Nervengift Sarin Tödliche Entwicklung aus Deutschland

Deutsche Forscher haben das Nervengift Sarin einst erdacht. Seit Jahren ist es verboten - doch Terroristen und Despoten setzen es immer wieder ein. Kam es nun auch im syrischen Chan Schaichun zum Einsatz?

Uno-Waffenexperten in Syrien tragen Gasmasken (2013)
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Uno-Waffenexperten in Syrien tragen Gasmasken (2013)

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Verkrümmte Körper toter Kinder, erwachsene Krankenhauspatienten mit Schaum vor dem Mund, Babys unter Atemmasken mit starrem Blick. Die Bilder sind verstörend und eigentlich nicht zu ertragen. Doch Jean Pascal Zanders sieht sie sich mit analytischem Blick an. Er muss.

Der Belgier ist Chemiewaffenexperte - und versucht sich anhand von Film- und Videomaterial ein Bild davon zu machen, was am Dienstagmorgen gegen 6.30 Uhr in Chan Schaichun, einer 90.000-Einwohner-Stadt in der syrischen Provinz Idlib passiert sein könnte.

"Es gibt keinen Zweifel, dass das ein sehr ernster Vorfall war", sagt Zanders, "ein gravierender Verstoß gegen die Chemiewaffenkonvention". Er betont aber zugleich: "Ich bin aber noch immer unsicher, was man auf den Bildern und in den Filmen genau sieht." Ein schwerer Verdacht steht im Raum: Ist in Chan Schaichun womöglich das international geächtete Nervengift Sarin eingesetzt worden?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sieht jedenfalls Symptome der Einwirkung von Chemiewaffen. Das augenscheinliche Fehlen äußerer Verletzungen und andere Anzeichen deuteten auf Nervengift hin, erklärte die Organisation. Der Chef der Gesundheitsbehörde von Idlib, Munser Chalil, geht nach eigenem Bekunden davon aus, dass tatsächlich Sarin und Chlorgas freigesetzt wurden. Oppositionelle machen das Assad-Regime dafür verantwortlich. Das dementiert vehement. Russland mutmaßt, womöglich habe die Assad-Armee ja ein Chemiewaffendepot der Rebellen getroffen.

Assad-Regime hat bereits Sarin eingesetzt

Klar ist aber: Es wäre nicht das erste Mal, dass Syriens Armee auf Giftgas zurückgreift. Im vergangenen Monat wurde ein Bericht der Uno-Menschenrechtskommission zum Einsatz von Chlorgas durch das Assad-Regime veröffentlicht. Zuvor hatte bereits ein anderer Uno-Bericht den Einsatz von Sarin durch Assads Armee belegt, unter anderem im Ort Ghuta.

Syriens Regierung darf Chlor besitzen, weil es auch für zivile Zwecke eingesetzt werden kann. Alle anderen Arten von Chemiewaffen sind dem Land hingegen verboten. Herstellung und Lagerung von Sarin sind durch die Chemiewaffenkonvention seit 1993 untersagt - die Substanz ist für Menschen schon in kleinsten Mengen tödlich.

Das Gift stört die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im ganzen Körper. Zu den ersten Symptomen gehören Sehschwierigkeiten, eine laufende Nase und ein Engegefühl in der Brust. Nach und nach versagen dann alle Körperfunktionen, Betroffene fallen ins Koma und sterben. Das liegt daran, dass Sarin dafür sorgt, dass die Verbindungen zwischen den Nervenzellen ständig erregt sind. Der tödliche Dauerstress lässt den Körper schließlich kollabieren.

Manches, was Zanders auf den Bildern und Filmen aus Chan Schaichun sieht, die sowohl von oppositionsnahen Medien als auch von internationalen Nachrichtenagenturen wie Reuters oder AFP stammen, scheint auf Sarin hinzudeuten: Er habe Menschen mit stark verengten Pupillen gesehen, sagt der Chemiewaffenexperte. Diese sogenannte Miosis gilt als ein klassisches Symptom von Nervengiften.

Auch Schaum vor Mund und Nase von Opfern und unkontrollierbare Krämpfe seien ihm aufgefallen. Andere Symptome hätten auf dem von ihm gesichteten Material wiederum gefehlt, sagt Zanders. Schwarze Verfärbungen um Mund und Nase, zum Beispiel, oder ähnliche dunkle Stellen an Fingern oder Nägeln. Das mache die Analyse schwierig, zumal die Auswahl der veröffentlichten Bilder immer selektiv sei.

Schwierige Behandlung der Opfer

Die Behandlung einer Sarin-Vergiftung ist auf jeden Fall sehr schwierig: Mit dem Spritzen von Atropin können Mediziner versuchen, die schlimmsten Effekte zu verhindern. Die Behandlungen sollten erstens schnell beginnen, sind zweitens oft langwierig - und drittens nicht immer erfolgreich. Auch ein Enzym des Mittelmeer-Tintenfischs Loligo vulgaris wurde getestet.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erklärte, man habe Atropin aus einem Lagerhaus in der Region für die Behandlung der Verletzten von Chan Schaichun zur Verfügung gestellt. Nun bringe man weitere Medikamente aus der Türkei. Dort gebe es auch Experten der Organisation, die rund um die Uhr mit Medizinern in Syrien in Kontakt stünden, um bei der Behandlung zu helfen.

Farb-, geruch- und geschmacklose Substanz

Sarin lässt sich bei Bedarf erst kurz vor dem Einsatz aus zwei Komponenten mischen. Für Angreifer ist das praktisch, weil sie mit den Zutaten der Chemiewaffe leichter hantieren können. Für ihre Opfer ist die Phosphorverbindung tückisch - weil sie nicht spüren, wenn sie das Sarin aufnehmen. Die Substanz kann zum Beispiel durch Einatmen oder Kontakt mit Haut oder Augen in den Körper gelangen. Nur ein Ganzkörperanzug mit Atemmaske würde in diesem Fall vor den tödlichen Effekten schützen.

Ob in Chan Schaichun tatsächlich Sarin eingesetzt wurde, lässt sich derzeit nicht klar sagen. Doch wenn es so wäre, hätte das wichtige Implikationen. "Wenn es wirklich Sarin war, bedeutet dies, dass weiterhin bedeutsame und hochgefährliche Bestände chemischer Waffen in Syrien versteckt werden", sagt etwa der israelische Experte Danny Shoham vom Begin-Sadat-Zentrum für strategische Studien.

Sarin ist eine deutsche Entwicklung - und nach seinen Vätern benannt: Das "S" steht für den Bayer-Chemiker Gerhard Schrader, das "A" für Otto Ambros von der IG Farben, das "R" für Gerhard Ritter vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau und das "IN" für Hans Jürgen von der Linde vom Heereswaffenamt. Ende der dreißiger Jahre entwickelten deutsche Chemiker die Phosphonsäureester, ursprünglich auf der Suche nach einem Insektenvernichtungsmittel.

Die NS-Führung ließ die farb-, geruch- und geschmacklose Substanz tonnenweise als chemischen Kampfstoff herstellen. Zum Einsatz kam sie im Zweiten Weltkrieg nicht. Später produzierten auch USA und Sowjetunion Sarin in großen Mengen. Und das britische Militär musste vor knapp zehn Jahren eingestehen, dass im Jahr 1953 bei Versuchen ein Soldat gezielt mit der Substanz tödlich vergiftet wurde.

Woher könnte Sarin stammen?

Auch der chilenische Geheimdienst setzte während der Pinochet-Diktatur auf Sarin, ebenso wie der irakische Despot Saddam Hussein. Der setzte Giftgas im Krieg gegen Iran ein - und auch gegen seine eigenen Landsleute. Auch die japanische Aum-Sekte tötete bei ihren Attentaten in Matsumoto (1994) und Tokio (1995) mit Sarin.

Wenn jetzt tatsächlich in Syrien wieder Sarin eingesetzt wurde, stelle sich die Frage woher es stamme, sagt Chemiewaffenexperte Zanders: "Es gibt mehrere Möglichkeiten und die sind alle gleich besorgniserregend." Womöglich gebe es noch Fässer mit den Vorläufersubstanzen im Land, aus denen sich die Verbindung mischen lasse.

Man müsse sich auch fragen, ob womöglich alte Produktionsanlagen für Chemiewaffen durch das Assad-Regime wieder in Betrieb genommen wurden - trotz Fernüberwachung durch die Uno. Belastbare Hinweise dafür gebe es nicht. Den monatlichen Berichten der Organisation zum Verbot von Chemiewaffen entnehme er aber, dass die Kooperation der Syrischen Regierung mit den Abrüstungsexperten "alles andere als perfekt" sei.


Teile dieses Artikel sind aus einem früheren Text zum Thema Sarin entnommen, der im Jahr 2013 bei SPIEGEL ONLINE erschienen ist.

Mit Material von dpa und AFP

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