Marathon: Die Droge der Jäger und Dauerläufer

Laufen kann Menschen in einen Rauschzustand versetzen. Warum eigentlich? Forscher glauben, die Glücksgefühle haben evolutionäre Gründe: Sie können Menschen seit Urzeiten zur Bewegung motivieren. Was früher bei der Jagd half, treibt heute zum Marathon.

Runners High: Beim Dauerlauf erleben Sportler Glücksgefühle Zur Großansicht
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Runners High: Beim Dauerlauf erleben Sportler Glücksgefühle

Laufen macht süchtig. So lohnend und entspannend es auch sein kann, längere Strecken in einem guten Tempo zu absolvieren - an diesem Wochenende werden sich viele Sportler eher fragen, warum sie sich den ganzen Stress antun: In Düsseldorf und Hamburg finden Marathon-Läufe statt. Wer nicht die gesamten 42,195 Kilometer anpeilt, läuft einen Halben, oder eine Staffel. Dass sich die Schinderei lohnt, liegt nicht nur an der Medaille, die im Ziel überreicht wird: die natürlichen Opiate, die der Körper während des Laufs produziert, regen das Belohnungszentrum des Gehirns an.

"Jäger und Sammler waren Athleten"

Das kommt dem ein oder anderen Läufer vielleicht bekannt vor. Wissenschaftler um David Raichlen von der Universität Arizona in Tucson wollten es nun aber genau wissen: Wieso belohnt sich der Körper mit rauschartigen Glücksgefühlen? Sie vermuten, dass die Evolution hierbei eine zentrale Rolle spielt. "Jäger und Sammler waren regelrechte Athleten. Sie rannten zum Essen hin und vor ihren Fressfeinden wieder weg", sagt Raichlen. Seine Theorie: Natürliche Auslese könnte neurobiologische Mechanismen wie den "Runners High" gefördert haben, um Menschen zur dauerhaften Bewegung anzuregen.

Um diese Theorie auf die Probe zu stellen, verglichen die Wissenschaftler Menschen und Hunde - die meist gern laufen - mit einem Tier, das kaum weite Strecken rennt, dem Frettchen. "Wir mussten die Tiere erst ein wenig trainieren", erzählt Raichlen der "New York Times". Beim Versuch rannten die Teilnehmer 30 Minuten lang auf einem Laufband. Gemessen an ihrer Herzfrequenz waren die menschlichen und tierischen Läufer hierbei zu 70 Prozent ausgelastet.

"Die Frettchen waren unkooperativ"

Bei einem weiteren Experiment sollten Mensch, Hund und Frettchen 30 Minuten lang auf einem Laufband gehen. "Hierbei waren die Frettchen aber weniger kooperativ, sie blieben in ihren Käfigen", sagt Raichlen.

Die Forscher nahmen vor und nach beiden Laufbandversuchen Blutproben und verglichen die Ausschüttung der natürlichen Stimmungsaufheller. Das Ergebnis: Das Gehen auf dem Laufband hatte den Probanden keine Glücksgefühle beschert. Nach dem Laufen hingegen fanden die Forscher im Blut der Menschen und der Hunde aber große Mengen an Endocannabinoiden vor.

Da keiner der Versuchsteilnehmer ein "Walkers High" erlebte, vermuten die Forscher, dass die natürliche Auslese Menschen und Hunden in ihrer Evolution eher für höhere und für niedrigere Belastung belohnt hat. Die Frettchen erlebten bei den Experimenten überhaupt keine Glücksgefühle, weil ihre Körper keine Opiate produzierten. "Ihnen machte der Dauerlauf also auch keinen Spaß", sagt Raichlen.

Experten finden den Vergleich zwischen Frettchen und Menschen nur bedingt aussagekräftig: "Daraus Thesen abzuleiten ist schwierig. Frettchen leben in Tunneln unter der Erde und schlafen 18 Stunden am Tag", erklärt der Neurologe David Linden der "New York Times". Linden arbeitet als Neurologe an der John Hopkins School of Medicine, in Baltimore (US-Bundesstaat Maryland).

Sportmuffel müssen für den Runners High erst trainieren

Der Studie zufolge haben Menschen ein natürliches Verlangen zu laufen. Bei dem gemeinen Büromenschen scheint dieser Trieb verstummt zu sein. "Sie ignorieren ihn einfach", sagt Raichlen. Warum dies so ist, kann die Studie nicht beantworten. Die Versuchsteilnehmer seien alle ohnehin regelmäßig joggen gegangen. "Sie sind für den typischen Menschen von damals oder heute nicht repräsentativ. Unsere Forschung steht noch am Anfang", schreiben die Autoren.

Könnten die Glücksgefühle Bewegungsmuffel zum Sport anregen? Der Studienleiter ist nicht sehr zuversichtlich: "Dass diese jetzt aufspringen und beim ersten Joggen den Runners High erleben, ist sehr unwahrscheinlich." Sie seien nicht fit genug, um ausreichend Endocannabinoide zu produzieren.

"Wer seine Belastungsgrenze nach und nach aufbaut, wird irgendwann auch durch Glücksgefühle zum Sport angeregt. Frettchen kann ich als motivierende Trainingspartner nach unserem Experiment aber nicht empfehlen."

ajo

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1.
ichbindannmalfort 28.04.2012
Die offizielle Marathon-Strecke ist nicht 42,9 km, sondern 42,19 km.
2.
Centurio X 28.04.2012
...können die durch Endorphine erzeugten Glücksgefühle (=runners high) nicht errreicht werden. Nur ab einem gewissen Trainingszustand ist der menschliche Körper imstande, diese Glückshormone zu produzieren, da er mindestens eine halbe oder dreiviertel Stunde laufend unterwegs sein muß, bevor sie sich einstellen. Der untrainierte Büromensch schafft am ersten Tag seines Laufversuchs in der Regel noch keinen halben km ständiges Laufen. Mit etwas Willen lässt sich das ändern, und nach wenigen Tagen Training schafft man schon 1 km, wenig später dann 2, 4, 6, 8 km. Und dann kann die Belohnung durch die Entdeckung eines völlig neuen glücklich und optimistisch machendes Körpergefühls der Beginn eines erfüllteren gesunderen Lebens sein. Warum wohl ist die Zahl der Langstreckenläufer, die einem auf Straßen, Stadtparks im Wald in allen Altersklassen ständig begegnen in den letzten Jahren wohl so gewaltig angestiegen? Es ist bestimmt keine Modeerscheinung, denn derjenige, der es richtig macht, kann es sich nicht mehr vorstellen, in eine Welt des bewegungsarmen nur Stuhlsitzens und Sofaliegends zurückzukehren. Eine Laufmotivationshilfe war schon in vielen Fällen das Lesen dieses Buches = http://www.sesterheim-gmbh.de/flyer.htm
3.
Holperik 28.04.2012
Der Marathon hat neuerdings 42,9 km. Glücksgefühl nach dem Marathon? Nee, die Beine taten weh. Das war es aber auch.
4.
laosichuan 28.04.2012
Ich selbst laufe jedes Jahr Marathon und erlebe zumindest beim Training intensive Glücksgefühle (beim Marathon selbst ist das Tempo dafür etwas zu niedrig). Trotzdem sähe ich mich in der Wildness bei der Jagd oder Flucht schlecht gerüstet. Ich wüßte keine Jagd, die mit gleichmäßigem Tempo über Stunden geht. Kurzstreckenläufer hätten bessere Überlebenschancen.
5. Prämisse?
Ha.Maulwurf 28.04.2012
Zitat von sysopLaufen kann Menschen in einen Rauschzustand versetzen. Warum eigentlich?
Mir scheint die Prämisse der Theorie weit hergeholt. Das Weglaufen vor Raubtieren wird ja auch bei Jägern und Sammlern nicht zum Halbmarathon ausgeartet sein. Und warum sollte man zum Sammeln eigentlich laufen und nicht gehen? Pilze und Erdbeeren laufen ja nur sehr seltenen Fällen weg. Ich würde den Rauschzustand eher als eine Art Schutzmechanismus betrachten, der im Notfall längere Läufe ermöglicht. Wenn die Jäger und Sammler sowieso ständig am Joggen waren, dann braucht es diesen Rauschzustand aber nicht.
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