Ausgegraben

Schafgarbe und Kamille Doktor Neandertaler

Blüten der Kamille: Schon die Neandertaler kannten die wirksame Heilpflanze
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Blüten der Kamille: Schon die Neandertaler kannten die wirksame Heilpflanze


Kamille hilft gegen Bauchweh, das weiß jedes Kind - und offenbar wusste es auch der Neandertaler. In einer spanischen Höhle haben Archäologen Reste von Heilkräutern gefunden. Die dürften unseren ausgestorbenen Verwandten nicht gerade gut geschmeckt haben.

Vielleicht hatte er Bauchschmerzen? Oder ihm war übel? Möglicherweise konnte er auch einfach nur nicht einschlafen? Jedenfalls suchte sich ein Neandertaler in der Nähe der nordspanischen El-Sidron-Höhle vor rund 47.300 bis 50.600 Jahren ein paar Stängel Schafgarbe und Kamille und kaute darauf herum, um sein Unwohlsein zu beenden.

Spuren der Heilpflanzen fand ein Forscherteam um Karen Hardy von der Universitat Autònoma de Barcelona und Stephen Buckley von der University of York auf seinem Zahnschmelz. Warum sie vermuten, dass es sich bei den Kräutern um Medizin und nicht um Würzmittel für ein Fleischgericht handelt und warum sie den Neandertalern das medizinische Wissen zutrauen, diese Kräuter gezielt für Heilungszwecke eingesetzt zu haben, das beschreiben die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Antiquity".

Da wäre zunächst die Geschmacksfrage: Die Kamille wurde von Köchen stets geschmäht. Kein Wunder, ihr Geschmack ist schon als Tee nur bedingt genießbar und passt weder zu Fisch noch Fleisch. Runter bekommt man den Tee eigentlich nur aus Vernunftsgründen: Die Kamille hilft bei Verdauungsbeschwerden und Nervosität, ihre desodorierende und antibakterielle Wirkung ist nachgewiesen.

Schafgarbe macht kulinarisch ähnlich wenig her. Im Mittelalter kochte man daraus zwar angeblich Suppe und heute verirrt sie sich gelegentlich noch mal in den einen oder anderen Salat. Doch bekannter ist sie als Helfer bei Wunden oder Verdauungsstörungen.

Bittere Kräuter wurden freiwillig verzehrt

Schuld daran, dass wir sowohl Kamille als auch Schafgarbe auf dem Teller meiden, ist unsere Genvariante TAS2R38. Sie ermöglicht es uns, das hochtoxische Nervengift Phenylthiocarbamid (PTC) zu schmecken. Einige Pflanzen produzieren es - sie verhindern damit, von Insekten oder pflanzenfressenden Säugetieren vertilgt zu werden. Und wer die Genvariante in sich trägt, kann das Gift identifizieren. "Wir wissen, dass die Neandertaler aus der El-Sidon-Höhle über das Bitter-Geschmacks-Gen TAS2R38 verfügten und ihre Wahl von Kamille und Schafgarbe daher vermutlich bewusst geschah", schreiben die Forscher in ihrem Aufsatz.

Ein Mangel an essbaren Alternativen kann jedenfalls nicht der Grund für den Verzehr dieser beiden Kräuter gewesen sein. Als Neandertaler in der El-Sidon-Höhle lebten, herrschte im heutigen Hochland von Asturien ein relativ mildes Klima. Wahrscheinlich war die Gegend bewaldet und bot außer Tieren auch reichlich Früchte, Beeren, Nüsse und Wurzeln für eine ausgewogene Ernährung.

Neben den Kräuterspuren fanden die Forscher auch Belege für den Verzehr von verschiedenen Kohlenhydraten sowie Hinweise auf grünes Gemüse und Nüsse am Zahnschmelz. Außerdem konnten sie zeigen, dass die Neandertaler ihr Essen kochten und eventuell sogar räucherten. Die Heilkräuter kamen eher als Überraschung: "Wir haben nicht danach gesucht", sagt Hardy. "Die Untersuchung von Material, das auf dem Zahnschmelz haftet, ist relativ neu und wir wussten nicht, was wir finden würden."

Neandertaler konnten ihr Heilwissen weitergeben

Von Heilpflanzen machen indes nicht nur Menschen Gebrauch, sondern auch Tiere. Der Bereich der Zoopharmakognosie ist allerdings noch sehr wenig erforscht. "Selbstheilung bei Tieren sicher zu identifizieren, ist eine Herausforderung", schreiben die Wissenschaftler, "weil viele nahrhafte Pflanzen auch heilende Eigenschaften haben und die Grenze zwischen Essen und Medizin damit verschwimmt."

Es gibt aber Berichte, dass Schimpansen gezielt die rauen Blätter der Aneilema aequinoctiale fressen, um damit Darmparasiten auszutreiben. Und afrikanische Elefanten knabbern an Bäumen der Familie der Borretschgewächse, um Wehen auszulösen. Tiere lernen dieses Verhalten durch Nachahmung.

"Neandertaler hatten zusätzlich noch die genetischen Voraussetzungen für Sprache", fassen die Forscher zusammen. "Sie beherrschten Techniken der Essenverarbeitung und betrieben wahrscheinlich sogar Krankenpflege." Damit waren sie in der Lage, Wissen über Heilkräuter anzuwenden und weiterzuvermitteln. "Wir werden niemals mit Sicherheit wissen, warum in der El-Sidon-Höhle Schafgarbe und Kamille verzehrt wurden - aber wir meinen, dass die Beweislage für medizinische Nutzung der Kräuter den überzeugendsten Kontext bietet."

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3 Leserkommentare
aucheinemeinung 25.09.2013
zufälligfan 25.09.2013
Drobsick 26.09.2013

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