Russland Forscher beklagen Kontrollen durch Geheimdienst

"Eine Rückkehr zu Sowjetzeiten": Russische Wissenschaftler prangern zunehmende Überwachung durch den Geheimdienst an. Veröffentlichungen und Vorträge müssen sie mit den Sicherheitsbehörden absprechen. An jeder Uni sitzt ein Agent.

Studenten an der Uni Moskau: Mit der "Ersten Abteilung" sprechen
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Studenten an der Uni Moskau: Mit der "Ersten Abteilung" sprechen


Ist das Ergebnis wichtig? Ist es neu? Die Fragen sind Voraussetzungen dafür, Ergebnisse in wissenschaftlichen Fachmagazinen veröffentlichen zu können. Für russische Forscher gelten offenbar andere Maßstäbe: Wissenschaftler berichten, sie müssten ihre Arbeiten Geheimdienstlern vorlegen, wenn sie eine internationale Veröffentlichung anstreben. Das gelte auch für Vorträge auf internationalen Konferenzen.

Zwei russische Forscher bestätigten SPIEGEL ONLINE die Praxis. Allerdings handele es sich dabei nicht um eine bindende Anweisung an alle Hochschulen des Landes. Vielmehr handelten einige Institutsleiter aus "vorauseilendem Gehorsam", so ein russischer Professor, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Die Schlüsselrolle bei diesem Vorgehen kommt den betroffenen Hochschulen der sogenannten Ersten Abteilung der Verwaltung zu. Offiziell arbeiten dort Mitarbeiter der Hochschule. In Russland ist es aber ein offenes Geheimnis, dass sich dahinter wie zu Sowjetzeiten auch heute noch Beamte des Inlandsgeheimdienstes verbergen.

Die beiden russischen Forscher berichten zudem, dass Wissenschaftler einiger Institute ihre Teilnahme an Konferenzen im Ausland ebenfalls mit der "Ersten Abteilung" absprechen müssen - einschließlich ihrer Vorträge.

Forscher müssen ihre Arbeiten ins Russische übersetzen

"Das ist ein Rückkehr zu Sowjetzeiten", sagt der Bioinformatiker Mikhail Gelfand von der Lomonossow-Universität in Moskau dem Wissenschaftsjournal "Nature". "Damals mussten wir vor internationalen Veröffentlichungen eine Genehmigung erhalten, die aussagte, dass das Ergebnis nicht neu und nicht wichtig ist, und deshalb auch im Ausland publiziert werden kann."

Bereits 1993 trat in Russland ein Gesetz in Kraft, laut dem Wissenschaftler eine Erlaubnis des Geheimdienstes FSB benötigten, ehe sie Ergebnisse publizieren durften, die militärisch oder wirtschaftlich wichtig sein könnten, berichtet "Nature". Dabei sei es hauptsächlich um Waffenentwicklung gegangen. Im Mai habe Präsident Putin allerdings dieses Gesetz erweitert, sodass es jegliche Forschung umfasse, auf deren Basis neue Produkte entstehen könnten.

Seitdem beklagen sich Forscher, dass ihre Universitäten verlangten, sie sollten ihre Veröffentlichen genehmigen lassen. Die Strukturen dafür sind vorhanden: An jeder Universität findet sich jemand vom FSB. Allerdings müssten die Wissenschaftler die in Englisch geschriebenen Artikel zum Teil für die Geheimdienstler ins Russische übersetzen, heißt es bei "Nature".

Unglückliche Forscher

Viacheslaw Shuper, Geograf an der Lomonossow-Universität, sagte "Nature", die meisten Kollegen würden sich nicht trauen, öffentlich darüber zu sprechen. "Aber ich kenne viele, die unglücklich über die Beschneidung ihrer wissenschaftlichen Freiheit sind."

Sergej Salichow vom russischen Wissenschaftsministerium sagte "Nature", die Regierung habe nicht vor, durch die Gesetzesänderung die Veröffentlichung von Grundlagenforschung zu behindern. Und das Ministerium weise Universitäten oder Geheimdienst nicht an, das Gesetz auf zivile Forschung anzuwenden.

Russische Wissenschaftler sind in den vergangenen Jahren stärker unter Druck geraten. So wurde im Sommer Wladimir Lapygin der Spionage angeklagt: Der 75-Jährige war bis dahin Leiter des Zentrums zur Erforschung von Aerodynamik an einer Forschungseinrichtung für Maschinenbau. Er soll "geheime Informationen" ins Ausland weitergegeben haben.

Gefeuert und geschlossen

Im Frühjahr 2014 feuerte das Moskauer Staatliche Institut für Internationale Beziehungen einen Geschichtsprofessor, weil er die Krim-Annexion scharf verurteilt hatte. Die Entlassung wurde später zurückgenommen.

Ende 2014 dann musste der Wirtschaftswissenschaftler Konstantin Sonin seinen Posten als Vizerektor der angesehenen Moskauer Higher School of Economics räumen - weil er in einem SPIEGEL-ONLINE-Interview kritisiert hatte, Putin werde sich "bis zuletzt an die Macht krallen", so Sonin damals.

Vergangenen Juli musste dann die angesehene Dynasty Foundation schließen. Die Stiftung war ein bedeutender Förderer der Wissenschaft in Russland. Im Juli wurde sie von der Regierung in Moskau auf eine schwarze Liste gesetzt.

beb/wbr

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