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Sagenumwobenes Königreich: Archäologen graben Goldschmiede von Kusch aus

Mühlsteine, Werkzeuge, Gräber: Am Ufer des Nils im Sudan graben Forscher eine Goldschmiede aus, die zwischen 3500 und 4000 Jahre alt ist. Betrieben wurde sie offenbar von fremden Söldnern im Auftrag des Königreichs von Kusch - jetzt droht der Ort in den Fluten des Nils zu versinken.

Chicago - "Diese große Zahl von Mühlsteinen und anderen Werkzeugen zum Zerkleinern und Mahlen von Erz zeigt, dass dieser Ort einmal ein Zentrum der organisierten Goldproduktion war", sagte der Archäologe Geoff Emberling von der University of Chicago. Am vierten Nil-Katarakt, rund 350 Kilometer nördlich der sudanesischen Hauptstadt Khartum, hat er eine Jahrtausende alte Goldschmiede ausgegraben.

Bei dem Ort Hosh el-Geruf am Nil wurden zwischen 2000 und 1500 vor unserer Zeitrechnung Golderze abgebaut und weiterverarbeitet. Und: Die Metallwerkstatt gehörte zum sagenumwobenen Königreich von Kusch. Dieser Staat in der Region, die auch als Nubien bekannt ist, hatte viele Jahrhunderte lang seine Unabhängigkeit gegenüber dem mächtigen Ägypten behaupten können.

"Was wir in Hosh el-Geruf sehen, ist nicht nur die blanke Macht der Kuschiter, also die Fähigkeit, Herrschaft weit außerhalb des Zentrums ihres Königreichs auszuüben", sagte Bruce Williams von der University of Chicago zu SPIEGEL ONLINE.

Katarakte: Die gefürchteten Stromschnellen des Nils
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Das "erhebliche Ausmaß der Goldausbeutung dort" zeigt seiner Ansicht nach, wie die Herrscher von Kusch auch an weit entfernten Orten für Logistik, Disziplin und Sicherheit sorgen konnten: Logistik war für die Bereitstellung von Verpflegung und Personal nötig. Nur mit Disziplin konnte die arbeitsteilige Produktion und der Ausstoß des extrem wertvollen Metalls gewährt werden. Und durch militärische Sicherheit erhielten die Herrscher von Kusch ihren Zugriff auf die Quelle des Edelmetalls aufrecht.

Multikulti im Land der widerborstigen Nilbewohner

Auch über Alltagsleben und Kultur dieser widerborstigen Nilbewohner hoffen die Forscher in Hosh el-Geruf neue Aufschlüsse zu erlangen: Die Wissenschaftler fanden ein Feld mit 90 runden Gräbern, die von Steinkreisen umrandet waren. Derartige Grabformen werden den Medjai zugeschrieben, einem Volk, dessen Mitglieder sich als Minenarbeiter, Söldner und Polizisten verdingt haben. "Wir können die Kuschiter dieser Zeit multikulturell nennen", sagte Archäologe Williams. Kürzlich habe eine andere Grabung unter Leitung von Vivian Davies vom British Museum in London gezeigt, dass die Kuschiter auch Punter rekrutieren konnten. Die Bewohner des legendären Landes Punt (in historischen Schriften auch "Goldland" oder "Land Gottes genannt") haben wahrscheinlich ursprünglich in der Gegend um das Horn von Afrika gewohnt.

Diese Funde eröffneten den Blick auf ein "komplexes kulturelles Mosaik" im Gebiet des heutigen Sudan, so Williams, "ganz anders als im alten Ägypten". Zu den Entdeckungen der Forscher gehörten auch für das Reich von Kusch typische, rechteckige Gräber. Außerdem fanden sie Keramik, die sowohl aus Nubien stammte, als auch aus Ägypten importiert worden war.

Emberling hofft, mit der Entdeckung mehr Klarheit in die Geschichte dieses Königreichs zu bringen, über das die Überlieferung im Vergleich etwa zu den ägyptischen Dynastien sehr lückenhaft ist. "Wirklich eine Schande, dass wir so wenig Zeit haben, weil ein großer Teil verloren gehen wird", sagt sein Kollege Williams. An kaum einem anderen Ort wird derzeit so intensiv gegraben wie am vierten Nil-Katarakt. Denn weil in der Nähe des Fundorts ein Staudamm in Bau ist, der den Nil auf 160 Kilometern zum See aufstauen wird, drohen wertvolle Zeugnisse der ersten Hochkulturen zu verschwinden.

stx/ddp

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Goldschmiede: Disziplin, Logistik und Massenproduktion


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