Schädliche Weichmacher: Umweltschützer messen Schadstoff-Rekorde in Kitas

Weichmacher stehen im Ruf, für Föten und Kleinkinder gefährlich zu sein. Ausgerechnet Kindergärten sind dreimal so stark belastet wie der Durchschnitts-Haushalt. Das ist das Ergebnis einer Studie des BUND. Schuld sind demnach die Mengen an weichem Plastik in Kita-Räumen.

Kleinkinder im Plastikballbad: Weichmacher-Belastung in Kitas erschreckend hoch Zur Großansicht
dapd

Kleinkinder im Plastikballbad: Weichmacher-Belastung in Kitas erschreckend hoch

Der Fußboden aus PVC, an der Wand eine Vinyltapete, in der Ecke hängen Plastik-Regenmäntel und auch die Tischdecke ist aus Kunststoff, damit sie einfach abgewischt werden kann. In vielen Kindergärten besteht ein beträchtlicher Teil der Einrichtung aus weichem Plastik. Doch das Material birgt ein Gesundheitsrisiko: Weichmacher, sogenannte Phthalate, die es so elastisch machen, dünsten ständig aus oder lösen sich beim Kontakt mit Flüssigkeit oder Fetten.

Menschen atmen die flüchtigen Substanzen ein, nehmen sie mit der Nahrung und zum Teil über die Haut auf. Einige dieser Substanzen greifen in das Hormonsystem ein. Sie können unfruchtbar machen und stehen im Verdacht, Krebs auszulösen. In Spielzeugen dürfen drei Phthalate (DEHP, DBP und BBP) nicht mehr verwendet werden. Zwei weitere Stoffe (DINP und DIDP) sind bei der Produktion von Spielzeug verboten, das Kinder in den Mund nehmen können.

Trotz dieser Verbote sind Kitas überdurchschnittlich stark mit Weichmachern belastet, berichtet jetzt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Die Umweltschutzorganisation hat die Konzentration von sieben Phthalaten im Staub aus 60 Kindertagesstätten gemessen. Die Proben haben die Einrichtungen im vergangenen Jahr nach einem Aufruf des BUND selbst eingesandt. Zwar ist die Probenanzahl nicht gewaltig, aber sie stammen aus fast allen Bundesländern. Als Vergleich dienten Daten, die das Umweltbundesamt von 2003 bis 2006 gesammelt hat, damals wurden Proben aus 600 Haushalten analysiert.

Das Ergebnis: Im Schnitt sind die Kitas dreimal so stark belastet wie Privathaushalte. Pro Kilogramm Staub wiesen die Tester 3368 Milligramm Weichmacher nach; in den Haushalten betrug der Durchschnittswert 1023 Milligramm. In 40 der 60 untersuchten Kindergärten überstieg der Schadstoffwert den des durchschnittlichen Haushaltes. Mit Blick auf diese Zahlen überrascht es kaum, dass das Umweltbundesamt in einer früheren Untersuchung zu dem Schluss kam, dass - je nachdem welches Modell man anwendet - 30 bis mehr als 80 Prozent der Kinder zu hoch mit Weichmachern belastet sein könnten.

Kleinkinder besonders empfindlich

Der Toxikologe Ibrahim Chahoud von der Berliner Universitätsklinik Charité äußerte sich besorgt: "Die hohe Belastung der Kitas mit Weichmachern ist inakzeptabel. Kleinkinder befinden sich noch in der Entwicklung und reagieren deshalb besonders empfindlich auf hormonelle Schadstoffe. Deshalb müssen im Umfeld von Kindern die Belastungen mit diesen Chemikalien schnellstens minimiert werden."

Der BUND fordert, Weichmacher in sämtlichen Produkten zu verbieten, die im Umfeld von Kindern eingesetzt werden. Die Umweltschützer weisen auf die vielfältigen Alternativen für Weich-PVC hin. Grenzwerte für die Phthalat-Belastung in Innenräumen existieren nicht.

Dass die Weichmacher-Menge auch niedrig gehalten werden kann, zeigt sich auch in der aktuellen Analyse: In der am wenigsten belasteten Kita fanden sich nur 133 Milligramm Phthalate pro Kilogramm Staub - in der am stärksten belasteten waren es 21.711 Milligramm pro Kilo Staub.

Im Rahmen der EU-weiten Chemikalienrichtlinie "Reach" können Unternehmen einige der Weichmacher nur noch mit Sondergenehmigungen verwenden. Ob - und wie oft - diese verteilt werden, ist jedoch noch offen.

wbr

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1. Mutig!
Christian Krippenstapel 22.03.2011
Zitat von sysopWeichmacher stehen im Ruf, für Föten und Kleinkinder gefährlich zu sein. Ausgerechnet Kindergärten sind dreimal so stark belastet wie der Durchschnitts-Haushalt. Das*ist das Ergebnis einer Studie des BUND. Schuld sind demnach die Mengen an weichem Plastik in Kita-Räumen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,752527,00.html
Wenn Sie solche Berichte bringen laufen Sie aber Gefahr, eine etwas weniger begeisterte Rückmeldung vom Interessensverband PVC zu bekommen!
2. Weichmacher
meier09 22.03.2011
Also das Problem besteht darin, dass heutzutage auf einmal alle Ecken und Kanten geschuetzt werden muessen (die armen Kleinen) und damit jede Menge Weichmacher in die Raumluft entweichen. Also: Entweder ihr bereitet euere Kinder mal richtig auf das Leben vor und die holen sich mal eine Beule am Kopf, und das machen die nur einmal (Thema heisse Herdplatte) oder ihr lasst sie waehrend der ganzen Zeit die Weichmacherprodukte einatmen und erzeugt irgendwelche Weicheier die danach je nach Lebenslauf auch noch unsere Politik bestimmen. Ja super!
3. .
herrschmeisshirn 22.03.2011
Und wen überrascht eigentlich diese Nachricht? Einfache Grundregel: weiches Plastik ist "böse". Genauso knallige AZO-Farben, Plastik das mit Wasser in Berührung kommt ist heftigst mit Fungiziden verseucht (Zeltplanen, Regenmämtel, Gummistiefel). Schmuck für Kinder besteht bis zu 70% aus Blei. Ein "Markenname" ist keinerlei Garant für Qualität. Die Fertigung in China soll wohl billig sein. Aber halt nur für den Hersteller... Damit wäre man bei der Politik, evtl. zum Wohle des Volkes? Grenzwerte? Ach, vergessen wir's.
4. Titel ?
max-mustermann 22.03.2011
Zitat von meier09Also das Problem besteht darin, dass heutzutage auf einmal alle Ecken und Kanten geschuetzt werden muessen (die armen Kleinen) und damit jede Menge Weichmacher in die Raumluft entweichen. Also: Entweder ihr bereitet euere Kinder mal richtig auf das Leben vor und die holen sich mal eine Beule am Kopf, und das machen die nur einmal (Thema heisse Herdplatte) oder ihr lasst sie waehrend der ganzen Zeit die Weichmacherprodukte einatmen und erzeugt irgendwelche Weicheier die danach je nach Lebenslauf auch noch unsere Politik bestimmen. Ja super!
Sie haben den Artikel offensichtlich nicht richtig gelesen, die Hauptursache ist das heute fast alles aus Plasik ist, allen voran das Spielzeug und nicht irgendwelche Schutzvorrichtungen. Aber wer lieber Holzspielzeug bevorzugt gilt heute ja gleich als rückständiger Ökospinner, deshalb lieber schön verseuchter Plastikmüll "Made in China" für die Kleinen.
5. Weichmacher
simpelkopp, 22.03.2011
Zitat von sysopWeichmacher stehen im Ruf, für Föten und Kleinkinder gefährlich zu sein. Ausgerechnet Kindergärten sind dreimal so stark belastet wie der Durchschnitts-Haushalt. Das*ist das Ergebnis einer Studie des BUND. Schuld sind demnach die Mengen an weichem Plastik in Kita-Räumen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,752527,00.html
Und wo kommt das Kita-Zeugs her? Aus dem fuer Umweltschutz so bekannten China mit seinem Renommee fuer Oeko-Wurschtigkeit - is aber dafuer billig! simpelkopp
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