Runder Tisch in Berlin: Gentechnik - stopp oder topp?

Von Christian Schwägerl

Beim ersten Runden Tisch der Bundesregierung zur grünen Gentechnik dominierten die Befürworter: Ein Verzicht auf die Technik würde weltweit zu Hunger führen, Deutschland müsse sein Potential nutzen. Forschungsministerin Schavan und Agrarministerin Aigner ringen um ihren Kurs.

Berlin - Der Runde Tisch in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung ist eckig. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) hat Vertreter aus Wissenschaft, Verbänden, Kirchen und Industrie zusammengetrommelt. Neben ihr sitzt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Die CSU-Politikerin hat im April die einzige in der EU zugelassene Gentechnikpflanze wieder verboten und damit eine Grundsatzfrage aufgeworfen: Soll die Regierung gentechnische Pflanzen weiter forcieren, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung dies Umfragen zufolge ablehnt?

Schavans Hauptreferenten beantworteten diese Frage mit einem klaren Ja.

Schavan (links) und Aigner (rechts): "Hunger und Armut wachsen"
DPA

Schavan (links) und Aigner (rechts): "Hunger und Armut wachsen"

Joachim von Braun, Direktor des International Food Policy Research Institute (IFPRI) in Washington und damit einer der führenden Fachleute für die Welternährung, warnte davor, auf grüne Gentechnik zu verzichten. Bis 2050 müsse die Nahrungsmittelproduktion verdoppelt werden. Schon heute gebe es eine Milliarde hungernde und zwei Milliarden mangelernährte Menschen. Gentechnisch veränderte Pflanzen seien zwar kein Allheilmittel, doch ohne ihre Nutzung würden "Hunger und Armut wachsen".

Stefan Marcinowski, Vorstandsmitglied der BASF, hob hervor, dass gentechnisch veränderte Pflanzen der Umwelt zwischen 1996 und 2007 rund 350.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel erspart hätten. Das wirtschaftliche Potential dieser Pflanzen sei gewaltig, weshalb der "zehn Jahre dauernde Stillstand in der EU" ein Ende haben müsse. Eine Trennung von Forschung und Anwendung, wie sie die CSU fordert, sei nicht machbar: "Sie können auch einem Autobauer nicht sagen, er solle beim Prototypen aufhören", sagte Marcinowski.

Diese Aussagen hörte Forschungsministerin Schavan gerne. Für Agrarministerin Aigner stehen die Plädoyers aber in Konflikt mit dem Kurs ihrer Partei, der CSU. Zwar hat der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zuletzt die Attacken gegen Grüne Gentechnik etwas abgeschwächt. Doch vom Dauerfeuer seines Umweltministers Markus Söder (CSU) gegen den "Eingriff in die Schöpfung" erhofft sich Seehofer wichtige Stimmen aus dem ländlich-kirchlichen Milieu, um bei der Europa- und der Bundestagswahl kein Debakel zu erleiden. Von der CSU-Bundesministerin Aigner erwartet Seehofer eigentlich, in Berlin ein Maximum an Restriktionen durchzusetzen.

"Es geht sehr wohl ohne Gentechnik"

Der Runde Tisch wirkte da wie der Versuch Schavans, ihre Kabinettskollegin mit möglichst vielen Pro-Argumenten für den CSU-internen Meinungsstreit auszustatten. Klare Gegner fanden sich unter den 28 Teilnehmern nur zwei: Der Vertreter des Deutschen Naturschutzrings beklagte, die Runde sei "einseitig besetzt". Er widersprach der Vorgabe Schavans, dass ein grundsätzliches Nein zur Gentechnik ganz sicher nicht Ergebnis der Zusammenkunft sein werde: "Es geht sehr wohl ohne Gentechnik."

Der Vertreter der Bio-Lebensmittelbranche kritisierte, der Beitrag der Gentechnik zur Welternährung werde maßlos überschätzt, dafür würden die Risiken unterschätzt. Es sei an der Zeit, den westlichen Lebensstil zu thematisieren und Forschungsmittel auf den umweltschonenden ökologischen Landbau zu konzentrieren.

Doch die Hauptredner ließen sich davon nicht aus dem Konzept bringen. "Man darf das Vorsorgeprinzip nicht politisch missbrauchen", sagte BASF-Vorstandsmitglied Marcinowski, erkennbar an Aigner gerichtet. Die staatlichen Zulassungsverfahren seien sehr streng, dann müsse man sie "bitte auch respektieren". Aigner hatte den Mais MON 810 verboten, obwohl die zuständigen Behörden keine Bedenken gegen das Produkt hatten. Sie zog zur Begründung Studien heran, die in den Forschungsinstituten ihres Ministeriums als wenig aussagekräftig beurteilt werden. Aigner vermied es bei dem Treffen am Mittwoch, irgendetwas zu sagen, was pro oder contra Gentechnik gewertet werden könnte. Sie wollte sich nicht in die Karten schauen lassen.

"Spürbare Reduktion von Armut und Hunger"

Schavans Anliegen beim Runden Tisch war es dagegen, den Befürwortern ein Forum zu bieten und zudem den Blick über Deutschland hinaus zu weiten. Für Indien zog Joachim von Braun eine positive Bilanz des Anbaus von gentechnisch veränderter Baumwolle: In Westindien seien die Einkommen ganzer Dörfer durch die Pflanzen um 50 bis 80 Prozent gestiegen, es habe eine "spürbare Reduktion von Armut und Hunger" gegeben.

Extrem arme Haushalte hätten ihr Einkommen pro Hektar von 48 auf 60 Dollar erhöhen können, arme Haushalte von 100 auf 200 Dollar. Dabei sei ein Faktor, dass der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 41 Prozent reduziert worden sei. Berichte über Selbstmorde von Bauern, die sich für Gentechnik-Saat gut überschuldet hätten, seien einseitig: Die Selbstmordrate sei schon immer erschreckend hoch gewesen und durch den Gentechnik-Einsatz nicht gestiegen.

Um die ländliche Entwicklung und die Ernährungssicherheit wirklich zu verbessern, sei viel mehr nötig als Gentechnik, sagte von Braun: Investitionen in Infrastruktur, technische Ausstattung und Beratung sowie ein Abbau von Handelsschranken. Der nötige Zuwachs an Produktivität um drei Prozent pro Jahr lasse sich aber nur mit "intensiver Forschung und Entwicklung" und einer Verdoppelung der weltweiten Agrarforschungsmittel auf zehn Milliarden Dollar leisten.

Die in Deutschland weit verbreitete Haltung, dass Grüne Gentechnik überflüssig sei und dem Verbraucher keine direkten Vorteile bringe, geißelte von Braun scharf: "Das grenzt die Mehrheit der Menschen aus und stoppt dringend nötige Innovationen im Ansatz."

Nach der Fachdiskussion betonten die beiden Ministerinnen vor der Presse, wie sehr ihnen an einem gemeinsamen Vorgehen gelegen sei. Wie sich aber der CSU-Kurs mit Schavans Strategie vereinbaren lassen soll, bleibt weiterhin ein Rätsel. Weitere Runde Tische sollen folgen, doch vorsorglich kündigte Aigner an, sie werde wichtige Fragen wie das europäische Zulassungsverfahren und die Rechte gentechnikfreier Regionen "in meinem Ressort" klären.

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Forum - Rechtfertigt der Kampf gegen Hunger die Gentechnik?
insgesamt 2454 Beiträge
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1.
harm ritter 18.04.2009
Ich finde diese Frage außerordentlich schwierig zu beantworten. Ich bin imgrunde auf jeden Fall für die Forschung, aber ich bin dagegen, leichtsinnig alles aus dem Labor auf die Felder auszubringen. Ein ehrlicher Bauer, der ohne Gentechnik auszukommen versucht, kann doch inzwischen kaum noch "gentechnikfrei" auf seine Säcke schreiben, weil der Mist von überall hergeweht wird. Wir bräuchten ein Gesetz, das Monsanto in solchen Fällen schadenersatzpflichtig macht, dann wäre Monansanto nämlich in kürzester Zeit pleite. Also: Ja zur Forschung, nein zu unüberlegten Experimenten! Überhaupt gibt es auch genügend Ideen, wie man den Hunger ohne Gentechnik bekämpfen kann. Daß der Hunger jedem Christen, Moslem, Hindu oder wasauchimmer übel aufstoßen sollte, setze ich mal als Grundlage voraus.
2.
Jochen Binikowski 18.04.2009
Es wird immer wieder behauptet, Gen-Lebensmittel seien billiger also solche aus herkömmlicher Herstellung. Das könnte sich bei näherer Betrachtung als Trugschluß entpuppen. Angenommen, GMO-Mais ist tatsächlich billiger in der Herstellung, sagen wir mal 50 EURO die Tonne, dann sind das 0,05 EURO pro KG. Da Mais ein Grundstoff für verarbeitete Lebensmittel ist, macht diese GMO-Verbilligung (so es sie denn wirklich gibt) vermutlich nur einen Anteil im Promillebereich vom Endpreis aus. Und das auch nur wenn der Landwirt sich die 50 EURO nicht selber in die Tasche gesteckt hat. Oder nehmen wir als Beispiel die Milch. Um wieviel Cent erhöhen sich die Produktionskosten, wenn statt Gen-Soja aus abgeholzten brasilianischen Urwäldern in Deutschland oder Europa hergestellte Futtermittel verwendet werden? Ich hatte vor einiger Zeit in einem Landwirtschaftsforum gefragt, warum in Europa die Bauern nicht nach der Gerste-Ernte Bohnen pflanzen und damit einen Teil des Import-Sojas ersetzen. Die Antwort war, das mit dem Gen-Soja ist etwas billiger... Aus Sicht der Endverbraucher geht es also, wenn überhaupt, nur um minimale Preisunterschiede. Wenn dann die knallharte Kennzeichnung eingeführt wird, gibt es ein Desaster für GMO-Produkte. Fakt ist, dass eine sehr große Mehrheit der Bevölkerung für diese Kennzeichnung ist. Damit lassen sich im großen Stil Wählerstimmen gewinnen. Was nützen den Politikern die Schmiergelder der Agro-Industrie, wenn sie nicht wiedergewählt werden? Denen ist das Hemd näher als die Hose.
3.
Softship 18.04.2009
http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=3628928&postcount=1288 ---Zitat von moorduide--- Macht euch die Erde untertan, aber dafür müssen wir erst noch das kleine Einmaleins lernen, und dazu gehört auch Gentechnik. Wie fangen mal gerade an, die Natur ansatzweise zu begreifen. ---Zitatende--- Gerade weil sie erst gerade anfangen, die Natur ansatzweise zu begreifen, sollten wir nicht darin rumpfuschen. Wir wissen noch nicht, welche Konsequenzen das haben kann. Da verweise ich gerne auf http://de.wikipedia.org/wiki/Dichlordiphenyltrichlorethan Jetzt soll der genmanipulierter Mais das Pestizid gleich integriert haben. Können wir wirklich sicher sein, dass die Vorteile, die diese Genmanipulation haben könnte, nicht von einer Katastrophe überschattet werden könnte? Nein, sicher können wir nicht sein. Also sollten wir andere Methoden finden, den Hunger zu lingern. Es reicht eben nicht, dass die "Bedenkenträger" & "Angsthasen" nicht beweisen können, dass Schäden entstehen. Die Beweis muss erbracht werden, dass keine Schäden entstehen können.
4.
fantalupi 18.04.2009
Zitat von sysopGen-Nahrung ist in Forscherkreisen höchst umstritten, ein großes Argument der Befürworter ist die Bekämpfung des Welthungers. Aber rechtfertigt dies die Nutzung von Gntechnik?
Nein, das ist keine Rechtfertigung. Eigentlich stehen alle hierzu relevanten Informationen im Wiki-Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Welthunger Mein Lieblingsbeispiel ist die Fleischproduktion: "... Nur etwa 10 % des verfütterten Getreides wird dabei in Fleischmasse umgewandelt, die restlichen 90 % sind für die menschliche Ernährung verloren. ..." In dem Artikel wird deutlich, wie unterschiedlich die Ursachen sind und dass wir durch unsere Politik maßgeblich für die Probleme mitverantwortlich sind. Das Welthungerproblem kann politisch gelöst werden. (Bei uns über besser durchdachte Entwicklungshilfe und Aufklärung über wirtschaftspolitische Zusammenhänge) Natürlich sind von Armut und Hunger betroffene Gebiete ideale Probanten für Konzerne, die mit gentechnisch veränderten Lebensmitteln spekulieren. Wer satt ist, ist weniger risikobereit. Aber diese Konzerne haben kein Interesse daran zu helfen eine Infrastruktur aufzubauen, die die entsprechenden Länder unabhängig werden läßt.
5.
Satiro 18.04.2009
Zitat von Jochen BinikowskiEs wird immer wieder behauptet, Gen-Lebensmittel seien billiger also solche aus herkömmlicher Herstellung. Das könnte sich bei näherer Betrachtung als Trugschluß entpuppen. Angenommen, GMO-Mais ist tatsächlich billiger in der Herstellung, sagen wir mal 50 EURO die Tonne, dann sind das 0,05 EURO pro KG. Da Mais ein Grundstoff für verarbeitete Lebensmittel ist, macht diese GMO-Verbilligung (so es sie denn wirklich gibt) vermutlich nur einen Anteil im Promillebereich vom Endpreis aus. Und das auch nur wenn der Landwirt sich die 50 EURO nicht selber in die Tasche gesteckt hat. Oder nehmen wir als Beispiel die Milch. Um wieviel Cent erhöhen sich die Produktionskosten, wenn statt Gen-Soja aus abgeholzten brasilianischen Urwäldern in Deutschland oder Europa hergestellte Futtermittel verwendet werden? Ich hatte vor einiger Zeit in einem Landwirtschaftsforum gefragt, warum in Europa die Bauern nicht nach der Gerste-Ernte Bohnen pflanzen und damit einen Teil des Import-Sojas ersetzen. Die Antwort war, das mit dem Gen-Soja ist etwas billiger... Aus Sicht der Endverbraucher geht es also, wenn überhaupt, nur um minimale Preisunterschiede. Wenn dann die knallharte Kennzeichnung eingeführt wird, gibt es ein Desaster für GMO-Produkte. Fakt ist, dass eine sehr große Mehrheit der Bevölkerung für diese Kennzeichnung ist. Damit lassen sich im großen Stil Wählerstimmen gewinnen. Was nützen den Politikern die Schmiergelder der Agro-Industrie, wenn sie nicht wiedergewählt werden? Denen ist das Hemd näher als die Hose.
Fakt ist auch, dass es leichter ist mit dem Strom zu schwimmen als gegen ihn. Aus diesem Grunde wird auch die Bevölkerung, besonders wenn mal wieder Wahlen anstehen, selbst wenn man es persönlich besser weiß, in ihren irrationalen Ängsten und Vorurteilen bestärkt statt aufgeklärt.
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