Roulette Angriff auf Hohensyburg

Roulette-Systeme, die ein Muster in den gezogenen Zahlen suchen, sind zum Scheitern verurteilt. Aber mit den Gesetzen der Physik kann man den Lauf der Kugel vorhersagen - und die Bank besiegen.

Von Christoph Drösser


Jörg Fokuhl / www.joergfokuhl.com

Die schlanke, hoch gewachsene Blondine hält die Croupiers ganz schön auf Trab. Eineinhalb Stunden hat sie am Roulettetisch im Casino Hohensyburg bei Dortmund gestanden und nur zugeschaut, jetzt setzt sie plötzlich bei jedem Wurf - aber immer erst, wenn die Kugel schon im Kessel rollt. "21-4-4", ruft sie, Sekunden bevor der Croupier mit seinem "Nichts geht mehr!" klarmacht, dass niemand mehr setzen darf. 21-4-4: Das bedeutet, dass sie insgesamt neun Chips setzt, auf die 21 und auf jeweils vier Zahlen rechts und links davon im Zahlenkranz. Da die Zahlen beim Roulette recht willkürlich über die Scheibe verteilt sind, ist es auch einem trainierten Croupier kaum möglich, die Chips noch zu setzen. Der Chef du Table am Kopfende des Tisches merkt sich einfach den Einsatz.

Nachdem sie die ersten Spiele verloren hat, beginnt Sabine Lauerbach (Name von der Redaktion geändert) zu gewinnen. Nicht bei jedem Spiel, aber ungefähr bei jedem dritten, obwohl das bei ihrer Art zu setzen statistisch nur bei etwa jedem vierten zu erwarten ist. "Die Dame arbeitet ja mit allen Tricks", sagt einer der Croupiers, als Sabine Lauerbach einmal zwei Chips miteinander verwechselt. Der milde Spott ist aber durchaus auch als Anerkennung für ihre sonst professionelle Spielweise gedacht.

Der Casinoangestellte ahnt gar nicht, wie Recht er hat. Denn die Spielerin setzt nicht nach Lust und Laune oder nach einem der vielen Zahlensysteme, mit denen viele Spieler vergeblich versuchen, die Gesetze der Statistik zu überlisten. Unter ihrer Haarmähne verborgen, trägt sie einen Ohrstöpsel, über den ihr ein Minicomputer eine Prognose für das Ergebnis mitteilt - berechnet aufgrund der ersten Runden, welche die Kugel bereits im Roulettekessel gedreht hat. Zwei tiefe Töne und einen hohen Ton konnte nur sie hören - 21! Deshalb setzt sie so spät, in einem Moment, in dem das Ergebnis des Wurfs schon vorbestimmt ist. Das Problem ist "nur", die komplexe Bahn der Kugel mit ausreichender Genauigkeit zu berechnen.

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Die Prognose: So funktioniert die Roulette-Vorhersage

Sabine Lauerbach ist aber auch nicht allein im Casino. Direkt am Kessel steht Matthias Seidel (Name von der Redaktion geändert), ihr Freund, und schaut unverwandt auf die Kugel - er sorgt für die Daten, auf deren Grundlage die Prognose berechnet wird. Die beiden sind zusammen nach Hohensyburg gefahren, um das Casino "anzugreifen". Niemand ahnt, dass sie zusammengehören - hoffentlich. Sie tun zwar nichts Verbotenes, verstoßen allenfalls mit ihrer Verkabelung gegen die Hausordnung des Casinos. Aber die Spielbank hat das Hausrecht, und sie könnte beide mit einer Sperre belegen. Dann wäre es aus mit dem Traum vom großen Geld, zumindest in den Casinos der Westspiel-Kette.

Am Roulettetisch sitzt seit Stunden ein älterer Mann in einem abgetragenen Anzug. Vor sich hat er ein Schema des Roulette-Tableaus, offenbar aus Styropor gebastelt, auf dem er mit bunten Stecknadeln die gefallenen Coups markiert. Immer wieder murmelt er Zahlen, steckt die Nadeln um und setzt einige Chips. Der Mann verkörpert den tragischen Typ des Spielers, der im Muster der Gewinnzahlen irgendein System zu erkennen versucht. Wenn an einem Tisch zweimal hintereinander dieselbe Zahl fällt oder fünfmal hintereinander Schwarz, strömen die Spieler aus allen Winkeln des Casinos herbei. Die einen sehen ihre Chance darin, auf die gerade erkannte "Serie" zu setzen, die anderen setzen absichtlich dagegen, weil das berühmte "Gesetz der großen Zahlen" ja irgendwie für Ausgleich sorgen muss.

Falsch liegen die einen wie die anderen. Erstens, weil die Roulettekugel kein Gedächtnis hat - bei jedem neuen Wurf ist jede Zahl wieder gleich wahrscheinlich. Auch das Gesetz der großen Zahlen, von Laien oft als eine mathematische Fairnessgarantie missverstanden, besagt nicht, dass nach zehnmal Schwarz überproportional oft Rot fallen wird. Der zweite Grund: Für jede einzelne Gewinnchance - also volle Zahlen (Plein), Zahlenpaare (Cheval), Rot, Schwarz, Gerade, Ungerade und so weiter - zahlt das Casino etwas weniger aus, als nach der Statistik "fair" wäre: Der Gewinn auf Plein beträgt das 35fache des Einsatzes. Würde jemand in einer Runde alle 37 Zahlen mit je einem "Stück" (so heißen die Chips im Roulette-Jargon) setzen, so bekäme er nur 36 Stücke zurück.

Die Spielbanken sind sich so sicher, dass ihre Roulettekessel wirklich zufällige Ergebnisse produzieren, dass sie das Setzen auch dann noch erlauben, wenn die Kugel schon läuft - wenn also alle physikalischen Größen, die über das Ergebnis entscheiden, bereits feststehen. Die Geschwindigkeit der Kugel, die Geschwindigkeit, mit der sich der Zahlenkranz in entgegengesetzter Richtung dreht, die Reibungskräfte - von nun an handelt es sich um einen streng deterministischen Prozess, in den kein freier Wille mehr eingreift. Würde man alle Gegebenheiten exakt kennen, dann müsste es doch möglich sein, das Ergebnis zu bestimmen, oder?

So einfach ist es nicht. Der Lauf der Kugel setzt sich aus zwei sehr unterschiedlichen Phasen zusammen. Zunächst rollt sie ruhig und gleichmäßig am Rand des Kessels. Eine solche Bewegung ist bei guter Messung perfekt berechenbar. Dann aber kommt die "chaotische" Phase. Sie beginnt, wenn die Kugel ihre Bahn am oberen Rand verlässt und auf eine der "Rauten" trifft. Diese kleinen Erhebungen im Kessel lassen die Kugel hopsen und springen. Irgendwann trifft sie auf die Zahlenfächer und kann auch dort noch ein paar Felder weiter springen. Chaotisch, das bedeutet: Zwar gehorcht die Kugel weiterhin den Gesetzen der Physik, aber winzige Unterschiede in den Ausgangswerten, etwa im Winkel, in dem sie auf die Raute trifft, führen zu großen Unterschieden im Ergebnis. Niemand kann das berechnen, vor allem nicht im Casino, in dem ja technische Hilfsmittel verboten sind. Von jeder Raute aus kann die Kugel in jedes der 37 Zahlenfächer fallen.

Aber sie tut es nicht mit derselben Wahrscheinlichkeit. Das jedenfalls behauptet der Mathematiker Pierre Basieux, auf dessen Verfahren auch die technische Ausrüstung von Matthias Seidel und seiner Freundin beruht. Basieux ist in den deutschen Casinos kein Unbekannter - wohl kaum jemand kennt die Mechanik des Roulettekessels und die Ballistik der weißen Kugel so gut wie er. Seit Jahrzehnten macht er gute Gewinne beim Roulette, mal als "Kesselgucker", mal mit technischen Hilfsmitteln. Er hat schon Beraterverträge mit einigen Spielbanken gehabt, für die er die Qualität der Roulettekessel begutachtete.



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