Von Peter Sandmeyer
Tuala Benjamin ist Matai, ein massiger Mann mit imposantem Bauch und großem Schädel, Chef einer Großfamilie und so etwas wie der Bürgermeister und Blockwart von Tafagamanu, 500 Seelen, eine Perlenschnur von Häusern, die sich einen Steinwurf vom Strand entfernt am Meer entlangzieht. Er baut Kakao an und Kokos, er ist Farmer und Fischer und am Sonntag Prediger in der Kongregationskirche; er hat eine Frau mit einem ebenso imposanten Bauch, zehn Kinder, elf Enkel und absolut klare Ansichten darüber, was man in seinem Dorf zu tun und zu lassen hat. Er kann Mädchen verbieten, Jeans zu tragen, er wacht über alle Details des täglichen Lebens, er fordert von jedem seinen Beitrag zum Gemeinwohl, er kontrolliert den Kirchgang, er ist eine Autorität.
Ungefähr 13.000 Matais gibt es auf Samoa. Sie sind das Rückgrat von "Fa'a Samoa": gleichzeitig ein Lebensstil und ein komplexes Regelwerk von ungeschriebenen Rechten und Pflichten, Vorschriften und Zwängen, Tabus und Verboten, Demut und Respekt. Es gibt nichts, was nicht strengstens geregelt ist.
Wehe dem, der sich an die Regeln nicht hält! Einer, der nach Jahren der Arbeitsemigration aus Neuseeland zurückgekehrt war und glaubte, sich die Freiheit leisten zu können, nicht jeden Sonntag zur Kirche gehen und sich den engen Gesetzen seines Dorfes beugen zu müssen, stand eines Tages vor den Trümmern seines niedergebrannten Hauses. "Wer auf Warnungen nicht hört", sagt Matai Benjamin - und macht dann eine Gebärde des Fortscheuchens.
Mead entwarf ein Bild der reinen Idylle
Margaret Mead beendete ihre Feldarbeit nach neun Monaten, kehrte in die USA zurück und begab sich unverzüglich an ihren Schreibtisch. Als Ergebnis ihrer Feldforschung entwarf sie dort das Bild einer reinen Idylle. Frei und ohne Zwänge wüchsen die jungen Mädchen auf Samoa auf, unverkrampft sammelten sie erste sexuelle Erfahrungen, eine wundervolle problemlose Pubertät voller Liebesabenteuer erlebten sie. Es sei ihnen nicht eilig mit dem Erwachsenwerden, sie kosteten diese schöne Phase ihres Lebens in vollen Zügen aus. Jungfräulichkeit habe für die spätere Partnerschaft keine Bedeutung, und es gäbe dank der weitherzigen liberalen Erziehung weder Konkurrenzdenken noch Rivalität oder Eifersucht.
Konflikte, wie sie in den USA die Zeit der Pubertät kennzeichneten, seien auf Samoa so gut wie unbekannt. Neurosen, Frigidität und psychische Impotenz kämen nicht vor. Ebenso wenig Gewalttaten, Mord und Selbstmord. Alles in allem seien die Samoaner "eines der liebenswertesten, friedfertigsten und am wenigsten streitsüchtigen Völker der Welt".
Fazit: Nurture! Der kulturelle Rahmen prägt Erwachsenwerden, Sexualität und Emotionen, nicht der Ablauf der biologischen Vorgänge. Genau das war es, was die Kulturdeterministen immer behauptet hatten. Begeistert äußerte Franz Boas seinen Dank an "Miss Mead" dafür, "dass sie uns ein klares und leuchtendes Bild von den Freuden und den Schwierigkeiten eines jungen Individuums in einer Kultur gibt, die sich von der unserigen völlig unterscheidet".
Suizid mit Pflanzenschutzmittel
Zwei Neffen von Matai Benjamin haben sich mit Paraquat umgebracht, einem Pflanzenschutzmittel, das den Körper von innen verbrennt. Ein qualvoller Tod. Anlass war eine Lappalie, ein kleiner Diebstahl, der entdeckt wurde, der aber auf Samoa keine Kleinigkeit ist, sondern ein Angriff auf "Fa'a Samoa".
Wer einen Blick in internationale Selbstmordstatistiken wirft, staunt: Das kleine Inselreich hat in der Altersgruppe der 24- bis 35-Jährigen eine der höchsten Suizidraten der Welt. Sie zeigt die Kehrseite dieser traditionellen Gesellschaft, in der die Gemeinschaft - repräsentiert von den Matai - weit über dem Individuum steht. Hierarchie, Enge und Konformitätsdruck nehmen den Jugendlichen Luft und Entwicklungsspielraum; rigoros haben sich alle Versuche persönlichen Glücksstrebens den Normen des kollektiven Wohlergehens unterzuordnen.
Wahrscheinlich war das schon immer so. Und vielleicht war diese Normenkollision ein wiederkehrender Anlass und wichtiger Antrieb dafür, dass junge Männer und Frauen sich in Kanus gesetzt haben, auf ihren Booten dem Horizont entgegengefahren sind und neue Inseln gesucht haben, um ihr eigenes Reich zu gründen. Vielleicht hängt das Geheimnis der Eroberung und Besiedelung des riesigen Pazifik mit diesen wiederholten Ausbrüchen aus der Enge einer autoritären, bevormundenden Gesellschaft zusammen. Ein interessanter Ansatz für eine anthropologische Untersuchung. Sie würde bei realen Konflikten und tatsächlichen Selbstmorden ansetzen, nicht bei einem Idealbild, für das dann in der Realität Belege gesucht werden.
Wie Mead das meistverkaufte Anthropologie-Buch schrieb
Margaret Mead veröffentlichte ihre Studie 1928 unter dem Titel "Coming of Age in Samoa". Es wurde sofort ein Bestseller und gilt bis heute als das meistverkaufte anthropologische Werk überhaupt. Seine Ergebnisse wurden in zahllose Sach- und Lehrbücher aufgenommen. Im Zuge der 68er erlebte es noch einmal eine Renaissance und fehlte in keiner Wohngemeinschaft. Nichts war der Zeit willkommener als die Botschaft, alle psychischen Probleme und sexuellen Schwierigkeiten des Einzelnen seien Produkte der repressiven Gesellschaft, in der er lebt. Der Mensch, so die auf Margaret Mead fußende Überzeugung, ist nicht, er wird gemacht. Neurotisch oder normal, aggressiv oder friedfertig, unglücklich oder eben glücklich - wie auf Samoa.
Zweifel und Kritik an den revolutionären Erkenntnissen von Margaret Mead über Samoa und seine Bewohner kamen zwar immer wieder von Samoanern selbst, aber die wurden geflissentlich ignoriert. Erst die Ergebnisse der Feldarbeit des Neuseeländers Derek Freeman, 15 Jahre nach Margaret Meads Abreise begonnen und über Jahrzehnte fortgeführt, erschütterten deren Behauptungen.
Freeman lebte mit Unterbrechungen rund 40 Jahre auf Samoa, er lernte die Sprache der Insulaner und beherrschte sie schließlich sehr gut, er wohnte in einem 400-Seelen-Dorf auf Opulu, wurde vom dortigen Matai in dessen Familie aufgenommen und mit der Würde eines Ehren-Matais ausgezeichnet, er sprach noch einmal mit den Interviewpartnern von Margaret Mead, er wertete Gerichtsakten und Zeitungsartikel aus - und er konnte, als er am Ende seiner umfassenden Untersuchungen 1978 das Ergebnis unter dem Titel "Margaret Mead and Samoa" vorlegte, nicht eine einzige Aussage seiner Kollegin bestätigen.
Die Friedfertigkeit, die sexuelle Freizügigkeit, die angebliche Bedeutungslosigkeit der Jungfräulichkeit, das Fehlen von Neurosen und Gewalttaten, die liberale Erziehung - alles Märchen. Die Arbeit von Margaret Mead, vermeintlich die empirische Untermauerung einer wissenschaftlichen These, erwies sich als eine Mixtur aus Naivität, Ignoranz und vorsätzlicher Schönfärberei. Sie wurde von Derek Freeman vollständig widerlegt. Ein Desaster, ein Schock für die anthropologische Wissenschaft und ein Menetekel dafür, wozu das Wunschdenken eines Wissenschaftlers führen kann.
Margaret Mead hatte auf Samoa das Paradies entdeckt. Aber mit ihm scheint es so zu sein wie mit den "glückseligen Inseln" im Golf Pe-chi-li, von denen Ernst Bloch erzählt: "Sieht man sie von fern, so gleichen sie Wolken; kommt man ihnen nahe, so wird das Schiff vom Wind weggetrieben; erreicht man sie dennoch, so versinken sie im Meer."
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