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Römersandalen: Riemchen erobern die Welt

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Moderne Römersandalen: Ideal für heiße Tage - aber für Gewaltmärsche wie vor Jahrhunderten im Römischen Reich eher ungeeignet. Zur Großansicht
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Moderne Römersandalen: Ideal für heiße Tage - aber für Gewaltmärsche wie vor Jahrhunderten im Römischen Reich eher ungeeignet.

Römerlatschen waren ein Meisterstück des Zweck-Designs - Soldaten okkupierten in ihnen ein riesiges Reich. Funde von Archäologen zeigen: Heutige Modelle können mit den Tretern von einst kaum mithalten.

Es gibt sie in Neonpink. Es gibt sie mit Swarovski-Steinchen. Es gibt sie als Stiletto mit 12 Zentimeter hohen Absätzen. Die gute alte Römersandale ist im Sommer 2015 ein Fashiontrend.

Doch wie sah das Original vor 2000 Jahren tatsächlich aus?

In den Befestigungsanlagen der Stadt Hippos im Sussita-Nationalpark am Fuß der Golanhöhen fanden Forscher vom Zinman Institute of Archaeology der Universität Haifa Abdrücke der römischen Fußtracht - hinterlassen von Soldaten, die beim Bau der Anlage in den frischen Mörtel getapst waren.

Auf den ersten Blick sehen die Abdrücke aus, als wäre dort ein Fußballer mit Stollen unter den Sohlen vorbeigelaufen. Denn um die Caligae genannten Schnürstiefel haltbar zu machen, nagelten die Römer mehrere Lagen Leder zu einer etwa acht Millimeter dicken Sohle zusammen.

Nägel sorgen für Halt

Auf glatten Ledersohlen kann man zwar gut tanzen, für den Soldatenalltag sind sie allerdings eindeutig zu rutschig. Also verwendeten die Schuster Eisennägel mit abgerundeten Köpfen, die - wie die Stollen unter den Fußballschuhen - den Sohlen den notwendigen Grip gaben. Damit die Nagelspitzen nicht in den Fuß piksten, wurden sie auf dem Amboss umgeschlagen.

Das Oberteil einer Caliga bestand aus sich überlappenden Lederstreifen, die mit einem Band bis unter das Knie zusammengeschnürt wurden. Das klingt einfacher als es ist: Bis ein Paar Caligae korrekt verschnürt war, vergingen drei bis vier Minuten. Und auch wenn das Leder leicht war - die vielen Nägel machten die Schuhe schwer: 1,3 Kilo musste ein römischer Soldat mit jedem Schritt mitschleppen.

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Leichtes Schuhwerk: Der Mythos Römersandale
Mindestens drei Soldaten hinterließen ihre Abdrücke in dem feuchten Mörtel von Hippos. Einer davon war besonders gut erhalten. "Der komplette Abdruck war 24,5 Zentimeter lang und hatte 29 runde Abdrücke von Schuhnägeln", erklärt Michael Eisenberg, der Leiter des Ausgrabungsteams. "Er wurde von einer Caliga gemacht, die am linken Fuß getragen wurde, und entspricht in etwa einer europäischen Schuhgröße 40."

Jüdischer Aufstand

Was aber hatten die Soldaten beim Bau der Bastion zu schaffen? Dass römische Soldaten bei der Errichtung der Befestigungsanlage einer freien Stadt mithalfen, ist ungewöhnlich. Das war Sache der Stadt selbst, die dafür eigene Architekten und Bauarbeiter beschäftigte - und die trugen keine Soldatenstiefel.

"Wahrscheinlich haben wir es hier mit einer Notlage zu tun", vermutet Eisenberg. "Wir wissen, dass römische Soldaten ganz in der Nähe, östlich von Hippos, stationiert waren." Die Stadt begann mit dem Bau der Befestigungsanlage im frühen ersten Jahrhundert nach Christus, das belegen Keramikscherben, die das Archäologenteam in ihrem Fundament fand.

Es wurde damals unruhig in Galiläa - auch die Kreuzigung von Jesus fand in diesem historischen Spannungsfeld statt. Immer mehr jüdische Rebellen lehnten sich in den kommenden Jahren gegen die römischen Herrscher auf. Im Jahr 66 brach der Krieg offen aus. "Der Geschichtsschreiber Josephus berichtet, dass die Rebellen die Stadt Hippos mehrmals angriffen", erzählt Eisenberg. "Aber es gelang ihnen nicht, sie einzunehmen."

Stiefel statt Riemchen

Vielleicht, weil römische Soldaten in letzter Minute halfen, die Befestigung fertigzustellen - möglicherweise so knapp, dass die Verteidiger nicht einmal warten konnten, bis der Mörtel getrocknet war.

Während des Jüdischen Krieges war die große Zeit der Caliga als Einheitsschuh der römischen Legionen allerdings schon fast wieder vorbei. Denn mit der Expansion des Römischen Reiches nach Norden verschoben sich die Grenzen in klimatisch immer ungemütlichere Gebiete.

Riemchenschuhwerk war für diese Regionen denkbar ungeeignet. In ihrer Not griffen die römischen Soldaten zur modischen Todsünde und zogen Socken unter ihre Sandalen. Doch gegen Schnee und kalten Regen half das wenig. Anfang des zweiten Jahrhunderts lösten schließlich geschlossene Stiefel die Schön-Wetter-Sandalen als Standardfußbekleidung des römischen Heeres ab.

Streng genommen haben also die Römersandalen von heute und die von gestern wenig miteinander zu tun. "Ich ziehe es deshalb vor, die Caligae als Stiefel zu bezeichnen, nicht als Sandalen", sagt Eisenberg.

Kuriosum Jesuslatschen

Bei den modernen Schühchen handelt es sich meist um an einer dünnen Sohle befestigte Schnüre oder Riemchen, die mehr oder weniger dekorative Zwecke erfüllen sollen. Die römischen Varianten aber waren Arbeitsstiefel für Soldaten, designt für lange Fußmärsche und ein hartes Leben an der Front.

In der DDR wurden aus nur wenigen Lederriemen bestehende Sandalen übrigens auch Jesuslatschen genannt. Eine kuriose Namenswahl - schließlich waren es die Träger des geriemten Schuhwerks, die Jesus ans Kreuz nagelten.

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1.
Tostan 10.07.2015
Die in der DDR "Jesuslatschen"(oder auch "Römerlatschen") genannten Sandalen hatten allerdings nicht mal optische Ähnlichkeit mit Caligae, sondern eher mit Crepidae, der Fußbekleidung der ärmeren Schichten des römischen Reiches.
2. Unten ohne
c218605 10.07.2015
Hässliche Zebrastreifen am Abend. Entweder mit Dreckstreifen die für Sonnenbräune gehalten werden oder durch Sonnenbräune selbst erreicht. Machen beides keine schönen Fuss.
3. nicht nur in der DDR
Ruhrgirl 10.07.2015
Also, 1. auch ich als ehemalige Wessi kenne den Ausdruck Jesuslatschen aus den 70ern. 2. finde ich die Wortwahl nicht so falsch, denn was hat Jesus denn wohl getragen? Jesuslatschen waren ja nicht die Römer-Schuhe, die in Ihrem Bericht beschrieben wurden, sondern einfache "Birkies".
4.
Max Super-Powers 10.07.2015
Wieder was gelernt: Mein Wissensstand zum römischen Schuhwerk war der, dass die Riemenstiefel auch in unseren Breiten getragen wurden - danke für die Aufklärung. Zur Mode: Nun ja, ich halte weder etwas von Frauenfüßen in solchen Riemchensandalen noch in diesen unsäglichen Ballerinas. Und da ich seit vielen, vielen Jahren entweder Cowboystiefel (naja, besser Working-Cowboystiefel) oder Adidas GSG9 trage, muss ich mir nie Gedanken um Sonnenbrand oder Frostbeulen machen - übrigens auch nicht um die allseits beliebten Schweißfüsse.
5. Zebrastreifen sind doch das kleinste Übel.
spon-fb-1337 10.07.2015
Was einem vor allem im Sommer an durch falsches Schuhwerk zerschundenen Hufen präsentiert wird ist meiner Meinung nach deutlich schlimmer als ein bisschen Dreck oder ein paar Bräunungsstreifen.
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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