Erster Weltkrieg Röntgenbilder des Grauens

Zerschossene Knochen, abgetrennte Gliedmaßen, verletzte Organe: Im Ersten Weltkrieg erlitten Soldaten grausame Verwundungen - und die noch junge Röntgentechnik rettete vielen das Leben. Eine Ausstellung zeigt Bilder, die tragische Geschichten erzählen.


Mehr als neun Millionen tote Soldaten, viele Millionen Verwundete - die Bilanz des Ersten Weltkriegs erschüttert bis heute. Nicht nur die Zahlen sind schockierend, sondern auch die Schwere der Verletzungen. Einfache Schusswunden zählten noch zu den harmloseren Folgen der Kämpfe. Die neuen Kriegstechnologien richteten die Menschen furchtbar zu: Manche Soldaten verloren Arme, Beine oder Teile ihres Gesichts, sie erblindeten oder trugen Lähmungen davon.

Ärzte versuchten nach Kräften, den Schwerverwundeten zu helfen - und setzten dabei erstmals auf eine neuartige Technik: Röntgenbilder. "Die waren für viele verletzte Soldaten lebensrettend, weil man Geschosssplitter im Körper entdeckte, die man sonst nicht gefunden hätte", sagt Ulrich Hennig, Leiter des Deutschen Röntgenmuseums im nordrhein-westfälischen Remscheid. "Dann wären sie an Blutvergiftung gestorben."

Die Ausstellung "Spurensuche" im Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt zeigt jetzt auf beeindruckende Weise, wie der Ausbruch des Kriegs der damals erst rund 20 Jahre alten Röntgentechnik zum Durchbruch verhalf. Einer der Patienten, die von ihr profitierten, war Ludwig Bergmann. Der Bäcker aus München wurde kurz nach Kriegsbeginn 1914 verwundet. Lakonisch vermerkt sein Krankenblatt: "Erhielt am 22. August bei Ingersheim mit Infanteriegeschoss Schuss durch den linken Unterschenkel." Das Projektil steckte aber nicht im Unterschenkel, wie das Röntgenbild zeigt. Es war - von außen unsichtbar - bis in die Ferse gerutscht.

Der Strom kam vom Lastwagen

Die Aufnahme ist Teil der Ausstellung, die noch bis zum 26. Oktober dauert. In Fällen wie Bergmanns Bein erwiesen sich die Röntgenbilder als besonders hilfreich - ebenso wie bei Knochenbrüchen, die von außen oft nur schwer zu untersuchen waren. Auch Verletzungen an inneren Organen wie der Lunge wurden jetzt für geschulte Mediziner sichtbar.

"Was früher kaum bei einer sorgfältig gemachten Leichenöffnung zu entdecken war, findet heute der mit dem Röntgen-Apparate bewaffnete Arzt am lebenden Körper mit Leichtigkeit", schrieben Militärärzte bereits 1901 an die Bayerischen Garnisonslazarette. Die Ausstattung der Krankenstationen mit den neuartigen Geräten sei daher eine "zwingende Notwendigkeit".

Im Krieg machte die Not erfinderisch: Das Militär entwickelte sogar tragbare Röntgenapparate, erklärt Hennig. Mit Pferdefuhrwerken oder Fahrzeugen wurden sie an die Front transportiert. Den notwendigen Strom fürs Durchleuchten lieferten Lichtmaschinen von Lastwagen.

Selbstloses Verhalten von Wilhelm Conrad Röntgen

Dierk Vorwerk, Chefarzt des Instituts für Radiologie am Klinikum Ingolstadt ist beeindruckt von der außergewöhnlichen Qualität der oft geisterhaft wirkenden Aufnahmen, die in der Ausstellung zu sehen sind. "Durch den Ersten Weltkrieg hat sich die Radiologie als Fachgebiet erst richtig etablieren können", sagt der Mediziner. "Vorher war das immer ein Anhängsel der klassischen Inneren Medizin."

Großes Glück war nach Ansicht von Museumschef Hennig die Selbstlosigkeit des Erfinders Wilhelm Conrad Röntgen. Als kaiserlicher Beamter habe der Forscher es als seine Pflicht angesehen, seine Entdeckung der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Henning ist überzeugt: "Röntgen hätte ein Patent anmelden können, dann hätte irgendeine Firma den Daumen drauf gehabt, und dann hätte es im Ersten Weltkrieg sehr viel mehr Tote gegeben."

Das große Sterben an der Front konnten die Röntgengeräte trotzdem nicht verhindern: Für die von Granaten Zerfetzten, von Kugeln Durchsiebten und von wabernden Giftgasschwaden Verätzten kam jede Hilfe zu spät. Wer es nach dem Fronteinsatz zum Durchleuchten schaffte, dem ging es noch vergleichsweise gut.

Für den Soldaten Bergmann war die Entdeckung des Geschosses an der Ferse ein Segen, denn es konnte am 18. September 1914 operativ entfernt werden. Doch dabei wurden Nerven beschädigt: Fortan humpelte er beim Gehen. Nach seiner Rückkehr in ein Ersatzbataillon verließ Bergmann den Kriegsdienst am 1. Mai 1915, kehrte zurück in die Backstube und heiratete schließlich im Jahr 1926.

Ein außergewöhnliches Geschenk

Auch das Schicksal vieler anderer Soldaten ist bekannt, die wie Bergmann im Lazarett des bayerischen Herzogs Carl Theodor untersucht wurden. Das liegt vor allem an einem seltenen Schatz: einem Album mit den Röntgenbildern von 81 Soldaten, jeweils ergänzt mit den wichtigsten Daten des Verwundeten. Das Buch hat eine ganz besondere Geschichte: Maria Josepha, die Frau des Herzogs, bekam es zu ihrem 59. Geburtstag am 19. März 1916 geschenkt.

Es war eine ungewöhnliche Gabe für eine ungewöhnliche Frau. Maria Josepha wurde als Tochter des Exilkönigs von Portugal geboren. Mit 17 Jahren heiratete sie Herzog Carl Theodor, einen studierten Mediziner, der auf Augenheilkunde spezialisiert war. Gemeinsam gründeten die beiden eine Augenklinik und behandelten dort vornehmlich Arme, die sich sonst keine Behandlung leisten konnten. Nach dem Tod ihres Mannes 1909 führte Maria Josepha die Klinik fort.

Als der Krieg ausbrach, zögerte sie nicht lange: Sie ließ sie Klinik zum Lazarett umbauen. Berührungsängste kannte die Adlige nicht, mit Hingabe kümmerte sie sich um die Kranken. Davon spricht auch das Röntgenalbum: "In dankbarer Verehrung von den Verwundeten Ihres Lazarettes", steht in Goldlettern auf dem mit Königskrone und Wappen verzierten Ledereinband.

anf/dpa



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