Ausgegraben

Fund in Northampton Schachfiguren vom Mittelalter-Schnitzer

MOLA

Bei Ausgrabungen in Großbritannien wurde eine Schnitzwerkstatt aus dem 12. Jahrhundert entdeckt - mit Figuren aus Geweihen.

"Es ist das erste Mal, dass tatsächlich eine Schnitzwerkstatt für Schachfiguren gefunden wurde", sagt Grabungsleiter Andy Chapman vom Museum of London Archaeology Northampton. Er und seine Kollegen hatten bei einer Ausgrabung in Northampton den Kopf eines Königs gefunden.

Seine Hoheit hat ein schiefes Auge, eine kantige Nase, ist aus Hirschgeweih geschnitzt und gerade einmal 25 Millimeter hoch. Das Stück stammt aus der Werkstatt eines Schachfigurenschnitzers.

Kleine Kunstwerke für das Kloster

Mit seinem schiefen Auge durfte die Spielfigur des Königs allerdings niemals ein Spielfeld betreten. "Als der Schnitzer die rechte Gesichtshälfte bearbeiten wollte, legte er das poröse Innere des Geweihstücks frei", schreibt Grabungsleiter Chapman im Blog des Museums, "und dadurch war es nicht mehr möglich, das rechte umringte Auge an die richtige Stelle zu setzen." Der König landete im Müll.

Schach war gegen Ende des 12. Jahrhunderts, als dem Schnitzer das Messer in des Königs Gesicht abrutschte, noch ein relativ neues Spiel in England. Erst in den Jahrzehnten zuvor hatte es von Persien aus die europäischen Höfe und Klöster erobert, oft brachten Wikinger es in ihrem Gepäck von Handelsreisen in den Orient mit zurück. Wer es sich leisten konnte, spielte mit Figuren aus Elfenbein wie den berühmten 78 Lewis Chessmen: aus Norwegen importierte kleine Kunstwerke, die auf der schottischen Insel Lewis gefunden wurden und etwa aus der gleichen Zeit stammen.

70 Einzelstücke gefunden

Die Werkstatt in Northampton produzierte allerdings eher Massenware. Die Figuren waren nicht aus kostbarem Elfenbein, sondern aus den Geweihen von Rot- und Damhirsch. Im Abfall des Schnitzers entdeckten die Archäologen abgesägte Reste. Von diesen frühen, einfachen Schachfiguren wurden etwa 70 Einzelstücke bei Ausgrabungen in Großbritannien gefunden. Sie entsprachen oft noch ihren persischen Vorbildern und waren mit Ringen und Punkten verziert. Der Schnitzer aus Northampton bediente jedoch mit seinen Figuren in Menschenform eindeutig schon den heimischen Geschmack - denn anthropomorphe Darstellungen waren in Persien streng verboten.

Noch eine weitere Figur war ganz klar für die britische Kundschaft bestimmt: ein Bischof, bei uns heute als Läufer bekannt. Mit einem Bischof hätte ein persischer Schachspieler herzlich wenig anfangen können, in seinem Schachspiel war diese Figur ein Elefant und wurde mit Stoßzähnen dargestellt. Die Briten aber machten daraus schon früh den Bischof, gekennzeichnet durch seine Mitra. Auch bei diesem Stück brach dem Schnitzer ein Splitter des Geweihs ab, damit war die Figur verloren und wanderte in die Müllgrube.

Materielle Reste des Alltags

Genügend Abnehmer für seine Figuren wird der Schachfigurenschnitzer im Northampton des 12. Jahrhunderts gehabt haben. Die königliche Residenz, Northampton Castle, war damals noch ein Neubau, und entsprechend oft residierte Heinrich II. in der Stadt. Hier ließ Heinrich im Jahr 1164 auch den Prozess gegen seinen ehemaligen Freund Thomas Becket stattfinden. Kam der König, folgte ihm sein Hof - und verlangte danach, sich die Freizeit mit diesem neuen aufregenden Spiel aus Persien zu vertreiben.

Die Wertstatt lag damals im Inneren der mittelalterlichen Stadtbefestigung, zwischen Angel Street und St. John's Street, dort wo in Kürze das neue Gebäude des Stadtrats stehen soll. Nur waren die Straßen damals wesentlich schmaler als heute. Die Vorderseiten der Häuser und Werkstätten, die im 12. Jahrhundert den Straßenrand säumten, liegen längst unter der heutigen Asphaltdecke.

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