Sakro-Archäologie Der Heiland würde im Grab rotieren

"Titanic"-Regisseur James Cameron stellt mit "Das Jesus-Grab" die biblische Überlieferung in Frage. Die Forscher-Doku präsentiert Jesus als Familienvater mit Frau und Kind - Wissenschaftler zerreißen den Film in der Luft.

Von Stefan Schmitt


Die Lebensgeschichte des Jesus von Nazareth und seiner Begleiter in eine Erzählung zu gießen - das versuchen Menschen wohl schon seit den Zeiten des Kaisers Augustus. Die Vornamen der erfolgreichsten Autoren schmücken heute die Evangelien. Etwas weniger erfolgreiche Jesusgeschichten-Erzähler landeten in den Giftschränken der Kirchen, die weitaus größte Zahl wohl schlicht im Orkus der Geschichte.

Bibelforscher haben eine ganze akademische Disziplin darauf begründet, die Überlieferungen, Interpretationen und Widersprüche der Evangelien, Überlieferungs-Schnipsel und Apokryphen (Texte, die es nicht in den Kanon der Bibel geschafft haben) zu ordnen. Dass die Schriften alles andere als schiere Tatsachenberichte sind, ist längst Allgemeinwissen.

Ausgerechnet Hollywood-Regisseur James Cameron ("Titanic", "Terminator 2", "Aliens") bereichert die Legendensammlung nun um eine weitere Variante: Jesus als Kopf einer Kleinfamilie. Mit seiner Frau Maria Magdalena habe Jesus von Nazareth einen Sohn namens Juda gehabt. Die Knochen der drei hätten rund 2000 Jahre lang in einer Grabkammer unter dem Jerusalemer Stadtteil Talpiot gelegen.

Der Sohn Gottes als Vater eines menschlichen Kindes? Das kennen Kinogänger aus "Sakrileg" ("Da Vinci Code") nach dem Roman von Dan Brown. Im selben Stil wollte das Magazin "Galileo" (ebenfalls Pro Sieben) im vergangenen Mai das Grab Maria Magdalenas gefunden haben. Schon Gnosis und Rosenkreuzer-Mystik überlieferten Legenden über diese Dame. In den - kirchlich nie anerkannten - sogenannten Thomas- und Philippusevangelien wird zumindest beschrieben, dass Maria Magdalena Jesu Freundin war. Die Kirche vermochte damit wenig anzufangen: Thomas und Philippus wurde der elitäre Evangelisten-Status verwehrt, ihre Überlieferungen schafften es nie in die heilig genannte Schrift.

Beliebtes Mystiker-Motiv: Jesus als Familienvater

Für seine Fassung missbraucht Cameron nun die Autorität einer anderen Wahrheitsquelle. Der TV-Sender "Discovery Channel" wirbt mit "neuen wissenschaftlichen Beweisen" für Camerons rund 90-minütige Fernsehdokumentation "The Lost Tomb of Jesus".

Am kommenden Sonntag wird sie in den USA erstmals ausgestrahlt, deutsche Zuschauer können den Film unter dem Namen "Das Jesus-Grab" am Karfreitag beim Privatsender ProSieben sehen. Bei einer Pressekonferenz in New York wurde das Werk vorgestellt - sorgsam inszenierter PR-Rummel, von dem vor allem die Ausstrahlungen weltweit profitieren sollen.

Ein Blick in die Tageszeitungen vom Dienstag weckt jedoch Zweifel am potentiellen Erfolg der Cameronschen Geschichtsauslegung: "Jesus-Grab entdeckt?", zweifelt das "Hamburger Abendblatt". "Ist hier das Grab Jesu?", wundert sich die "Bild"-Zeitung. Die "Welt" berichtet von "Skepsis", "unrealistisch" schimpft die "Berliner Zeitung".

Man darf davon ausgehen, dass diese Ablehnung nicht allein dogmatisch begründet ist.

Wenig wissenschaftliches Motiv-Puzzle

Grund genug für die einhellige Skepsis (auch die "New York Times" und der Londoner "Guardian" kanzelten den Film ab) sind schon die beiden einzigen authentischen Hauptdarsteller der Bibel-Doku: James Tabor von der University of North Carolina und Shimon Gibson vom Albright Institute for Archaeological Studies in Jerusalem. Die beiden Forscher wollten vor einigen Jahren schon die Höhle Johannes des Täufers gefunden haben. Tabor behauptete vergangenes Jahr in einem Buch ("Die Jesus-Dynastie"), der Heiland stamme nicht vom lieben Gott, sondern von einem römischen Legionär ab.

Als das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") am Tag der New Yorker PR-Veranstaltung den Film vorab als "Cameron-Code" verulkte, setzte sie den Trend für die Berichterstattung. Jürgen Zangenberg von der Universität Leiden, Experte für die Bestattungen im Palästina der Zeitenwende, verbreitete den Argwohn des Gelehrten: "Hier geht es um Geld und um Schlagzeilen." Er wurde nicht nur in der "FAZ" zitiert, sondern auch von der Deutschen Presseagentur. Andere Archäologen, Bibelforscher und Historiker reihten sich ein.

Bevor "The Lost Tomb of Jesus" rezensiert, geschweige denn vom Publikum goutiert werden konnte, wurden dessen zentrale Aussagen filetiert:

  • Die Jerusalemer Grabhöhle existiert. Sie wurde schon 1980 entdeckt und enthielt zehn Knochensärge, sogenannte Ossuarien. Doch jahrzehntelang war die Entdeckung keinem Museum eine Ausstellung wert.
  • Fast 15 Jahre später wurden die auf den Steinsärgen gefundenen aramäischen und griechischen Inschriften in Fachzeitschriften veröffentlicht. "Jesus, Sohn von Josef" stand auf einem, "Maria", "Matthäus" und "Josef" auf anderen, schließlich "Juda, Sohn von Jesus". Diese Namen waren im Palästina kurz nach Null unserer Zeitrechnung weiter verbreitet als heute Luca, Leon und Lena. Tausende solcher Ossuarien sind bekannt.
  • Ein kanadischer Statistik-Professor beteuert für die "Discovery"-Produktion, dass es sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 600 zu 1 um das Familiengrab Jesu handeln müsse. Die zugrundeliegende Berechnung ist bislang unveröffentlicht - und keinen Gutachtern eines Fachjournals vorgelegt worden. Wissenschaftlich ist die Behauptung damit wertlos.
  • Knochenreste aus den Ossuarien mussten für eine Erbgut-Untersuchung herhalten. Was Carney Matheson von der University of Ontario im Cameron-Film präsentiert, ist aber lediglich die Analyse von Resten mitochondrialer DNA (mtDNA) von der Fundstätte. Mütterlicherseits seien der vermeintliche Jesus und die vermeintliche Maria Magdalena schon mal nicht verwandt gewesen. Der "Discovery Channel" spricht von einem möglichen Hinweis darauf, dass die beiden Toten im Leben ein Liebespaar gewesen seien - lägen sie doch in einem Familiengrab. Doch mit mtDNA kann man keine Vererbung über die Linie des Vaters nachweisen.

Schon 1996 hatte die BBC-Dokumentation "The Body in Question" die Hypothese vom heiligen Familiengrab präsentiert. Sie verfing nicht.

"Keine Beweise der Existenz Jesu Christi"

"Wir haben bislang keine materiellen Beweise von der Existenz Jesu Christi", sagte Oscar-Preisträger Cameron bei der New Yorker PR-Veranstaltung für "The Lost Tomb of Jesus". Dann sprach er von "archäologischen, forensischen und historischen Beweisen". Später schränkte er ein: "Es sind die Anfänge einer fortlaufenden Untersuchung. Sollte etwas auftauchen, das diese Untersuchung untergräbt, dann soll es so sein."

Die "New York Times" zitierte am Dienstag den Harvard-Historiker Lawrence Stager mit den Worten, der Film "beutet die Idee aus, die (Dan Browns Bestseller) 'Sakrileg' in die Welt gesetzt hatte". "Ich bin kein Archäologe oder Bibelforscher", sagte Cameron zutreffend. "Aber als Dokumentarfilmer darf ich nicht davor zurückscheuen, die Wahrheit zu sagen."

Die Wissenschaft kann faktische Richtigkeit bescheinigen. Die Wahrheit religiöser Offenbarung ist hingegen so vielfältig wie die menschliche Phantasie - aber die wenigstens schaffen es in einen Kanon wie das Neue Testament.

Beim Verlag Harper in San Francisco erscheint parallel zu dem Science-Fiction-Spektakel ein Buch aus der Feder von Regisseur Simcha Jacobovici und dem Archäologen Charles Pellegrino. Produzent Cameron hat das Vorwort verfasst. Sollten Schriftgelehrte einst ein Exemplar aus irgendeiner Höhle ziehen und die Cameronsche Geschichte der Jesus-Familie entschlüsseln - die Autoren hätten noch Glück, wenn sie dann bei den Apokryphen einsortiert würden.

mit Material von AFP/ddp/dpa/Reuters



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