Ausgegraben

Riesiges Tunnelsystem Die Unterwelt des alten Roms

sotterraneidiroma.it

Unter dem Rom, das wir kennen, existierte eine weitere Welt - die der Bediensteten und Sklaven. Forscher haben unter der Villa von Kaiser Hadrian ein beeindruckendes Tunnelsystem entdeckt.

Hach, immer diese Sklaven! Wo sie ihre Arbeit auch verrichten, machen sie Lärm. Sie klappern mit Geschirr, ächzen beim Tragen von Wassereimern. Und das ständige Scharren ihrer Füße über den Marmorfußboden stört die zum Lesen nötige Stille. So ähnlich muss der römische Kaiser Hadrian (76 bis 138 nach Christus) gedacht haben. Doch für dieses Problem hatte er eine Lösung parat.

Er ließ seine Villa in Tivoli, rund 30 Kilometer nordöstlich von Rom, untertunneln. Unter seinen Füßen mochten die Sklaven lärmen so viel sie wollten - solange nur kein Laut, kein Zeichen ihrer Existenz zu ihm herauf drang.

Dass unter dem riesigen Gelände der Villa Tunnel verlaufen, war den Archäologen schon lange bekannt. Doch erst jetzt haben Archäo-Speläologen - archäologisch geschulte Höhlenforscher - einen Eindruck von dem unterirdischen Wegenetz bekommen. Der größte Tunnel ist stolze fünf Meter breit, bietet also genug Platz für zwei mit Brennholz beladene Wagen nebeneinander. Er verläuft zunächst in nordöstlicher Richtung und biegt dann nach Süden ab. Strada Carrabile haben die Entdecker ihn getauft - italienisch für "befahrbare Straße".

Eine Parallelwelt unter der Erde

Dass die Archäologen diese unterirdische Hauptstraße überhaupt fanden, verdankten sie einem Zufall. Es war ein kleines Loch im dichten Gestrüpp auf dem Gelände der Villa, über das sie zunächst gestolpert waren. Sie entdeckten daraufhin eine 2,40 Meter breite Trasse, auf der immerhin ein beladener Wagen mühelos bewegt werden konnte. Nach 800 Metern endet der Tunnel in einer Schlaufe, in der die Sklaven ihre Wagen wendeten und zurückfuhren.

"Die ganze Pracht der Villa ist unterirdisch gespiegelt", kommentierte die Leiterin der Untersuchungen Vittoria Fresi in der italienischen Zeitung "Il Messaggero".

Und zu spiegeln gibt es unter der Villa des römischen Kaisers eine ganze Menge. Nach Tivoli zog er, um dem Lärm und der Hektik der Metropole Rom zu entfliehen. Ruhig, klein und beschaulich war sein Refugium dann allerdings auch nicht. Wo genau die Grenzen der Anlage verliefen, haben die Archäologen noch nicht bestimmen können. Bis zu 250 Hektar, so schätzen sie, könnte das Gelände umfasst haben.

Tunnel zeigen die wahren Grenzen des Anwesens

Darauf standen mindestens 30 Gebäude. Und nicht etwa mickrige Gärtnerschuppen, sondern unter anderem ein Theater, in dem 500 Zuschauer Platz fanden, eine Gladiatorenarena, ein Stadion, zwei Bibliotheken - eine für lateinische und eine für griechische Schriften - sowie natürlich der große Palast mit einer riesigen Halle, die der Kaiser gelegentlich als Gerichtssaal nutzte.

Wenn Hadrian - der sich sowohl als Soldat und brillanter Heerführer wie auch als einfühlsamer Dichter hervortat - ganz allein sein wollte, zog er sich in eine kleinere Villa zurück. Sie lag auf einer Insel in einem künstlich angelegten See und war nur über zwei Ziehbrücken erreichbar. Im Jahr 1998 fanden Archäologen auf dem Gelände auch den Tempel, in dem Hadrian seinen Geliebten Antinous, der im Oktober 130 nach Christus im Nil ertrunken war, verehren ließ.

"Was wir hier erforschen ist in gewisser Weise die echte Villa", sagt Archäo-Speläologe Marco Placidi einem Reporter der Zeitung "The Guardian", "weil die Tunnel uns zeigen werden, wo die tatsächlichen Grenzen des Anwesens lagen." Bisher konnten die Forscher rund 1,6 Kilometer der unterirdischen Gänge kartieren. Dazu kommen noch etwa 14,5 Kilometer Abwasserkanäle und Wasserleitungen.

Wer Rom verstehen will, muss unter die Erde

Und noch lange ist nicht alles erforscht. An der Strada Carrabile beispielsweise kamen die Forscher an einer Stelle nicht mehr weiter. Der Tunnel war fast bis zur Decke mit Erde verfüllt. "Wir wissen immer noch nicht, wo er hinführt - möglicherweise zu Gebäuden, die wir noch gar nicht kennen", sagt Fresi. Sogar die ferngesteuerten Fahrzeuge, mit denen die Forscher sonst per Kamera unwegsame Gänge erkunden, scheiterten an der Verfüllung der Strada Carrabile.

Neben den oberirdisch sichtbaren Prachtbauten gab es also auch ein unterirdisches Rom. Nicht nur Hadrians Villa war untertunnelt, spiegelbildliche Welten lagen auch unter dem Colosseum oder unter den Thermen des Kaisers Caracalla. An der Erkundung des vier Kilometer langen Tunnelsystems unter den Caracalla-Thermen arbeitet Placidi ebenfalls mit: "Die Leute gehen jetzt immer öfter an römischen Stätten unter die Erde, um die Römer besser zu verstehen."

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16 Leserkommentare
Oberleerer 26.08.2013
HaioForler 26.08.2013
paulepanther 26.08.2013
rennix 26.08.2013
Bakturs 26.08.2013
tomatosoup 26.08.2013
renee gelduin 27.08.2013
ewing2001 27.08.2013
kunstundreisen.com 27.08.2013
Tiananmen 27.08.2013
Na Sigoreng 27.08.2013
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juttakristina 28.08.2013
andreas_winkelmann 31.08.2013
nilaterne 02.09.2013
hardyhardy 20.12.2013

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