Risiko Antibiotika Resistente Superkeime erobern die Umwelt

Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind, bedrohen die Gesundheit von Millionen. Zu den Brutstätten zählen Kliniken - und die Tierhaltung mit ihrem hohen Antibiotika-Einsatz. Jetzt warnen Experten: Die Gefahr könnte noch viel größer sein als bisher gedacht.

Von Torsten Mehltretter


Wolfgang Witte ist beeindruckt. Ein solches Ergebnis hätte der Infektionsbiologe vom Robert Koch-Institut in Wernigerode nicht erwartet: Ein Forscherteam der Universität Uppsala hatte kürzlich untersucht, welchen Einfluss minimale Antibiotikarückstände auf die Bildung von resistenten Keimen haben. Ihr Resultat, das die Wissenschaftler im Fachmagazin "PLoS Pathogens" veröffentlicht haben, ist eindeutig: schon kleinste Mengen - deutlich unter den in Deutschland zugelassenen Grenzwerten für Antibiotikarückstände in Nahrungsmitteln - können die Verbreitung von resistenten Erregern begünstigen. "Das ist ja ein Ding!", sagt Witte. "Man wird über die Grenzwerte nachdenken müssen."

Witte leitet das Fachgebiet 13 für Nosokomiale Infektionen. Krankheiten also, die sich durch Ansteckungen in Einrichtungen des Gesundheitswesens verbreiten. Seit Jahren vermutet der Forscher einen Zusammenhang zwischen resistenten Krankenhauskeimen und dem gedankenlosen Einsatz von Antibiotika in der Tiermast. Seine Studien trugen maßgeblich dazu bei, dass die Medikamentengruppe nicht mehr als sogenannte Leistungsförderer in den Schweine- und Hähnchenställen eingesetzt werden darf. Gemeint sind Substanzen, die die Futterverwertung der Tiere verbessern.

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Resistenzen: Antibiotika mit Nebenwirkung
Viel gebracht hat das Verbot nicht. Nach Expertenschätzungen landen zwei Drittel aller in Deutschland verabreichten Antibiotika in der Tierhaltung. Zwar ist das nur noch nach medizinischer Indikation der Fall, doch einen Krankheitsbefund kann ein geschäftstüchtiger Tierarzt in einem Stall mit 39.900 Hähnchen - eine Standardgröße für Hähnchenbetriebe - vermutlich immer diagnostizieren. Dann verschreibt er Antibiotika. Nach Schätzungen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums geschieht das zwei Mal pro Mastdurchgang.

Ein solcher dauert bei Hähnchen um die 35 Tage. Zum Schlachttermin kontrolliert der Amtstierarzt, ob genügend Zeit zwischen dem letzten Tag der Medikamentengabe und der Schlachtung vergangen ist. Diese, je nach Medikament unterschiedliche lange Ruhezeit, ist so festgelegt, dass in den Nieren und im Muskelfleisch nur noch Antibiotikamengen festgestellt werden, die unterhalb eines bestimmten Grenzwertes liegen.

Eine Korrektur des Wertes nach unten würde die gängige Praxis der deutschen Tiermast deutlich verändern: Die Ruhezeiten müssten verlängert werden, was zu einer Reduzierung der Medikamentenverschreibung insgesamt führen könnte, so die Hoffnung. Das Bundesamt für Risikoforschung schätzt für 2010, dass Schweine im Schnitt 5,9 und Rinder 2,3 Mal Antibiotika bekamen, bevor sie auf der Schlachtbank landeten.

Noch aber ziert sich das Bundesamt für Verbraucherschutz und erkennt keine neue Gefahr für den Verzehr von Fleisch mit Antibiotikarückständen unterhalb der Grenzwerte. Allerdings räumt die Pressestelle ein, dass weitere Studien nötig seien. Diese laufen derzeit an vielen Universitäten, denn längst sind antibiotikaresistente Keime ein Problem. Gerade erst hat das Bundesgesundheitsministerium eine neue Hygienerichtlinie gegen die Ausbreitung von Methicillin resistenten Staphylococcus aureaus - kurz MRSA an die Krankenhäuser ausgegeben. Die Umsetzung kostet Millionen, hilft aber, die Ausbreitung des als Krankenhauskeim bekannt gewordenen Erregers, einzudämmen.

Resistente Keime sind seit Urzeiten im Umlauf. Vermutlich sind sie einst durch zufällige Mutationen im Erbgut entstanden. Besonders gut breiten sie sich aus, wenn Antibiotika im Spiel sind: Sie töten jene Bakterien, die sensibel für diese Substanzen sind - und machen so das Feld frei für die resistenten Keime, die sich dann ungehindert vermehren können.



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insgesamt 63 Beiträge
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karl1000 15.10.2011
1. Resistente Antibiotika - ein Regelkris der Natur
Eigentlich ganz einfach - wir haben da einen natürlichen Regelkreis. Die Menschheit vermehrt sich explosiv - um sich zu ernähren mästet man die Viecher in Massenhaltung mit Antibiotika - Die wirken nicht mehr als Medizin - Krankheiten werden unbehandelter - Die Menschheit reduziert sich.
OoogaBoooga, 15.10.2011
2. Falsch
Zitat von karl1000Eigentlich ganz einfach - wir haben da einen natürlichen Regelkreis. Die Menschheit vermehrt sich explosiv - um sich zu ernähren mästet man die Viecher in Massenhaltung mit Antibiotika - Die wirken nicht mehr als Medizin - Krankheiten werden unbehandelter - Die Menschheit reduziert sich.
Fleisch ist sicher nicht da, "um sich zu ernähren". Fleisch ist ineffizient in seiner Produktion, es ist ein Luxusprodukt. Für ein 1kg Fleisch benötigt man 7-8 KG Getreide und Unmengen von Wasser. Fleisch wird in diesen Mengen produziert, weil es für viele Menschen ein Genussmittel ist. So wie Gummibärchen eben. "Lecker", Supermarktregalfüllend, aber nicht notwendig.
Ylex 15.10.2011
3. Bumerang
Zitat: „Neben den MRSA-Keimen hat er auch das Erbgut von Bakterien analysiert, die spezielle Enzyme produzieren, die sogenannten Extended Spectrum Beta Lactamasen (ESBL). Diese Keime beherbergen in ihren Genen zwei besorgniserregende Eigenschaften: Sie zerstören Penicilline, die nach wie vor am häufigsten eingesetzte Antibiotikagruppe, und sie können diese Fähigkeit im menschlichen Darm leicht an Krankheitserreger wie zum Beispiel Kolibakterien weitergeben.“ Als Laie neigt man zu Vereinfachungen, meine wäre: Der übermäßige Einsatz von Antibiotika bei Menschen und bei der Massen-Tiermast ist ein Bumerang, der die erfolgreiche Behandlung ungezählter Krankheiten sehr erschweren könnte, wenn nicht sogar unmöglich machen könnte. Mir ist jemand bekannt, bei dem die meisten Antibiotika nicht mehr wirken, er schrammte haarscharf am Tod vorbei, nachdem er eine Ärzte-Odyssee hinter sich gebracht hatte, nun geht’s ihm zum Glück wieder gut. Offenbar schlägt die Natur auf eine heimtückische Art zurück, wenn der Mensch sie überlisten will - vermutlich einer der Mechanismen zur Begrenzung der Population.
blowup 15.10.2011
4. Lobby
Und was tut die Politik, Das gleiche wie immer: sie nickt vor der Lobby ein. Diesmal ist es die Agrar-Lobby, bzw. die Krankenhaus-Lobby. Wann haben wir endlich mal Politiker, die sich dem Volk verpflichtet fühlen?
wrtlbrmft 15.10.2011
5. aha!
Zitat von blowupUnd was tut die Politik, Das gleiche wie immer: sie nickt vor der Lobby ein. Diesmal ist es die Agrar-Lobby, bzw. die Krankenhaus-Lobby. Wann haben wir endlich mal Politiker, die sich dem Volk verpflichtet fühlen?
Und was, bitte schön, soll "die Politik" da tun? Dieses Thema existiert seit Anfang der 80er Jahre und war damals aktueller denn heute, weil Antibiotika in der Tierhaltung damals gang und gäbe waren. Ein Anstieg der Resistenzen wird von den immer gleichen Angstmachern seit damals prognostiziert - tatsächlich nachgewiesen ist er bis heute nicht. Es gibt seit 30 Jahren in diesem Bereich absolut nichts Neues - außer einer vermehrten Angstmache.
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