Ausgegraben

Hessen Studenten entdecken zufällig Römerkastell

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Goethe-Universität Frankfurt/ Thomas Maurer

Auf einem brach liegenden Grundstück in Gernsheim haben Studenten zufällig ein Römerkastell entdeckt. Die lange gesuchte Militäranlage lag strategisch geschickt: Von ihr aus ließen sich wichtige Verkehrswege kontrollieren.

An diesen Sommer werden fünfzehn Archäologiestudenten der Goethe Universität Frankfurt sich wohl noch lange erinnern. Auf dem Semesterplan stand eigentlich nur eine ganz gewöhnliche Lehrgrabung. In Gernsheim im hessischen Ried lag an der Nibelungenstraße ein Doppelgrundstück vor einer Neubebauung brach. Interessant war das allemal, denn schon in der Vergangenheit wurden in der Gegend immer wieder vereinzelt römische Funde gemacht: eine Münze hier, ein paar Scherben dort.

Doch die Studenten stießen auf etwas, das alle Erwartungen bei Weitem übertraf: Spuren eines lange gesuchten Römerkastells. "Wir hatten einfach totales Glück", sagt Grabungsleiter Thomas Maurer. "Wir haben auf dem Grundstück eine T-förmige Grabungsfläche angelegt, und ein langer Abschnitt des ersten Spitzgrabens des Kastells lag genau in dieser Fläche."

Ab etwa 70/80 nach Christus war an der Stelle des heutigen Gernsheim wahrscheinlich eine römische Kohorte, eine Truppeneinheit mit etwa 500 Soldaten stationiert. Die Lage war äußerst verkehrsgünstig: Hier zweigte von der Fernstraße Mainz-Ladenburg-Augsburg eine Straße Richtung Mainlimes ab. Wahrscheinlich kam auch noch ein Rheinhafen hinzu. Der Ort war also bestens geeignet, um den rechtsrheinischen Raum zu kontrollieren.

Die bisherigen Funde aus der Gegend waren allerdings in der Regel nicht militärischer Natur. Denn Soldaten kamen nie allein. Mit ihnen zog ein Tross von Handwerkern, Dienstleistern und natürlich auch Frauen und Kindern, die ganz in der Nähe des Militärstützpunktes in einem sogenannten vicus, einer dorfartigen Siedlung, lebten. "Ähnliche Dörfer kennen wir hier in der Region bereits in Groß-Gerau, Dieburg oder Ladenburg", so Maurer. Dass hier ein vicus lag, war also bekannt. Nur das Kastell dazu hatte noch gefehlt.

Hinweise auf Pferde im Kastell

Das ist jetzt auch gefunden. Die Studenten legten in den vergangenen Wochen zwei für entsprechende Kastelle typische Spitzgräben frei. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, erwies sich vor allem die Füllung von einem der Gräben als absoluter Volltreffer. Die Soldaten hatten ihn, als sie das Kastell zur Zeit Trajans oder Hadrians verließen, mit allem verfüllt, was sie nicht mehr brauchten. "Der Graben war ein richtig großer Glückstreffer", berichtet Maurer. "Da lagen nicht nur ein paar kleine Scherbchen drin, sondern große Mengen an Keramik, darunter auch richtig große Stücke."

Besonders freuten sich die Ausgräber über sogenannte Melonenperlen: große, eingekerbte Perlen aus Glas oder Quarzkeramik, die normalerweise Pferdegeschirre zierten. "Die Perlen, die wir gefunden haben, waren riesengroß", erzählt Maurer, "fast so groß wie Walnüsse." Die Melonenperlen könnten ein Beleg dafür sein, dass in dem Kastell eine teilweise berittene Kohorte stationiert war.

"Aber um das mit Sicherheit sagen zu können, müssen wir noch mehr Funde auswerten." Jetzt haben die Studenten erst einmal kistenweise Scherben an die Uni gefahren: feine Keramik, grobe Keramik und auch Scherben der großen Amphoren, in denen Wein und Öl transportiert wurden.

Hinweise auf die genaue Herkunft der Römer, die von der Keramik aßen und den Wein aus den Krügen tranken, haben die Forscher bereits. "Unter den Funden war auch ein Ziegelstempel der 22. Legion", berichtet Maurer. Der charakteristische Stempel mit dem Capricorn - einer Sagengestalt, halb Steinbock, halb Fisch - wurde von der Legio XXII Primigenia verwendet, die in Mainz, dem römischen Mogontiacum stationiert war.

Deren Soldaten besaßen alle das römische Bürgerrecht, stammten aber aus verschiedenen Regionen des Imperiums. In Gernsheim dürften allerdings vergleichsweise wenige "echte Römer" gewohnt haben, da die Soldaten der dort stationierten Kohorte sich aus den frisch eroberten Provinzen zusammensetzten.

Vielleicht können am Ende die Scherben aus dem Kastellgraben mehr über die Soldaten verraten. Die Dokumentation und das Fundmaterial aus dieser Grabungskampagne wird sich im kommenden Wintersemester ein Magisterkandidat für seine Abschlussarbeit vornehmen.



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