Roboter-Anzug Exoskelett hilft beim Gehen

Sie sieht aus wie eine Science-Fiction-Fantasie, könnte aber zur wertvollen Hilfe für behinderte und gebrechliche Menschen werden: eine Exoskelett, das wie eine Rüstung angelegt wird. Die japanischen Entwickler verleihen die Maschine jetzt - gegen eine stattliche Gebühr.


Tsukuba - Sie sind der Traum von Militärs, Medizinern und Sport-Fetischisten: Exoskelette könnten die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers eines Tages vervielfachen und Soldaten nahezu unbesiegbar machen. Eine wesentlich weniger spektakuläre Anwendung haben japanische Ingenieure jetzt in die Realität umgesetzt: ein Exoskelett, dass behinderten und gebrechlichen Menschen zumindest einen Teil ihrer Mobilität zurückgibt.

Es ist wohl kein Zufall, dass die Entwickler ihre Maschine ausgerechnet "Hal" ("Hybrid Assistive Limb") genannt haben. Auf diesen Namen hörte schon der Bordcomputer des Raumschiffs, das in Stanley Kubricks Science-Fiction-Kinoklassiker "2001" eine ebenso tragende wie tragische Rolle spielte. Die Herstellerfirma des Exoskeletts heißt obendrein Cyberdyne. Filmfans wissen sofort, welche Firma diesen Namen ebenfalls trug: Die (glücklicherweise fiktiven) Hersteller des "Terminators", jener von Arnold Schwarzenegger gespielten, Furcht erregenden Menschmaschine, die mordend aus einer verstrahlten Zukunft kam.

Den Entwicklern des echten "Hal" ist zu wünschen, dass ihre Maschine den Menschen mehr Freude bringt als schießwütige Roboter und irre gewordene Computer. Das Herzstück von "Hal" ist ein immerhin zehn Kilo schwerer Computer mit 100-Volt-Batterie, der an der Hüfte angebracht ist. Elektroden, die auf der Haut des Benutzers angebracht sind, empfangen die schwachen elektrischen Impulse der Muskeln und senden sie an den Rechner. Der wandelt die Signale in Steuerbefehle um und schickt sie an die künstlichen Glieder, die an den echten Körperteilen des Benutzers festgegurtet sind.

"Hal" soll in Massen hergestellt werden

Am Freitag haben zwei Testpersonen im Cyberdyne-Hauptquartier in der japanischen Stadt Tsukuba das Exoskelett demonstriert. Die Firma will "Hal" demnächst in Massenproduktion fertigen lassen. "Wir sind bereit, ihn der Welt zu präsentieren", sagte Yoshiyuki Sankai, Professor an der Universität von Tsukuba und zugleich Geschäftsführer von Cyberdyne. Er arbeitet bereits seit 1992 an dem Exoskelett und plant demnächst auch eine Version, die den gesamten Körper bedeckt. Allerdings sei noch offen, wann diese Maschine marktreif sein werde.

Die derzeit erhältliche Ausgabe bietet Cyberdyne ab Freitag für eine monatliche Leihgebühr von 2200 US-Dollar (1600 Euro) an. Eine einbeinige Version des Exoskeletts, das in drei Größen zu haben ist, kostet 1500 Dollar (1100 Euro).

Forscher außerhalb Japans zeigten sich durchaus beeindruckt von der Maschine. "Hal" könne großen Nutzen für ältere und behinderte Menschen haben, sagte Noel Sharkey von der englischen University of Sheffield. "Er kann die Mobilität von Senioren erhöhen und sie länger aus der Pflege heraushalten", meint der Professor für Robotik und künstliche Intelligenz.

Per Leasing an Pflegeeinrichtungen

Über die Herstellungskosten von "Hal" schweigt sich Cyberdyne aus. Unklar ist bisher auch, ob das Exoskelett nicht nur verliehen, sondern auch verkauft werden soll. Sankai sagte, die Technologie von "Hal" sei ausschließlich für Zwecke der sozialen Wohlfahrt gedacht. Angebote von Militärs habe er abgelehnt.

Das japanische Unternehmen Daiwa House Industry plant, im nächsten Jahr 500 "Hal"-Exemplare zu mieten und per Leasing verschiedenen Pflege-Einrichtungen anzubieten. Eigentlich baut Daiwa Häuser, doch zuletzt ist das Unternehmen auch auf dem Markt der Pflegeheime immer stärker aktiv geworden. "Wir werden sehr vorsichtig sein", sagte Daiwa-Direktor Takashi Hama. "Aber wir wollten die Initiative ergreifen, um Menschen zu helfen."

Es wäre nicht das erste Mal, dass Roboter-Technologie im japanischen Gesundheitssystem eingesetzt wird. Im Aizu-Chuo-Krankenhaus etwa, 300 Kilometer nördlich von Tokio, rollt ein Roboter über die Flure und leitet Patienten durch die Klinik. Er grüßt freundlich, reagiert dank seiner Sensoren auf Hindernisse und druckt Lagepläne des Krankenhauses aus.

Insbesondere in Japan stoßen solche Entwicklungen auf viel Gegenliebe, und das nicht nur wegen der traditionellen Technologie-Begeisterung der Japaner. In dem Land ist mehr als ein Fünftel der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Roboter sollen deshalb die schwindende Zahl der Arbeitskräfte aufrechterhalten - und sie sind vielen Japanern lieber als Einwanderer.

mbe/AP



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