Ausgegraben

Sarmaten-Grab Ins Jenseits mit Goldschmuck und Silberspiegel

Von

Leonid Yablonsky

Im Ural haben Archäologen ein reiches Grab der Sarmaten ausgegraben. Darin fanden sie ein Kosmetikköfferchen, eine Tätowiernadel, goldbestickte Kleidung - und eine Überraschung.

Der griechische Mediziner Hippokrates war fasziniert von ihnen. Die Sarmaten, schreibt er im 17. Abschnitt seines Werkes De Aere, würden reiten, schießen, den Speer vom Pferderücken aus werfen und mit Feinden kämpfen - solange sie noch Jungfrauen sind. Und das mussten sie bleiben, bis sie drei Feinde getötet hätten. Die Frauen der Sarmaten hätten des Weiteren keine rechten Brüste. Denn die Mütter würden ihren Töchtern noch im Babyalter mit einem glühenden Bronzeinstrument die rechte Brust versengen. So könne alle Kraft der rechten Körperseite in Schulter und Arm übergehen.

Nicht weniger phantastisch mutet die Theorie an, die der vor drei Jahren verstorbene US-amerikanische Anthropologe Scott Littleton aufstellte. Er machte die Sarmaten für die Artus-Legende verantwortlich. Die Ritter der Tafelrunde, so Littleton, seien keine anderen gewesen als Sarmatische Reiter, die gegen Ende des 2. Jahrhunderts als römische Hilfstruppen durch Britannien galoppierten.

Nur die Sarmaten selbst haben nichts über sich gesagt: "Die nomadischen Völker hatten keine Schrift, daher können Forscher von ihrer Kultur und ihren Traditionen lediglich aus der Archäologie lernen", schreibt Leonid Jablonski auf der britischen Internetplattform für Archäologie "Past Horizons". Der Archäologe der Russischen Akademie der Wissenschaften hat dort in einem Aufsatz seine Funde der diesjährigen Grabungskampagne in Filippovka in der russischen Oblast Orenburg vorgestellt. Mit seinem Team untersuchte er diesen Sommer den östlichen Teil von Grabhügel 1 der Anlage.

In Filippovka begruben die frühen Sarmaten im vierten und fünften Jahrhundert ihre Elite. Sowohl Männer als auch Frauen lagen unter den riesigen Hügeln, Kurgane genannt. Für die Reise ins Jenseits gab man ihnen Pferde, Waffen und Schmuck mit. Vor allem die reichen Goldschätze in den Kurganen waren es, die immer wieder Grabräuber anzogen - viele der Hügel wurden geplündert. Doch Jablonskihatte Glück. Obwohl der Hügel bereits bei der Ausgrabung des westlichen Teils vor mehr als zwanzig Jahren durch den Fund von 26 vergoldeten Hirschen berühmt geworden war, hatte sich offenbar kein Grabräuber für den östlichen Teil interessiert. So blieb dem Archäologen noch ein ungestörter Hügel von 50 Metern Länge und fünf Metern Breite.

"Ein unterirdischer Gang in der Nähe des Eingangs war in dieser Kampagne der erste Grabungsbereich", schreibt Jablonski. Und schon dort stieß er auf einen massiven Bronzekessel, über einen Meter im Durchmesser und mit Griffen im skythischen Tierstil - zwei Greifen, Schnabel an Schnabel. Unter dem Hügel lag in vier Metern Tiefe die eigentliche Grabkammer.

Goldene Ohrringe, Fransenschal, Silberspiegel

Scheinbar war hier eine der legendären Sarmaten-Frauen begraben. Und zwar eine mit Sinn für Mode. Die Kleidung muss geglitzert und geleuchtet haben. 395 kleine Goldplättchen lagen um die Knochen herum - einst aufgenäht auf Hose, Hemd und Tuch. Als Dekoration schmückten mehrere Plaketten die Gewänder, mit Blumen, Rosetten oder der Darstellung eines Panthers, der auf den Rücken einer Antilope springt. Den gefranste Schal hielt eine Goldkette zusammen, die Ärmel des Hemdes waren mit farbigen Perlen in geometrischen Mustern bestickt. Dort, wo einst die Ohren am Kopf lagen, fanden die Ausgräber goldene Ohrringe mit Einlagen aus Emaille. Auch ein Spiegel aus poliertem Silber lag im Grab, auf dessen Rückseite ein Adler prangte, umringt von einer Prozession geflügelter Stiere.

Und neben dem Schädel stand ein Körbchen aus Reet - bis zum Rand gefüllt mit allem, was eine Lady der Steppe für die Körperpflege benötigte. Kästchen und Schatullen, Fläschchen aus Silber und Ton, Lederbeutelchen - und Pferdezähne, die rote Farbe enthielten. Die Sarmaten waren - wie auch ihre Nachbarn, die Skythen - bekannt für ihre kunstvollen Tätowierungen. Haut war an den Knochen zwar nicht erhalten, aber die Ausgräber stießen auf ein Tätowier-Set. Sie fanden nicht nur die vergoldete Eisennadel, mit der die Haut aufgestochen wurde, sondern auch Knochenlöffel und zwei Mischpaletten aus Stein zum Anrühren der Farbe.

Die Überraschung jedoch kam, als die Ausgräber die Knochen näher anschauten. Sie hatten keine Sarmaten-Kriegerin gefunden - sondern einen Mann. "Erstaunlicherweise ergab eine erste osteologische Untersuchung des Skeletts, dass der Eigentümer der Grabkammer männlich war", schreibt Jablonski.

Jetzt hofft er, durch eine DNA-Analyse noch mehr über den Tätowierer mit der goldbestickten Kleidung erfahren zu können. "Über tausend Artefakte konnten wir aus dem Grab bergen", schreibt er. "Sie sind eine unschätzbare Forschungsquelle und werden helfen, die Geschichte des Eurasischen Kontinents zu erhellen."

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