Risiko Tabak Neuer Zündstoff für Diskussion um Rauch-Verbot

Nikotinverbot in Autos und Diskotheken? Politiker plädieren für einen immer schärferen Nichtraucherschutz. Wissenschaftler liefern ihnen dafür gute Argumente: Nach einer aktuellen Studie finden sich auch in Kneipen und Discos massenhaft Krebs erregende Stoffe in der Atemluft.


Kurz vor dem Nichtrauchergipfel der Gesundheitsminister in Hannover werden inzwischen täglich Forderungen zum Schutz vor Tabakrauch lanciert. Heute meldete sich der Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zu Wort und sprach sich für ein Rauchverbot in Autos aus. Daran führe kein Weg vorbei, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete der "Neuen Presse" und stellte sich damit auf die Seite der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Sabine Bätzing.

Die SPD-Politikerin hatte am Wochenende mit einem entsprechenden Vorstoß Wiederspruch aus Bundesregierung, Bundesländern und ihrer eigenen Partei ausgelöst. So hatte etwa Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) erklärt, dass "nicht alles durch Verbote geregelt werden" müsse.

Gefährlicher Qualm: Im Tabakrauch stecken über 70 hoch giftige Substanzen
REUTERS

Gefährlicher Qualm: Im Tabakrauch stecken über 70 hoch giftige Substanzen

Die Bundesländer halten sich bei der Kommentierung kursierender Vorschläge derzeit bedeckt. Am Freitag treffen sich die Gesundheitsminister, um über ein Rauchverbot zu diskutieren. Der Termin gilt als wichtige Etappe auf dem Weg zu mehr Nichtraucherschutz. Auf der Ministerpräsidentenkonferenz am 22. März soll dann eine endgültige Entscheidung fallen.

Es gehe bei dem Treffen in dieser Woche um "wirksamere Regelungen für den Nichtraucherschutz" im öffentlichen Raum, sagte Thomas Spieker, Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dazu gehörten Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Gaststätten. Sollte es unterschiedliche Regelungen in den einzelnen Ländern geben, sei dies "kein Beinbruch".

Dagegen sprach sich Hessen für eine einheitliche Lösung aus. "Einen Flickenteppich wollen wir vermeiden", sagte ein Sprecher des Sozialministeriums im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Scharfe Kritik an den Vorstößen Bätzings zum Rauchverbot hatte die FDP geübt: "Das Vorgehen der Bundesregierung im Namen eines besseren Nichtraucherschutzes nimmt immer absonderlichere Formen an", sagte FDP-Generalsekretär Dirk Niebel. Nicht alles dürfe bis in den letzten Winkel hinein per Gesetz geregelt oder verboten werden. "Dann müsste die Bundesregierung konsequenterweise auch das Rauchen in den eigenen vier Wänden verbieten", betonte Niebel. Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) warnte vor einer "generellen Kampagne gegen Raucher".

"Katastrophale Werte" im Auto

Wissenschaftler sehen das ganz anders: Gerade im Auto sei die Schadstoffbelastung durch Tabakrauch besonders groß. Das belegt etwa eine noch unveröffentlichte Studie des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg: Gemeinsam mit Kollegen von der Harvard University in Boston haben DKFZ-Forscher untersucht, wie stark die Feinstaubkonzentration durch Zigarettenrauch im Auto zunimmt: Bei leicht geöffnetem Fenster stieg der Wert innerhalb von fünf Minuten auf 2500 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr gelten Grenzwerte für Feinstaub von nur 50 Mikrogramm.

"Diese Werte sind so katastrophal, dass nur ein Verbot logisch ist", sagte Martina Pölschke-Langer, Medizinerin am DKFZ. Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach plädierte für strengere Regeln: "An einem Rauchverbot in Autos führt kein Weg vorbei."

Neuen Zündstoff in der Diskussion hatten am Sonntag die Ergebnisse einer deutschen Studie geliefert: Gemeinsam mit den bayrischen Landesämtern für Umwelt und Gesundheit hatten Umweltmediziner von der Ludwig-Maximilians-Universität München die Schadstoffbelastung in 28 Gastronomiebetrieben untersucht. Dazu zählten elf Cafés und Restaurants, sieben Kneipen und zehn Diskotheken.

Sowohl Feinstaub als auch krebserregende Stoffe und erbgutverändernde Substanzen waren der Studie zufolge in der Menge extrem erhöht. In Diskotheken etwa schwebten im Schnitt 800 Mikrogramm kleinste Partikel in jedem Kubikmeter Luft. In einigen Clubs lagen die Konzentrationen sogar über einem Wert von 6000. Ähnliches ist zwar aus internationalen Studien bereits bekannt, doch jetzt sorgen sich auch deutsche Politiker zunehmend um das Thema.

Krebs erzeugende Substanzen in der Atmenluft

"Das schlimme ist, dass Tabakrauch weitaus gefährlicher ist als Feinstaub in der Umgebungsluft", sagte Martina Pötschke-Langer, Medizinerin am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zu SPIEGEL ONLINE. "Während moderne industrielle Filteranlagen viele krebserregende Substanzen herausfiltern, befinden sich im Tabakrauch mindestens 70 Substanzen, die das Erbgut schädigen, die Nachkommen bedrohen und Krebs auslösen."

Feinstaub gilt bei einer Partikelgröße von bis zu 2,5 Nanometern als besonders gefährlich. Denn in diesem winzigen Stadium wird er bis tief in die Lungen inhaliert. Dort löst er Entzündungen aus, kann in die Blutbahn gelangen und zudem krebserzeugende Stoffe mit sich schleppen. Auch in Restaurants waren die Mengen dieser kleinen Partikel mit fast 180 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft deutlich erhöht ebenso wie in Kneipen mit mehr als 190 Mikrogramm. In Nichtraucherwohnungen, die den Wissenschaftlern als Vergleich dienten, konnten sie nur zwischen 20 und 30 Mikrogramm messen.

Auch Schwermetalle wie Cadmium gehören zu den Krebs erzeugenden Substanzen im Tabak. Während die Konzentration in der Außenluft zwischen 0,05 und 0,3 Nanogramm pro Kubikmeter liegt, fanden sich in Diskotheken im Durchschnitt 9,7 Nanogramm. In einer Kneipe kletterte die Messlatte sogar auf einen Wert von 27. Überdurchschnittlich hohe Belastungen fanden die Wissenschaftler auch für leicht flüchtige organische Substanzen wie Benzol und für polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe.

Todesfälle durch Passivrauchen

"Wir brauchen eine 100 Prozent rauchfreie Innenluft", forderte DKFZ-Medizinerin Pötschke-Langer. "Anders als bei Feinstaub ist es gar nicht möglich, einen Grenzwert zu bestimmen, denn schon geringe Konzentrationen können die Gesundheit schädigen."

Angestellte in Gaststätten tragen daher ein besonders hohes Risiko. Schottische Wissenschaftler zeigten im vergangenen Jahr, wie sich das Rauchverbot in ihrem Land auf die Gesundheit von Passivrauchern auswirkte: Demnach litten die Angestellten in Bars litten schon zwei Monate später deutlich weniger unter Reizhusten, Atemnot, Schnupfen oder Augenrötung als vor dem Verbot. Das berichteten die Mediziner vom Ninewells Hospital in Dundee im Fachblatt "Jama".

Doch Passivrauchen reizt nicht nur die Atemwege, es fordert sogar Tote: Nach konservativen Schätzungen des DKFZ in Heidelberg sterben jedes Jahr mindestens 3300 Nichtraucher, weil sie bei der Arbeit, Zuhause oder in der Freizeit Tabakrauch einatmen. Sie erkranken an Gefäßverstopfung und erleiden Herzinfarkte oder Schlaganfälle, auch chronische Entzündungen der Lunge und Krebs können die Folge sein. Vor allem Kinder sind schutzlos: Laut DKFZ sind über 170.000 Neugeborene schon im Mutterleib den Schadstoffen durch Tabakrauch ausgesetzt.

hei/hen/ddp



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