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Schädliche Lebensmittelzusätze: Krankheitsbild Popcorn-Lunge

Für Ausgehfaule und Fernsehfreunde ist es ein Muss: Popcorn für die Mikrowelle. Es lässt sich schnell und einfach zubereiten und schmeckt wie frisch gemacht. Doch jetzt gerät der Snack in Verruf. Sein künstliches Butteraroma soll eine seltene Lungenerkrankung auslösen.

Erst waren es die acrylamidverkrusteten Pommes, dann die pestizidbelastete Paprika und jetzt das: Popcorn soll auch schädlich sein. Zumindest, wenn man es in rauen Mengen zu sich nimmt wie ein Popcornfetischist aus Amerika. Der hatte sich über viele Jahre hinweg mehrmals am Tag zu Hause in der Mikrowelle Popcorn mit Butteraroma zubereitet. Und dabei die möglicherweise ungesunden Dämpfe eingeatmet.

Mikrowellen-Popcorn für zu Haus: Schnell zubereitet, lecker, aber gesundheitsschädlich?
Getty Images

Mikrowellen-Popcorn für zu Haus: Schnell zubereitet, lecker, aber gesundheitsschädlich?

Dass die Dämpfe schuld sind, vermuten zumindest Mediziner vom National Jewish Medical and Research Center in Denver, die bei dem Patienten eine Lungenerkrankung diagnostizierten. "Wir können nicht ganz sicher sein, dass das der Grund für die Lungenerkrankung war", sagt Lungenspezialistin Cecile Rose. "Allerdings haben wir keine andere einleuchtende Erklärung."

Der 53-jährige Mann aus Colorado leidet an Bronchiolitis obliterans, einer Entzündung der Bronchien. Die Betroffenen haben starke Atemprobleme bis hin zum Atemstillstand, oft hilft nur eine Lungentransplantation.

Diese sehr seltene Lungenerkrankung kommt vor allem bei Arbeitern aus Mikrowellen-Popcornfabriken vor, daher heißt sie auch "Popcorn Workers Lung".

Das Butteraroma ist schuld

Als Auslöser gilt das im Butteraroma von Popcorn vorkommende Diacetyl. Wie die "Washington Post" berichtete, gibt es schon seit 2001 Studien, die auf eine Verbindung zwischen der Erkrankung und der Chemikalie hinweisen. Die Hersteller des künstlichen Butteraromas mussten bisher mehr als hundert Millionen Dollar an kranke Mitarbeiter zahlen. Offiziell wird der Tod eines Menschen auf die Krankheit zurückgeführt.

Als Reaktion auf die Diagnose der Ärzte aus Denver gab die amerikanische Flavor and Extract Manufacturers Association bekannt, dass ihre Mitglieder die Diacetylmenge in Butteraroma so weit wie möglich reduzieren sollen.

Diacetyl ist offiziell von der amerikanischen Arzneimittelzulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) zugelassen, die den aktuellen Fall jetzt bewerten und "vorsichtig die sicherheitstechnischen - und behördlichen Fragen, die er aufwirft, klären" will.

Die nationale Organisation für Arbeitschutz OSHA (Occupational Safety and Health Administration) kritisierte, dass viel zu wenig getan werde, um Arbeiter in Popcorn-Fabriken zu schützen. Die Organisation arbeitet derzeit eine Leitlinie zum Umgang mit Diacetyl für Fabrikanten und betroffene Arbeiter aus.

Mr. Popcorn

Der Patient aus Denver jedoch arbeitete in keiner Popcorn-Fabrik. Deshalb rätselten die Mediziner, an welcher Krankheit der Möbelverkäufer leiden könnte. Lungenspezialistin Rose diagnostizierte seine Krankheit zufällig. "Ich sagte zu ihm: 'Es ist eine seltsame Frage, aber haben Sie viel mit Popcorn zu tun?'", erzählte die Ärztin der "New York Times". Dem Mann fiel der Kiefer runter und er antwortete: "Woher wissen Sie das? Ich bin Mr. Popcorn, ich liebe Popcorn."

Daraufhin untersuchte die Ärztin bei dem Patienten zu Hause die nach dem Popcornmachen entstehenden Diacetylmengen. Sie stellte Konzentrationen der Chemikalie fest, wie sie sonst nur in Popcornfabriken vorkommen.

Ihr ärztlicher Rat für den Mann: kein Popcorn mehr. Ein halbes Jahr später hatte sich sein Zustand leicht verbessert, sagte die Ärztin der "New York Times".

"Das ist kein endgültiger ursächlicher Zusammenhang, aber er wirft viele Fragen auf und unterstützt die Empfehlung, dass hier mehr getan werden muss", sagt Rose.

khü/ddp

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