Risikopsychologie Warum der Brexit einem Flugzeugcrash ähnelt

Der Brexit droht für Großbritannien zum Desaster zu werden - doch die britische Regierung hält unverdrossen Kurs. Das hat verblüffende Ähnlichkeit mit einem psychologischen Effekt, der auch Flugzeuge zum Absturz bringen kann.

Fluglotsen im Tower am Flughafen (in Bremen, Januar 2014)
DPA

Fluglotsen im Tower am Flughafen (in Bremen, Januar 2014)

Von , Brüssel


Es war gegen halb fünf nachmittags, als sich der Himmel vor der Lockheed Electra bedrohlich verfinsterte. Die Crew der viermotorigen Maschine bat die Flugverkehrskontrolle, das Unwetter über dem US-Bundesstaat Texas westlich umfliegen zu dürfen. Der Fluglotse meinte, alle anderen Flüge nähmen eine östliche Route - doch die Besatzung von Braniff Flug 352 wollte davon nichts wissen. Als das Wetter immer schlimmer wurde und der Fluglotse erneut die Umleitung nach Osten empfahl, sagte Kapitän John R. Philipps seinem ersten Offizier: "Rede nicht zu viel mit ihm. Er will nur, dass wir zugeben, einen großen Fehler begangen zu haben."

Der Fluglotse sollte Recht behalten. Nur wenige Minuten später ist auf dem Stimmenrekorder der Electra zu hören, wie Kapitän Philipps noch eine Kehrtwende versuchte. Doch es war zu spät. Die Electra wurde während des Manövers von Turbulenzen erfasst und zerbrach in der Luft. Alle 85 Menschen an Bord starben.

Das Unglück vom 3. Mai 1968 liegt inzwischen fast ein halbes Jahrhundert zurück - aber es könnte zum Teil erklären, was gerade beim Brexit schiefläuft. Denn an beiden scheint der gleiche psychologische Prozess beteiligt zu sein.

David O'Hare, Professor an der University of Otago in Neuseeland, nennt das Flugzeugunglück in einer 2009 erschienen Studie als Beispiel für die sogenannte Neue Erwartungstheorie. Sie wurde 1979 entwickelt, 2002 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet und gilt als bestens belegt. Sie besagt, dass Menschen Risiken scheuen, solang ein sicherer Gewinn winkt. Droht allerdings ein Verlust, sind sie plötzlich zu hohen Risiken bereit, um ihn abzuwenden.

Verlustrisiko macht risikofreudig

O'Hare verdeutlicht das im "International Journal of Aviation Psychology" an einem Beispiel: Bietet sich die Wahl zwischen einem sicheren Gewinn von 80 Dollar oder einer 85-prozentigen Chance auf 100 Dollar (bei 15 Prozent Risiko des Totalausfalls), so entschieden sich die meisten Menschen für die sicheren 80 Dollar. Das ist aber nicht so, wenn man das Beispiel einfach umdreht: Sind sie vor die Wahl gestellt zwischen einem sicheren Verlust von 80 Dollar und der 15-Prozent-Chance auf gar keinen Verlust, wählen die meisten Menschen das Risiko - trotz der 85-prozentigen Wahrscheinlichkeit, am Ende sogar 100 Dollar zu verlieren.

Die Parallelen zwischen dem Flugzeugunglück und dem Brexit liegen auf der Hand: Die Aussichten auf einen Erfolg verdüstern sich zusehends, stattdessen zeichnet sich am Horizont eine drohende Katastrophe ab. Doch die britische Politik hält eisern Kurs auf den Brexit; einflussreiche Stimmen für eine Kehrtwende gibt es praktisch nicht.

O'Hare sieht hier einen ähnlichen Mechanismus am Werk wie beim Absturz der Electra vor fast 50 Jahren. Deren Piloten wäre bei einer Kehrtwende einiges an Ungemach sicher gewesen, "etwa eine Landung auf einem anderen Flughafen oder ein lädierter Ruf". Ähnliches gilt beim Brexit: Würde die britische Regierung ihn abbrechen, wäre wohl der in der EU einzigartige Rabatt auf Haushaltsbeiträge perdu, ebenso wie eine gehörige Portion Nationalstolz und jede Menge politisches Kapital.

Vermutlich wäre das aber immer noch die vernünftige Variante - denn die Verluste, die ansonsten drohen, reichen von der Abwanderung zahlreicher Unternehmen bis hin zum Niedergang der Londoner Finanzwirtschaft. Doch es gibt da auch noch die andere Möglichkeit - vielleicht ist sie nur klein, aber immerhin: Nichts davon tritt ein, und der Brexit wird tatsächlich ein glänzender Erfolg. Und da sichere Verluste den Menschen erwiesenermaßen ein Graus sind, sagt die Neue Erwartungstheorie laut O'Hare voraus, dass die Briten weiter mit vollem Risiko auf Brexit-Kurs bleiben - "ungeachtet immer größer werdender potenzieller Verluste".

"Politiker finden Kehrtwenden unattraktiv"

In der Politik könnte dieser Effekt sogar noch stärker ausgeprägt sein als anderswo. "Politiker legen tendenziell besonders großen Wert darauf, konsistent, stabil und stark zu wirken", meint O'Hare. "Kehrtwenden finden sie ausgesprochen unattraktiv." Wie sehr das gilt, verdeutlichte etwa die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1980, als sie ihren Tory-Parteifreunden in einer heute berühmten Rede versicherte, für Kurswechsel nicht zur Verfügung zu stehen: "The lady's not for turning."

Daniel Kahneman und Amos Tversky, die Entwickler der Neuen Erwartungstheorie, wiesen 1979 noch auf einen weiteren Umstand hin, der beim Brexit ebenfalls eine erhebliche Rolle zu spielen scheint: Menschen tendieren dazu, ihre Ziele nicht vom Ende her zu denken, sondern sie mit einem bestimmten Referenzpunkt zu vergleichen.

Üblicherweise ist das der aktuelle Zustand. Es kann aber auch eine erwartete Veränderung sein, wie etwa eine goldene Brexit-Zukunft. Alles, was diese Erwartung am Ende unterschreitet - selbst wenn es ein kleinerer Gewinn ist - , "würde psychologisch wie ein Verlust behandelt", schreibt O'Hare in seiner Studie. Dass das Kabinett von Premierministerin Theresa May erst Mitte Dezember erstmals über das erwünschte Brexit-Endergebnis debattiert hat, lässt vor diesem Hintergrund wenig Gutes ahnen.

Erschwerend hinzu kommt, wie O'Hare gegenüber dem SPIEGEL anmerkt, ein wichtiger Unterschied zwischen dem Brexit und dem Flugzeugcrash von 1968: Ein Pilot sei von den negativen Folgen seiner Entscheidungen ebenso sehr betroffen wie seine Passagiere. "Beim Brexit gilt das wahrscheinlich nicht."

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Zusammengefasst: Die britische Politik hält eisern am Brexit fest - obwohl die Gefahr, dass der EU-Austritt Großbritannien teuer zu stehen kommt, immer deutlicher wird. Eine mögliche Erklärung bietet ein psychologischer Mechanismus, der auch am Absturz von Flugzeugen beteiligt war: Menschen scheuen Verluste - und sind zu hohen Risiken bereit, um sie zu vermeiden.

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Atheist_Crusader 02.01.2018
1.
"Ein Pilot ist von den negativen Folgen seiner Entscheidungen ebenso betroffen wie seine Passagiere, meint der Psychologe. "Beim Brexit gilt das wahrscheinlich nicht."" Naja, die Scharfmacher und Lügner wie Farage und Johnson sind natürlich wohlhabend genug dass sie der Berxit nicht interessieren wird. Aber ich betrachte auch die knapp über 50% der pro-Leave-Wähler als Kopiloten dieser Idiotie und die werden definitiv unter den Folgen leiden.
kenpegg 02.01.2018
2. Lächerlich
Seit wann wird der Pilot von den Passagieren gewählt?
Oskar ist der Beste 02.01.2018
3. êntscheidender als
die Psyche ist aber, daß alle Vertreter von Remain entweder politisch verbrannt (Blair) oder einfach nur arrogant und auch ignorant über die Gründe des BREXIT hinwegdiskutieren. Es gibt bei ihnen keine positive Vision über die EU, sondern nur das Bedürfnis, die EU als eine Art Sonderangebotsupermarkt zu betrachten. Die acht bis zehn Millionen, die das Referendum durchaus respektieren wollen, aber auch begreifen, daß UK sich BREXIT nicht leisten kann, werden leider nicht gehört weder von den Hardcore Brexitern noch von den Hardcore Remainern.
colinchapman 02.01.2018
4. es geht sich nicht darum, was die britische Regierung gut findet
denn sie hat ein direktes Mandat vom Volk, den Brexit durchzuziehen. Ich frage mich, was die britische Regierung laut Meinung von Herrn Becker und oder seinem zitierten Flugzeugkatastrophenpsychologen tun sollte. Die Wende von der Wende einleiten, ohne entsprechende Legitimation durch die Wähler? beziehungsweise, um genau zu sein, entgegen der Legitimation durch die Wähler? Es ist eben das Wesen von demokratischer Politik, dass die gewählten Politiker sich eben nicht sagen können, das Wahlvolk habe aber Unrecht gehabt, wir machen jetzt einfach was anderes. Und Politiker können - hier könnte man eine Parallele zu den in Deutschland derzeit vieldiskutierten und von einigen geforderten Neuwahlen sehen - das Volk auch nicht so lange wählen lassen, bis einmal ein den Politikern genehmes Ergebnis dabei heraus kommt, und dann schnell zu wählen aufhören. in einer Demokratie geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Das hatte die einmalige Gelegenheit, sich direkt dazu zu äußern, und hat das getan. und das Ergebnis lautete Brexit, mit 51,89 Prozent der Stimmen. Ich hätte, wenn ich hätte wählen dürfen, für den Verbleib in der EU gestimmt, aber es bleibt nun mal ein elementarer Bestandteil der Demokratie, dass man Beschlüsse akzeptiert, auch wenn man selber in der Minderheit war.
nikamatu 02.01.2018
5. Psychologie hin oder her.
Sich in Zeiten der Globalisierung und des Internets abschotten zu wollen ist faktisch dumm und nicht machbar.
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