänomen, das weit verbreitet, aber kaum bekannt ist", sagt Gigerenzer. Bisher hat er sich dem Problem als Direktor des Max-Planck-Institutes (MPI) für Bildungsforschung in Berlin gewidmet. Nun wurde in den Gebäuden des MPI das Harding Center for Risk Literacy eröffnet, in dem sich Gigerenzer mit fünf Mitarbeitern exklusiv dieser Fragestellung widmen kann. Benannt ist es nach dem britischen Multimillionär David Harding. Der hatte Gigerenzers Sachbuchbestseller "Das Einmaleins der Skepsis" gelesen. Jetzt stattet er das Zentrum mit einem Budget von 1,5 Millionen Euro aus.

In Vorträgen und Büchern versucht Gigerenzer den Menschen einfachste statistische Kenntnisse zu vermitteln. Wir können relative nicht von absoluten Risiken unterscheiden, wir glauben, medizinische Tests wären hundert Prozent sicher. Das Beispiel der "Pillenpanik" - nicht die erste in Großbritannien - zeigt etwa, wie leicht Menschen sich von hohen Prozentzahlen verunsichern lassen. "Die hohen Prozentzahlen gaukeln ein hohes Risiko vor", sagt Gigerenzer. Dabei handelt es sich nur um ein relatives Risiko. Hätten damals Institutionen, Ärzte und Medien den Frauen die Zahlen für das absolute Risiko mitgeteilt, wäre die Sache wahrscheinlich anders gelaufen.

Relative Risiken vs absolute Zahlen

In realen Zahlen ausgedrückt klingt das britische Pillen-Beispiel nämlich weit weniger gefährlich: Bei den Antibaby-Pillen der zweiten Generation hatte von 7000 Frauen eine Frau eine Thromboembolie erlitten. Bei der neuen Pillengeneration waren zwei von 7000 betroffen. Ein Anstieg um 100 Prozent, wenn man das relative Risiko betrachtet. Ein Anstieg um 1 von 7000, wenn man es in absoluten Zahlen ausdrückt. "Damit können Sie den Frauen keine Angst einjagen", ist Gigerenzer überzeugt.

Das Problem: Weil wir in Sachen Statistik so ungebildet sind, lassen wir uns auch leicht ins Bockshorn jagen. Die Pillenpanik ist nur eines von vielen Beispielen. Ein anderes ist eine Meldung über die angeblich drastisch erhöhte Krebsgefahr durch Oralsex, die 2007 weltweit Schlagzeilen machte: Auch hier wurde mit relativen Risiken operiert. Viele solcher Beispiele hat Gigerenzer in einem Artikel im Fachblatt " Psychological Science in the Public Interest" zusammengefasst.

Statistische Unbildung findet sich in allen Schichten und Berufssparten. Politiker wie der ehemalige New Yorker Rudy Giuliani oder Englands Premier Tony Blair preisen die Vorzüge ihres Nationalen Gesundheitssystems, weil sie die Sterblichkeitsstatistik offenbar nicht verstehen. Viele deutsche Ärzte können ihren Patientinnen nicht erklären, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sie Brustkrebs haben. Viele Menschen sind überzeugt, dass HIV- oder DNA-Tests absolut verlässlich seien.

Gigerenzer hat zwei Erklärungen für die kollektive statistische Unbildung. Zum einen: Wir lernen es nicht in der Schule, und auch nicht an den Universitäten. "Ärzte haben keine adäquate Ausbildung im Verständnis von Risiken und Unsicherheiten. Das ist eigentlich ein Skandal", findet Gigerenzer. In der Schule wird Statistik vor allem für die Schule und nicht fürs Leben gelehrt. "Man muss es lehren wie eine Problemlösungs-Strategie für die wirkliche Welt", sagt Gigerenzer. Schüler sollten lernen, welche Fragen sie stellen müssen, um eine Statistik zu verstehen. Sie müssen begreifen, dass es transparente und verschleiernde Darstellung von Statistiken gibt.

Mit Prozentzahlen wird meist mehr verschleiert als offenbart

Für Gigerenzer ist das nämlich das nächste Problem: Risiken und Wahrscheinlichkeiten werden in der Regel so dargestellt, dass es einfach schwer fällt, sie zu verstehen. "Den Ärzten und all den anderen Menschen fehlt kein Gen für das Verständnis von Gesundheitsstatistiken", sagt er. Es gebe einfach Methoden, Risiken transparent oder intransparent zu präsentieren. Mit Prozentzahlen, die oft spektakulär klingen, wird meist mehr verschleiert als offenbart. "Sie bringen nur was, wenn man weiß, auf was sie sich beziehen. Aber das wird selten gemacht", sagt der Bildungsforscher. Echte Häufigkeiten seien viel hilfreicher, wie der Fall der Pillenpanik zeige.

Schließlich müssten wir alle akzeptieren, was schon Benjamin Franklin gesagt hatte: "Nichts ist sicher, außer der Tod und die Steuern. "Jeder Test liefert einen gewissen Anteil falsch positiver und falsch negativer Ergebnisse. Tests produzieren Fehlalarme. Das eigenartige ist: Menschen wissen das eigentlich, aber aus einem anderen Kontext: Wer rennt schon jedes Mal auf die Straße, nur weil die Alarmanlage des Autos losgeht. Kein System ist perfekt. Auch beim Ausschlagen des Metalldetektors am Flughafen stürzen sich die Beamten nicht jedes Mal auf den leicht verunsicherten Flugpassagier. "Sie wissen, dass ein Gerät Fehlalarme produziert. Und genau das gleiche passiert bei medizinischen Tests." Die Erkenntnis kann sogar Hoffnung machen. Dann bedeutet ein positiver Befund nach einer Mammographie nicht gleich das Todesurteil. Die Chancen sind hoch, dass es ein falsch positiver Fehlalarm war.

"Statistisches Verständnis ist so wichtig wie Lesen und Schreiben", predigt Gigerenzer immer wieder. Es sind keine angenehmen Wahrheiten, die er den Menschen schmackhaft machen will. Franklins Satz müssten die Deutschen endlich verinnerlichen. Es sind einfachste Grundbegriffe, die wir alle lernen müssen. Der Unterschied etwa zwischen absolutem und relativem Risiko, den die Ärzte, Medien und Frauen in England nicht erkannten. Oder die einfache Frage bei Prozentzahlen: "Prozent von was?"

Doch hinter Gigerenzers Wunsch, dass die Menschen die Statistik verstehen und mit Unsicherheiten leben lernen, steht noch etwas anderes: Die Vorstellung des mündigen Bürgers, der sich nicht von Experten paternalistisch die Welt erklären lässt. "Experten sind nicht dazu da, uns die Illusion von Gewissheit zu geben, das sind schlechte Experten", sagt Gigerenzer. Wir sollten den Mut haben, die Unsicherheiten des Lebens anzuerkennen. "Beim Fußball oder Glücksspiel, da will auch keiner wissen, wie es ausgeht", sagt Gigerenzer. Wir müssen akzeptieren, dass wir in einer unsicheren Welt leben. Und dass hundert Prozent mehr manchmal sehr wenig sein kann.

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1. Statistik = Werkzeug gezielter Manipulation
VitoD, 22.04.2009
Vollkommen richtiger Artikel. Ich bin froh das ich an der Uni Statistik hatte und wir im Rahmen statistischer Hauarbeiten, viel darüber gelernt haben. Fast alle kennen den Satz: Traue keiner Statistik die du nicht selbst gefälscht hast. ...Und trotzdem weiß die Allgemeinheit kaum was sich dahinter verbirgt. Das schlimme ist doch, dass man mit Statistik ganz gezielte Manipulation durchführen kann. Schließlich lügt man nicht wenn man sagt, der Anstieg von 1 von 7000 Fällen auf 2 von 7000 Fällen ist eine Steigerung von 100%. Aber durch das weglassen der WIRKLICH relevanten Daten, kann man so Ängste erzeugen, um diese auf ein ganz bestimmtes Handeln hin zu lenken. Statistik sollte in der Schule gelehrt werden. Ganz klar. Später ist man damit einfach zu wenig bis gar nicht konfrontiert, es sei denn man studiert ein Fach wo die Statistik gelehrt wird.
2. Das ist ein Teil des Problems
Hador, 22.04.2009
Die mangelnde statistische Bildung ist sicherlich ein Problem. Leider aber kommt man auch mit relativ guten Statistikkentnissen oft nicht weiter. Als Physiker kenne ich mich mit Statstik eigentlich relativ gut aus, dennoch bleiben Statistiken immer so eine Sache und sind oft nur bedingt nachvollziehbar. Ein weiteres Problem von Statistiken ist nämlich, dass man mit einer Statistik eigentlich nur dann etwas anfangen kann wenn man wirklich alle dafür nötigen Daten hat.....und die bekommt man in den meisten Bereichen gar nicht. Ohne solche Daten wie z.B. die genaue Zusammensetzung der für die Statistik herangezogenen Personengruppe, den genauen Fragestellungen und vielem anderen, kann man aber mit den meisten Statistiken GAR NICHTS anfangen bzw. man kann in sie hineininterpretieren was man will. Bestes Beispiel: Das (meiner Meinung nach) unselige Interview mit Frau Mühlhause im Spiegel. Da sagt die Frau, Mammografie würde die Mortalität bei Brustkrebs nur um etwa 1 Promille senken, da von 1000 gescreenten Frauen etwa 3 an Brustkrebs sterben. Ohne Mammografie sterben von 1000 Frauen 4. Wenn man nun auf die Gesamtheit der Frauen rechnet hat Frau Mühlhauser recht. Rechnet man dagegen nur die Frauen, die auch wirklich Brustkrebs haben, dann sinkt die Mortalität deutlich stärker. Das Problem an der Statistikauslegung von Frau Mühlhauser, die wie gesagt nicht mal falsch ist, liegt darin, dass man mit der gleichen Rechnung auch zeigen kann, dass Anschnallpflicht im Auto, Airbags oder viele andere Sicherheitsvorschriften völlig unsinnig sind. Warum z.B. auf der Baustelle einen Helm tragen? Von 1000 Bauarbeitern würden (ist jetzt ne Schätzung) wohl 995 ihr gesamtes Berufsleben auch ohne Helm überleben. Mit Helm überleben vermutlich 996. Die tatsächliche Änderung ist auch hier ein Promille. Sollten Arbeiter also auf Helme verzichten? Der Punkt ist, dass man mit Statistiken fast alles zeigen kann solange man nicht gezwungen ist wirklich alles Daten auf denen die Statistik beruht offen zu legen. Das passiert aber fast nie und solange das nicht geschieht hilft auch die beste Kentniss der statistischen Rechenmethoden nicht weiter
3. Top
K1llaH 22.04.2009
Vielen Dank für diesen Artikel. Kann mich dem ersten Leser-post nur anschleißen, hate auch Statistik in der Uni und bin dankbar dafür.
4. Cholesterin
Rosengarten, 22.04.2009
in aktuelles Beispiel manipulativer Berichterstattung auf Basis falsch verstandener Statistik liefert diese Woche der Focus mit seiner Cholesterinphobie - einfach widerlich wie da mit "Fakten" manipuliert wird.
5. Schon bei einer Wahrscheinlichkeit von 1/7000
GM64 22.04.2009
würde ich die Pille nicht nehmen. Vor allem kann ich mir nicht vorstellen, dass die 7000 Frauen als Testerinnen uber viele Jahre hinweg untersuchen konnten. Wenn man mit der Wahrscheinlichkeit im Lotto gewinnen würde, wären viele Leute Millionär. Die Frage ist doch was passiert, wenn man die Pille 20 Jahre verwendet, und so lange testet keiner. Ist die Wahrscheinlichkeit dann 20*1/7000 ? Wer kann das sagen? Ist die Wahrscheinlichkeit von der Zeit der Einnahme abhängig? Der Papst hat da eher Recht, denke die Pille lehnt der doch auch ab. Oder? Es ist doch so, dass in Wirklichkeit keine Pille wirklich ausgetestet ist. Weil man dazu viele Tester über sehr viele Jahre zur Verfügung haben müsste. Die Medizin verwendet die Möglichkeiten nicht die sie eigentlich hätte. Wenn jeder Kranke seine Erfahrungen in einem Computer beim Arzt abgeben würde, wüssten wir alle viel mehr. Würden diese Daten dann auch dem Arzt gleich bei der Verordnung zur Verfügung stehen, dann wäre das noch besser. Ein Computer könnte auch wesentlich bessere Diagnosen stellen als ein Arzt. Bis der Patient seine Zeit im Wartezimmer vergeudet, könnte er ja einem Blechtrottel Fragen beantworten, der dem Arzt eine Diagnose dann vorschlägt. Höchstwahrscheinlich wäre der Halbgott dann mit dem Vorschlag überfordert, weil das Rechner immer mehr kennen würde als der Mensch, aber wenn der Arzt dann ein wenig mitdenkt, hätte man eine bessere Situation als heute. Aber ich denke dem Doktor würde so etwas nicht gefallen. Ich finde die elektronische Patientenkarte gut. Meine Gesundheit ist mir wichtiger als der Datenschutz. Zum Thema Pille: Hat schon jemand den Zusammenhang von Pille und Brustkrebs untersucht?
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