Sachsen-Anhalt Archäologen finden das deutsche Stonehenge

In der Magdeburger Börde graben Archäologen derzeit an einem sensationellen Fund: Sie glauben, die deutsche Variante von Stonehenge entdeckt zu haben - in Pömmelte. Das einzige Problem: Weil die Anlage aus Holz und nicht aus Stein erbaut wurde, ist nur wenig übrig geblieben.

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Wer mit André Spatzier spricht, der muss sich erst einmal an die Lautstärke gewöhnen. Der junge, braungebrannte Doktorand an der Martin-Luther-Universität in Halle wuselt auf einer geschäftigen Baustelle hin und her. Bagger und LKW machen Lärm. "Wir öffnen gerade die Grabungsfläche", sagt Spatzier. Er steht auf einem Acker unweit der Elbe in Sachsen-Anhalt, ganz in der Nähe befinden sich einige Häuser des Ortes Pömmelte-Zackmünde.

Hier aus dem fruchtbaren Boden der Magdeburger Börde schälen Grabungsleiter Spatzier und seine Kollegen nach und nach eine bronzezeitliche Kultstätte, die dem weltbekannten Monument im britischen Stonehenge geähnelt haben soll. Das einzige Problem: Während Stonehenge, von seinen Bauherren aus Steinen erstellt, die Jahrtausende überdauerte, war das Heiligtum bei Magdeburg aus Holz gebaut - und vermoderte deswegen schon vor langer Zeit.

Doch die Dimensionen der Anlage müssen beeindruckend gewesen sein. Insgesamt sechs Ringe aus Holzpfeilern haben die Archäologen bereits nachweisen können, der größte von ihnen hat einen Durchmesser von 115 Metern. Im inneren Bereich des Heiligtums gab es außerdem einen Ringgraben mit einem Durchmesser von 80 Metern. Genutzt wurde das Areal zwischen dem 23. und dem 21. Jahrhundert vor Christus. Das haben die Forscher anhand der aufgefundenen Keramikgefäße herausgefunden.

"Das ist eine Struktur, wie man sie vom europäischen Festland aus dieser Zeit nicht kennt", sagt Spatzier. Es war eine aufregende Zeit in Europa: Handelsnetze für Erze, Bernstein und Salz entwickelten sich. Das Wissen der Menschen stieg rapide an, weil nicht nur Waren, sondern auch Ideen über den Kontinent reisten. Schon ungefähr 2500 Jahre vorher hatten die Jungsteinzeitmenschen das Sonnenobservatorium von Goseck angelegt, einen rund 70 Meter messenden hölzernen Ring zur Sonnenbeobachtung. 500 Jahre später erschufen bronzezeitliche Würdenträger die Himmelsscheibe von Nebra.

Was genau in der nun gefundenen Anlage in Sachsen-Anhalt passiert ist, versuchen die Forscher derzeit herauszufinden.

Sie glauben, dass es sich um einen Ort gehandelt haben muss, an dem Feste und kultische Handlungen stattfanden. Die Erdwälle hätten nicht zum Schutz gegen Angreifer getaugt. Auch wiesen gefundene Tierknochen und Gefäße auf einen Kultort hin. Auch menschliche Skelettreste habe man ausgegraben - ganz ähnliche Funde wie in Stonehenge also. Besonders fasziniert sind die Wissenschaftler von den Gräbern eines in Fötushaltung bestatteten fünf- bis zehnjährigen Kindes und eines höher gestellten Würdenträgers, die sie auf dem Gelände fanden.

Entdeckt wurde die Anlage aus dem Flugzeug im Jahr 1991. Seit zwei Jahren graben die Archäologen nun auf dem Feld. In diesem Sommer hoffen sie, die Struktur komplett freigelegt und ergründet zu haben.

Besonders interessant: Ganz in der Nähe findet sich ein zweites ringförmiges Holzheiligtum, das vermutlich unmittelbar nach demjenigen genutzt wurde, welches derzeit ausgegraben wird. Dort haben die Archäologen bislang nur eine kleine Sondierungsgrabung unternommen. "Eventuell werden wir dort im nächsten Jahr eine größere Grabung starten", sagt Archäologe Spatzier - in der Hoffnung, dem Geheimnis von Pömmelte irgendwann auf die Schliche zu kommen.



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