Satelliten-Navigation "Galileos" ungewisse Zukunft

Die EU macht Ernst mit "Galileo": Der zweite Testsatellit des Navigationssystems fliegt ins All. Doch die Zukunft des Systems ist ungewiss: Die Kosten drohen zu explodieren, und auch die militärische Nutzung könnte größer ausfallen als bisher angegeben.

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Kaum ein anderes Technologieprojekt hat die Rivalitäten zwischen den USA und Europa so deutlich hervortreten lassen: "Galileo", das Satelliten-Navigationssystem der Alten Welt, wurde gar zur Nemesis des amerikanischen Global Positioning System (GPS) stilisiert. Hat Europa erst einmal seine eigenen Navigationssatelliten im Orbit, so hieß es, könnten die USA nicht mehr damit drohen, ihr GPS einfach abzuschalten. "Galileo" sollte, anders als das vom Pentagon kontrollierte GPS, ein rein ziviles Projekt sein - und nebenbei die amerikanische Konkurrenz technisch in den Schatten stellen.

Doch inzwischen ist von der transatlantischen Konkurrenz nur noch selten die Rede. Nach jahrelangem Gezerre läuft es nun eher auf eine mehr oder minder friedliche Koexistenz hinaus. Nur: Ob "Galileo" tatsächlich wie geplant im Jahr 2013 in Betrieb gehen wird, ist offen - ebenso wie die Frage, ob das Projekt wirklich so zivil sein wird wie von der EU stets beteuert.

In der Nacht zum heutigen Sonntag um 0.16 Uhr deutscher Zeit soll "Giove-B", der zweite Testsatellit des "Galileo"-Systems, vom Raumfahrtzentrum Baikonur in Kasachstan aus ins All geschossen werden. Er besitzt unter anderem die genaueste Atomuhr, die jemals im Orbit war: Dank der sogenannten Maser-Technik soll sie in drei Millionen Jahren nur eine Sekunde verlieren. Auch sonst soll "Giove-B" den insgesamt 30 "Galileo"-Satelliten, die bis 2013 im Orbit sein sollen, technisch sehr nahe kommen.

Präziser als GPS

"Galileo" soll eine präzisere Navigation ermöglichen als GPS - notfalls bis in den Zentimeterbereich. Doch genau wie GPS wird auch das europäische System Signale in unterschiedlichen Qualitätsstufen anbieten: Die Billig-Variante, die für den Endbenutzer etwa eines Auto-Navigationsgeräts praktisch gratis ist, und einen lizenzpflichtigen Bereich für professionelle Anwender und Behörden, der eine genauere Navigation ermöglicht.

Die hohe Präzision von "Galileo" ruft allerdings auch Kritiker auf den Plan. Insbesondere die US-Regierung ist nicht gerade glücklich über die europäischen Ambitionen. "Es ist durchaus riskant", sagt Gebhard Geiger von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Mit Hilfe von "Galileo" sind präzise militärische Operationen möglich." Und das gelte möglicherweise nicht nur für die legitimierten Benutzer. Geiger hält es zumindest theoretisch für möglich, dass die Hochleistungs-Signale auch ohne Lizenz abzugreifen wären.

Zwar wäre es eventuell möglich, die "Galileo"-Signale regional zu verfälschen, um in Krisenregionen eine feindliche Benutzung zu unterbinden - so wie es die Amerikaner mit den GPS-Signalen während des Irakkriegs getan haben. "Allerdings könnten dadurch auch die öffentlichen Signale in Mitleidenschaft gezogen werden", meint Geiger. Die Frage wäre dann, wer für die Schäden aufkommt.

Streit über militärischen Einsatz

Abgesehen davon ist es politisch heftig umstritten, inwiefern "Galileo" überhaupt militärisch eingesetzt werden soll. Die Franzosen etwa fordern eine starke militärische Komponente. Die Deutschen denken anders. "Wenn ein Bundeswehr-Soldat am Hindukusch ist, sollte er natürlich ein präzises Signal haben, das vom amerikanischen GPS unabhängig ist", sagt der SPD- Europaparlamentarier Norbert Glante zu SPIEGEL ONLINE. Das aber gelte nur für friedenserhaltende Missionen. Navigationssysteme können aber auch dazu eingesetzt werden, etwa Marschflugkörper präzise ins Ziel zu lenken. "Eine Anwendung von 'Galileo' in Waffensystemen wird das Europaparlament nicht ohne Weiteres mitmachen", betont Glante.

Fällt ein solcher militärischer Einsatz aber aus, dürfte es auch wenig Zufluss von Geldern aus den EU-Wehretats geben. Der viel beschworenen Rentabilität von "Galileo" dürfte das nicht gut tun. Denn: GPS hat sich inzwischen auf dem Massenmarkt durchgesetzt. Dank zuletzt drastisch gesunkener Preise können sich inzwischen selbst Studenten Navigationsgeräte in Uralt-Kleinwagen einbauen.

Zudem betreibt die EU selbst ein System namens Egnos, das mit Satelliten und Bodenstationen die Genauigkeit von GPS von 10 bis 20 auf einen bis drei Meter erhöht. Seit 2006 ist Egnos in Betrieb - und wirft auch die Frage auf, wer "Galileo" im Jahr 2013 überhaupt noch braucht - abgesehen vielleicht von der europäischen Industrie, die sich auf Investitionen in Milliardenhöhe freuen darf.

Die Aufträge müssen nun zum Teil neu vergeben werden, weil sich die EU mit dem ursprünglich mit dem Aufbau von "Galileo" betrauten Industriekonsortium über Haftungsfragen zerstritt. Als Konsequenz soll der Aufbau des Satelliten-Navigationssystems nun komplett aus öffentlichen Mitteln finanziert werden. Die EU plant dafür 3,4 Milliarden Euro bis 2013 ein.

Drohende Kostenexplosion

Doch Insider halten diese Kalkulation für äußerst optimistisch. Nach Informationen des SPIEGEL haben Fachleute der Industrie und Finanzexperten der EU erst im Januar ihre Vorgesetzten darüber informiert, dass "Galileo" im günstigsten Fall rund fünf Milliarden Euro kosten wird - und im Worst-Case-Szenario gar bis zu zehn Milliarden.

Ob "Galileo" dieses Geld jemals wieder einspielen wird, steht buchstäblich in den Sternen. Denn eigentlich sollte das Navigationssystem schon in diesem Jahr in Betrieb gehen - und die Amerikaner wollen schon bis 2015 das verbesserte GPS 3 im All stationieren. "Der Zeitraum, in dem 'Galileo' seine technische Überlegenheit ausspielen kann, wird immer kürzer", meint SWP-Experte Geiger. "Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit."

An den vier ersten der insgesamt 30 Satelliten für das endgültige System wird bereits gebaut. Wie "Giove-B" werden sie von deutschen und britischen Spezialisten der EADS-Tochter Astrium gemeinsam mit Alcatel Space Industries aus Frankreich, Alenia Spazio aus Italien und Galileo Sistemas y Servicios aus Spanien konstruiert. Und auch die Arbeit an den Bodenkontrollzentren in Oberpfaffenhofen bei München und im italienischen Fucino hat bereits begonnen.

Nicht genug Trägerraketen

Das Zusammenspiel zwischen diesen Bodenelementen und den ersten vier Satelliten soll ab 2010 erprobt werden. Danach, so fürchtet DLR-Experte Reile, werde es erst richtig kritisch: Die restlichen 26 Satelliten sollten nach dem bisherigen Zeitplan alle in den Jahren 2012 und 2013 auf ihre Umlaufbahn in 23.000 Kilometern Höhe starten. "Das ist einfach von der Masse her eine große Herausforderung", sagt der Wissenschaftler. "Noch nie sind in so kurzer Zeit so viele Satelliten ins All gestartet."

Derzeit verfüge die Esa gar nicht über genug Ariane-Trägerraketen für eine solche Operation, erklärt Reile, und "mehr als 6 bis 8 kann man bis dahin gar nicht herstellen". Voraussichtlich müssten deshalb, wie schon beim Start von Giove-B, russische Sojus-Raketen eingesetzt oder aber die Ariane-Raketen so umgebaut werden, dass sie mehrere Satelliten gleichzeitig ins All transportieren können.

Am Ende wird es statt einer Konkurrenz wohl eher eine mehr oder weniger enge Kooperation zwischen Amerikanern und Europäern geben - zumal die Russen mit "Glonass" und die Chinesen mit "Compass" eigene Satelliten-Navigationssysteme planen. "In Kriegszeiten wird man sich ohnehin absprechen müssen", meint SPD-Politiker Glante. Es sei kaum sinnvoll, wenn die USA ihr GPS in einer Krisenregion einschränkten und "Galileo" weiterlaufe. Und die Auto-Navigationssysteme der Zukunft würden wohl neben dem GPS- auch einen "Galileo"-Chip beinhalten.

Mit Material von AP



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