Angebliche Therapie: Forscher entschuldigt sich für Homosexuellen-Studie

Ein US-Psychologe bittet Homosexuelle um Verzeihung dafür, dass er an einer fragwürdigen Studie zur angeblichen Therapie von Schwulen mitgearbeitet hat. Die Glaubwürdigkeit der Studienteilnehmer sei nicht erwiesen gewesen.

New York Juni 1994: Tausende gehen für die Rechte Homosexueller auf die Straße Zur Großansicht
Corbis

New York Juni 1994: Tausende gehen für die Rechte Homosexueller auf die Straße

In den USA, aber nicht nur dort, galten Schwule und Lesben lange Zeit als krank oder wurden juristisch verfolgt. Erst im Jahr 1974 nahm die American Psychiatric Association Homosexualität von der Liste der psychischen Störungen. Vorausgegangen waren jahrelange Proteste der Schwulenbewegung und ein heftiger Streit in der Forschergemeinde.

Robert Spitzer von der Columbia University spielte beim Sinneswandel der Psychiater-Vereinigung eine wichtige Rolle. Doch im Jahr 2001 zog er sich den Zorn der Homosexuellen in den USA zu, als er an einer fragwürdigen Studie mitarbeitete. Spitzer hatte dafür 200 Menschen interviewt, die behauptet hatten, dass eine sogenannte Reparativtherapie, oft auch Konversionstherapie genannt, ihre sexuelle Orientierung geändert habe. Statt homosexuell seien sie inzwischen heterosexuell, hatten die Befragten erklärt.

Als der Psychiater die Ergebnisse seiner Studie 2001 auf einem Fachkongress vorstellte, sorgte dies für empörte Reaktionen in der Schwulen- und Lesbengemeinschaft. 2003 wurde die Arbeit in einem Fachblatt veröffentlicht, doch nun sieht sie der inzwischen pensionierte Spitzer mit anderen, wesentlich kritischeren Augen.

Er habe die Glaubwürdigkeit der Aussagen nicht einschätzen können, bekennt Spitzer nun. Schon beim Erscheinen der Studie hatte es Kritik an der Untersuchung gegeben. Damals hatte der Forscher entgegnet, er habe keine Beweise dafür, dass die Berichte der Studienteilnehmer der Wahrheit entsprechen. Doch einzelne Aspekte der Aussagen ließen sich nicht einfach so abtun.

Konversionstherapien überwiegend abgelehnt

Jetzt schreibt Spitzer in einem Brief an die Fachzeitschrift, er habe damals Unrecht gehabt. "Es gab keine Möglichkeit zu prüfen, ob der Bericht eines Befragten über den Wechsel der sexuellen Orientierung stimmte. Ich denke, ich muss mich bei den Homosexuellen dafür entschuldigen, dass ich unbewiesene Behauptungen über die Wirksamkeit der Reparativtherapie aufgestellt habe." Zugleich wolle er sich bei allen entschuldigen, die Zeit und Kraft in eine Behandlung investiert hätten, weil sie geglaubt hätten, dass die Reparativtherapie mit "hochmotivierten Menschen" funktioniert.

Konversionstherapien werden in erster Linie von fundamentalistischen Christen propagiert. Wissenschaftler lehnen die vor allem in den sechziger und siebziger Jahren häufig angebotenen Behandlungen von Homosexuellen weitestgehend ab. Bei der Mehrzahl der so therapierten Personen träten negative und schädliche Effekte auf, stellte die Bundesregierung im Jahr 2008 fest. Die Folge seien Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität, die versprochenen Aussichten auf "Heilung" würden enttäuscht. Vor einem Jahr hatte ein katholischer Ärzteverband für Schlagzeilen gesorgt, der Homosexuelle mit Homöopathie kurieren wollte.

hda/AP

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insgesamt 40 Beiträge
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1. Glaubwürdigkeit
bismarck_utopia 21.05.2012
Zitat von sysopCorbisEin US-Psychologe bittet Homosexuelle um Verzeihung dafür, dass er an einer fragwürdigen Studie zur angeblichen Therapie von Schwulen mitgearbeitet hat. Die Glaubwürdigkeit der Studienteilnehmer sei nicht erwiesen gewesen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,834247,00.html
Das ist doch wohl ein Witz, oder? Dann brauchen wir ja auch keine Wahlumfragen mehr, weil ja die Glaubwürdigkeit der Befragten nie nachgewiesen werden kann. Und 200 Teilnehmer ist für solche Studien schon eine recht hohe Zahl. Auch die Wortwahl des Psychologen lässt nicht darauf schließen, dass er sich von der Studie besonders stark distanziert. Fakt ist: Die sexuelle Orientierung mag angeboren sein - doch ob sie auszuleben etwas Neutrales oder Bösartiges ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
2.
cnidarja 21.05.2012
Zitat von bismarck_utopiaDas ist doch wohl ein Witz, oder? Dann brauchen wir ja auch keine Wahlumfragen mehr, weil ja die Glaubwürdigkeit der Befragten nie nachgewiesen werden kann. Und 200 Teilnehmer ist für solche Studien schon eine recht hohe Zahl. Auch die Wortwahl des Psychologen lässt nicht darauf schließen, dass er sich von der Studie besonders stark distanziert. Fakt ist: Die sexuelle Orientierung mag angeboren sein - doch ob sie auszuleben etwas Neutrales oder Bösartiges ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Eine wissenschaftliche Studie ist nun mal keine Wahlumfrage! Man kann nicht einfach unüberprüfte/unüberprüfebare Aussagen als Beweis für die Wirkung einer Therapie ansehen.
3. Organisierte Umfrageteilnehmer?
rolie 21.05.2012
Es besteht die Gefahr, gerade wenn fundamentalistische Christen hinter der Aktion stehen, dass es sich a) entweder nicht um tatsächlich Homosexuelle handelte b) die Befragten ihre tatsächlichen Neigungen verheimlichten, um nicht negativ aufzufallen. So eine "Therapie" wird ja nicht ergebnisoffen geführt, sondern ein subtiler oder offener sozialer Druck kann zumindest vorhanden gewesen sein. Guter, da kurierter Patient oder Versager, der weiter homosexuell blieb? Gerade bei so einem sensiblen Thema wie der möglichen Reversibilität von Homosexualität sollten mögliche Studien- oder Umfrageergebnisse immer besonders skeptisch geprüft werden. Zu meinem Vorredner: Zitat: "ob sie auszuleben etwas Neutrales oder Bösartiges ist": Fair sollte man formulieren: ... etwas Gutes, Neutrales oder Bösartiges ist. Wer Homosexuellen vorenthalten möchte seine Sexualität auszuleben sollte sich auch als Heterosexueller immer fragen lassen, ob er ebenso bereit wäre, auf das Leben seiner Sexualität zu verzichten, käme irgendjemand daher, und würde seine sexuelle Neigung als "bösartig" hinstellen.
4.
reuanmuc 21.05.2012
Zitat von sysopCorbisEin US-Psychologe bittet Homosexuelle um Verzeihung dafür, dass er an einer fragwürdigen Studie zur angeblichen Therapie von Schwulen mitgearbeitet hat. Die Glaubwürdigkeit der Studienteilnehmer sei nicht erwiesen gewesen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,834247,00.html
Respekt für dieses Bekenntnis des Forschers, zumal über die Studie längst Gras gewachsen war und er damit Hass und Wut vieler Amerikaner auf sich zieht. Selbstverständlich wäre es besser gewesen, gar nicht erst an der Studie teilzunehmen, aber dieser Schritt ist für die Sache der Homosexuellen wesentlich effektvoller.
5.
Wildes Herz 21.05.2012
Zitat von bismarck_utopiaDas ist doch wohl ein Witz, oder? Dann brauchen wir ja auch keine Wahlumfragen mehr, weil ja die Glaubwürdigkeit der Befragten nie nachgewiesen werden kann. Und 200 Teilnehmer ist für solche Studien schon eine recht hohe Zahl. Auch die Wortwahl des Psychologen lässt nicht darauf schließen, dass er sich von der Studie besonders stark distanziert. Fakt ist: Die sexuelle Orientierung mag angeboren sein - doch ob sie auszuleben etwas Neutrales oder Bösartiges ist, steht auf einem ganz anderen Blatt.
Der Vergleich hinkt. Denn es gibt Erfahrungswerte, die besagen, dass sich bei einer bestimmten Anzahl und einer bestimmtem repräsentativen Auswahl von Befragten das spätere, tatsächliche Wahlergebnis ziemlich exakt voraus sagen lässt. Erfahrungsgemäß sagt also die weit überwiegende Mehrheit bei einer Wahlumfrage, was sie auch letztlich tatsächlich wählen wird. Die Abweichungen zum tatsächlichen Ergebnis sind in der Regel marginal. Es gibt aber keinen Erfahrungswert, der besagt, dass jemand, der behauptet, vorher homosexuell gewesen und jetzt plötzlich heterosexuell zu sein, diesbezüglich auch die Wahrheit sagt. Wenn jemand eine "Therapie" mitmacht, um sich in Richtung Heterosexualität "umpolen" zu lassen, ist davon auszugehen, dass die-/derjenige Homosexualität als etwas grundsätzlich negatives wahrnimmt. Natürlich WILL der-/diejenige dann gerne heterosexuell werden. Ob das aber auch tatsächlich der Fall ist, kann nicht durch die bloße Selbstauskunft, dass es so sei, belegt werden. Andernfalls könnte man auch z.B. die Wirksamkeit eines Anti-Ageing-Produktes damit "nachweisen", dass Versuchspersonen behaupten, sie sähen nach dessen Anwendung 10 Jahre jünger aus. Ob sie aber tatsächlich jünger aussehen, oder dies einfach nur GLAUBEN WOLLEN, ist eine ganz andere Frage... genau so verhält es sich auch bei der genannten Studie. Hier ist einfach die Gefahr sehr hoch, dass bloßes Wunschdenken die Ergebnisse in eine bestimmte Richtung verfälscht, wenn man sich auf eine bloße, subjektive und ungeprüfte Selbstdiagnose verlässt. Warum steht das "auf einem ganz anderen Blatt"? Sie wollen ernsthaft behaupten, dass erst noch geklärt werden muss, ob das Ausleben einer homosexuellen Neigung etwas "Bösartiges" ist?!
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