Samurai-Schau Das Geheimnis der todbringenden Ritter

Das Schwert war ihre Seele. Sie waren treu bis in den Tod; verloren sie ihren Herrn, begingen sie Selbstmord. Die Samurai, Japans Ritter, beherrschten das Land 700 Jahre lang - und ihr Mythos lebt noch heute, wie eine faszinierende Ausstellung in Deutschland zeigt.


Kaum hat man das Bambustor durchquert, zeichnen sich ebenso vertraute wie gefürchtete Umrisse ab: Steht da etwa Darth Vader, der Finsterling aus George Lucas' berühmter Star-Wars-Saga im Schaukasten? "Sie sind nicht der erste, der diesen Vergleich zieht", sagt Franziska Keller, Sprecherin des Historischen Museums. Nein, es handelt sich nicht um eine Ausstellung der Requisiten aus Star-Wars-Filmen, sondern um die Samurai-Ausstellung des Historischen Museums der Pfalz in der alten Domstadt Speyer. Im Schaukasten am Beginn der Ausstellung stehen gleich mehrere Samurai-Rüstungen, die mindestens so imposant sind wie Darth Vader selbst.

Die japanischen Ritter dürften nicht nur George Lucas' Bild der Jedi-Ritter maßgeblich beeinflusst haben. Ihre Ästhetik, ihr Ehrenkodex, ihr Mythos leben fort in der japanischen Comic-Kultur, Videospielen, zahlreichen Hollywood-Filmen und ganz real auch in ihren Nachfahren, die teilweise zur gesellschaftlichen Elite Japans gehören, bedeutende Politiker geworden sind oder mitunter Wirtschaftsimperien leiten.

Die Samurai bildeten eine Kriegerkaste, die ganz oben in der mittelalterlichen japanischen Stände-Gesellschaft verankert war. Ihr Aufstieg begann vor 1000 Jahren, 700 Jahre lang hatten sie Japan fest im Griff. Sie besaßen enorme Privilegien: Nur ein Samurai war berechtigt, zwei Schwerter, ein Kurz- und ein Langschwert - das legendäre Katana - zu tragen. Und er hatte die Lizenz zum Töten: Brachte ihm ein Bürger nicht den nötigen Respekt entgegen, konnte ein Samurai ihm sein Leben nehmen.

Dennoch: Die Ritter genossen keine Narrenfreiheit. Sie lebten nach einem strengen Ehrenkodex, dem Bushidô, dem "Weg des Kriegers". Sieben anzustrebende Tugenden schrieb das Bushidô einem Samurai vor: Entscheidungskraft, Mut, Nächstenliebe, Respekt, Aufrichtigkeit, Ehre und Treue.

Treue war die wichtigste von ihnen. Verlor ein Samurai seinen Herrn - etwa durch dessen Tod - wurde er zum Rônin. Eigentlich musste er dann nach den Regeln des Bushidô den rituellen Suizid begehen. Der "Seppuku" folgte strengen Regeln: Der Rônin musste sich sein Kurzschwert in den Bauch rammen und diesen von links nach rechts aufschlitzen. War er damit fertig, wurde er enthauptet. Ein Rônin, der den Seppuku verweigerte, verlor seine Ehre und war von da an Hohn und Spott ausgesetzt. Mancher Rônin tauchte in die Unterwelt ab und wurde zum gefürchteten Räuber.

Schwerter aus gefaltetem Stahl

Ebenso ausgefeilt wie die Kampfkunst der Samurai war die Kunst der Schwertschmiedemeister. Wenngleich ein Samurai auch Bogen und Lanze als Waffen benutzte, das Schwert galt als seine Seele. Selbst im heutigen Japan lebt die alte Tradition des Schwertschmiedens fort. "Für antike Schwerter bezahlen Sammler bis zu drei Millionen Euro", sagt Hanns-Joachim Eschbaum im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er ist Sammler von Samurai-Schwertern, der einige antike Stücke für die Ausstellung in Speyer organisiert hat. "Nicht nur das Alter des Schwerts spielt eine Rolle", erklärt Eschbaum. "Es ist vor allem die Güte der Schmiedekunst, die entscheidend für den Preis ist."

Die Klinge eines Katanas besteht aus gefaltetem Stahl: Der Schmied erhitzte in speziellen Öfen und in Kiefernholzfeuer den Rohstahl. In abwechselnder Folge überlappte er ihn in Längs- und Querachse und schmiedete ihn durch - bis eine Klinge entstand. Etwa 10 bis 20 Mal wiederholte ein Schmied diesen Vorgang.

Die Schmiedekunst war hoch angesehen im antiken Japan und wurde nur von Hochadeligen und Angehörigen der Kriegerkaste ausgeführt - es war die einzige handwerkliche Tätigkeit, die den Samurai gestattet war. Und auch heute noch wird sie nach alter Tradition fortgeführt: "In Japan gibt es regelmäßige Wettbewerbe unter den Schmieden", sagt Eschbaum. "Aber ganz nach oben, bis zum Rang eines Mukansa, schaffen es nur wenige."

Ebenso wichtig wie ein gutes Schwert war für einen Samurai eine gute Rüstung. Sie war anders als die Rüstungen der europäischen Ritter aufgebaut: Sie bestand nicht vollständig aus Metall, sondern aus Einzelelementen straff und trickreich verschnürter Metall- und Lederplättchen. Das erlaubte mehr Bewegungsfreiheit und sparte Gewicht: Ein Samurai-Harnisch wog meist nicht mehr als zehn Kilogramm und war damit wesentlich leichter als die Rüstung eines europäischen Ritters. Geübte Samurai konnten in voller Rüstung sogar kurze Strecken schwimmen.

Wie die Ausstellung in Speyer eindrucksvoll zeigt, waren die Rüstungen ebenso wirkungs- wie kunstvoll. Meist trug der Samurai noch eine Gesichtsmaske zum Schutz und zur psychologischen Kriegführung. Dabei gibt es auch kuriose Einflüsse: Auf den Masken der späten Samurai-Rüstungen aus der Edo-Periode kleben falsche Vollbärte aus Fell. "Die hatten sich die bartlosen Samurai bei den europäischen Seefahrern abgeguckt, die nach Japan gekommen waren", sagt Museumssprecherin Keller. "Mit den falschen Bärten wollten sie ihre Feinde erschrecken."

Der Shôgun war der heimliche Herrscher Japans

Ein Samurai lebte jedoch nicht nur für den Kampf. Für ihn war es selbstverständlich, Kunst, Wissenschaft, Philosophie und Musik zu studieren. "Auch Theater war eine beliebte Freizeitbeschäftigung der Samurai", erklärt Keller. Berühmte Dichter brachten die Samurai zwar nicht hervor, aber sie selbst beeinflussten mit ihrer bedingungslosen Loyalität und ihrer Lebensweise viele Dichter und Künstler.

Der Anführer der Samurai war der Shôgun. Ursprünglich vergleichbar mit einem europäischen Herzog, stiegen die Shôgune ab Ende des 12. Jahrhunderts zu den eigentlichen Herrschern Japans auf - obwohl offiziell der Kaiser regierte. "Shôgun bedeutete ursprünglich 'Der, der die Barbaren vertreibt'", sagt Lars Börner, der die Ausstellung konzipiert hat. "Aber es ging nicht nur um Invasoren wie beispielsweise die Mongolen. Als Barbaren wurden auch die Ureinwohner Japans bezeichnet." Spätestens mit der erfolgreichen Abwehr der Mongolen-Invasionen im 13. Jahrhundert stiegen die Samurai und der Shôgun zur militärischen Elite auf.

In den insgesamt 700 Jahren, in denen die Samurai Japan dominierten, veränderte sich ihre Stellung. In der friedlichen Edo-Periode, die im 17. Jahrhundert begann, waren ihre Kampfeskünste plötzlich nicht mehr gefragt. Die Samurai wurden zu Beamten - und verarmten. 1867 schließlich endete ihre große Zeit, als das lange isolierte Japan sich dem Druck des Westens und der Moderne beugen musste und der letzte Shôgun stürzte. Krieger mit Schwertern in archaischen Rüstungen passten nicht mehr ins Bild der Zeit. Der Kaiser entmachtete die Ritter, nahm ihnen ihre Privilegien und verbot ihnen sogar das Tragen ihrer Schwerter - ein herber Schlag für das Selbstverständnis der Samurai.

Dadurch aber, dass sie nicht mehr wie gehabt Geldzuwendungen erhielten, war ihnen auch die finanzielle Grundlage entzogen. Die Samurai mussten sich neue Betätigungsfelder suchen. Einen Vorteil hatten sie dabei: ihre hohe Bildung. So gelang es einigen Samurai, sich erfolgreich in das neue Japan einzugliedern und von der einstmaligen militärischen zur gesellschaftlichen Elite zu werden. Einige bedeutende Politiker und Wirtschaftsunternehmen Japans, wie beispielsweise Mitsubishi, gehen auf Samurai-Vorfahren zurück.



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