Russland-Feldzug Läuse dezimierten Napoleons Truppen

Es sollte ein triumphaler Feldzug werden, doch das Ergebnis war ein Todesmarsch. Mit mehr als 500.000 Soldaten griff Napoleon im Juni 1812 Russland an, nur 3000 kamen zurück. Neue Untersuchungen an Leichen bestätigen jetzt die Annahme, dass Läuse nicht unschuldig an dem Desaster waren.


Die "Grande Armée" sollte, wie schon in den Feldzügen zuvor, die feindlichen Truppen schnell stellen und besiegen. Doch die Taktik der Blitzsiege ging diesmal nicht auf: Die Russen wichen immer weiter zurück. Zwar marschierte Napoleon am 14. September 1812 in Moskau ein, doch nach mehreren Wochen musste er ohne eine russische Kapitulation wieder abziehen. Der Rückmarsch wurde zum Desaster: Verwundungen, winterliche Temperaturen und Krankheiten dezimierten die "Grande Armée". Ein Jahr nach Beginn des Feldzugs waren von den ursprünglich mehr als 500.000 Mann noch ganze 3000 am Leben.

Napoleon (Porträt von 1815): Läuse dezimierten seine Armee
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Napoleon (Porträt von 1815): Läuse dezimierten seine Armee

Als Hauptgrund für das katastrophale Scheitern wurden abwechselnd der Wintereinbruch, Krankheiten und die schlechte Versorgungslage genannt. Neue Erkenntnisse bestätigen nun, dass winzige Tiere entscheidend zu Napoleons Niederlage beitrugen: Läuse, die Krankheiten übertragen.

Französische Forscher haben jetzt erneut Knochen, Kleidung und Zähne von 35 damals gestorbenen Soldaten untersucht. Das Ergebnis: Fast jeder Dritte war entweder mit Schützengrabenfieber oder Fleckfieber infiziert, schreibt das Team um Didier Raoult von der Université de la Méditerranée in Marseille im Fachblatt "Journal of Infectious Diseases". Die Leichen stammten aus einem Massengrab mit 2000 bis 3000 Soldaten, das 2001 bei Bauarbeiten gefunden worden war.

In zwei Kilogramm Erde, durchsetzt mit Knochen und Kleidungsresten, hatten die Forscher Körperteile von fünf Läusen entdeckt. Drei von ihnen trugen Erbgut des Bakteriums Bartonella quintana, des Erregers des Schützengrabenfiebers.

Noch interessanter verlief die Untersuchung des Marks von 72 Zähnen, die aus 35 Leichen stammten. Im Zahnmark von sieben Soldaten fanden die Wissenschaftler DNA des Fleckfieber-Erregers Rickettsia prowazakii. Die Fahndung nach weiteren Organismen sei negativ verlaufen.

Insgesamt seien 29 Prozent der untersuchten Soldaten entweder mit Fleckfieber oder Schützengrabenfieber infiziert gewesen, schreiben Raoult und seine Kollegen. Das lege nahe, dass diese durch Läuse übertragenen Krankheiten eine große Rolle beim Niedergang von Napoleons Armee gespielt haben.

Die Ergebnisse bestätigen bisherige Annahmen über den dramatischen Verlauf des Rückzugs: Die niedrigen Temperaturen machten es den Soldaten nahezu unmöglich, ihre Kleidung regelmäßig zu säubern und zu wechseln. Zudem wurde oft Kleidung von Gefallenen verwendet. Läuse konnten sich unter solchen Umständen ungebremst ausbreiten.

Während das Schützengrabenfieber Gelenk- und Beinschmerzen auslöst, löst der Fleckfieber-Erreger hohes Fieber und Durchfall aus. Auch innere Organe wie Leber und Milz können betroffen sein. Hinzu kommt ein typischer Hautausschlag: Am Rumpf und mitunter auch an Armen und Beinen zeigen sich blassrote Flecken.



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