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Scharfer Blick: Augen-Plakate schrecken Egoisten ab

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Der strenge Blick eines anderen kann selbst den größten Egoisten schamvoll erröten lassen. Forscher haben jetzt in einem Experiment bewiesen, dass schon das Foto einer menschlichen Augenpartie ungeahnten Edelmut hervorruft - etwa beim Bezahlen in der Kaffeeküche.

Vielleicht musste erst eine Verhaltensbiologin - Spezialgebiet: Tiere bei der Futtersuche - auf diese Frage kommen: Wie sozial verhalten sich Menschen, die mit Kaffeedurst die Küche aufsuchen und sich dann aussuchen können, ob sie bezahlen oder nicht?

Zahlungsmoral in der Kaffeeküche mit und ohne Augenbilder: Bis zu siebenmal mehr Geld in der Kasse
Bateson / Nettle / Roberts

Zahlungsmoral in der Kaffeeküche mit und ohne Augenbilder: Bis zu siebenmal mehr Geld in der Kasse

Studien über Altruismus, Egoismus und kooperatives Verhalten hat es zwar schon zuhauf gegeben, meist mit unterhaltsamen Ergebnissen. Nur hatten sie einen Nachteil: "Psychologen oder Wirtschaftsforscher machen meist künstliche Experimente im Labor", sagt Melissa Bateson von der University of Newcastle upon Tyne in England. Die Verhaltensforscherin wählte dagegen den für sie gewohnten Ansatz: Sie ging in die freie Wildbahn, in diesem Fall in die Kaffeeküche. Und zwar ausgerechnet in die der Psychologischen Fakultät.

Das Experiment, das Bateson und ihre Kollegen Daniel Nettle und Gilbert Roberts dort anstellten, war denkbar einfach: Sie klebten fotokopierte Bilder von menschlichen Augenpartien auf den Küchenschrank - direkt auf Augenhöhe der Studenten und neben den Zettel, der die Besucher um einen Obolus bat. Nach einer Woche wurden die Augen gegen ein Blumen-Foto ausgetauscht. In der Woche darauf folgte ein neues Augenpaar - mal mit gelangweiltem, mal mit kokettem, mal mit hartem Blick.

Das Ergebnis war spektakulär: Klebten die Augenbilder an der Schranktür, zahlten die Kaffeetrinker bis zu siebenmal mehr als während der Blumenwochen. Im Durchschnitt über die gesamten zweieinhalb Monate des Experiments landeten zu Zeiten des strengen Blicks 267 Prozent mehr Geld in der Kasse als sonst.

"Es klebte nur ein Foto am Schrank"

"Wir selbst waren vom Ausmaß des Effekts überrascht", sagt Bateson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Immerhin haben wir ein sehr subtiles Signal verwendet. Die Teilnehmer wurden ja nicht wirklich beobachtet, es klebte nur ein Foto am Schrank." Ansonsten sei die Küche so aufgebaut, dass niemand beobachten könne, ob ein Kaffeetrinker bezahle oder sich ein unerlaubtes Freigetränk gönne.

Das Experiment liefert den Forschern zufolge die ersten wissenschaftlichen Daten darüber, wie sich Menschen in einer natürlichen Umgebung verhalten, wenn sie sich beobachtet fühlen. Denn im Unterschied zu anderen, ähnlich gelagerten Studien ahnten die Psychologen der Newcastle University nicht, dass sie zum Forschungsobjekt geworden waren.

Die Kaffeeküche mit der "honesty box" ("Ehrlichkeitskiste") gebe es schon seit Jahren, schreiben die Wissenschaftler in den "Biology Letters" der britischen Royal Society. Einen Monat vor Beginn des Experiments seien die Mitglieder der Fakultät zudem per E-Mail daran erinnert worden, wie man sich in der Küche zu benehmen habe. "Es war eine vollkommen natürliche Situation", sagte Bateson. "Unsere Teilnehmer wussten nicht, dass sie sich in einem Experiment befanden."

Sorge um den guten Ruf

Die Verhaltensforscherin glaubt nicht, dass die Augenbilder einfach nur besser als die Blumen die Aufmerksamkeit der Kaffeetrinker auf den Bezahlhinweis gelenkt haben: Die Besucher seien mehrfach über die Gepflogenheiten informiert worden, und außerdem habe der Zettel direkt vor ihren Augen gehangen.

"Wir denken, dass das unterschwellige Gefühl, beobachtet zu werden, das gemeinnützige Verhalten der Teilnehmer gefördert hat", meint Bateson. Schon frühere Studien hätten bewiesen, dass die Sorge um den guten Ruf in einer Gemeinschaft "eine extrem starke Motivation ist, sich kooperativ zu verhalten".

Warum aber statt einer echten Beobachtungssituation schon ein 15 Zentimeter breites Schwarzweißbild einen so dramatischen Effekt nach sich zieht, können die Wissenschaftler nur vermuten. Das menschliche Gehirn enthalte Neuronen, die speziell auf Signale von fremden Augen und Gesichtern ausgerichtet seien, schreiben Bateson und ihre Kollegen. "Möglicherweise haben die Bilder den Teilnehmern automatisch und unbewusst das Gefühl gegeben, beobachtet zu werden."

Forschung in der Studentenküche

Das wiederum könnte für manche Wissenschaftler äußerst unangenehme Fragen aufwerfen. Was, wenn die Teilnehmer früherer Laborstudien gar nicht von sich aus kooperativ waren, auch wenn ihnen versichert wurde, die anderen Probanden könnten sie nicht beobachten? "Gut möglich", meint Bateson, dass die Teilnehmer solcher Studien nur deshalb so selbstlos agierten, weil sie wussten, dass ihnen ein Wissenschaftler über die Schultern schaut.

Aus den Ergebnissen der neuen Studie ließen sich weitreichende Konsequenzen ziehen, glaubt Bateson - etwa im Hinblick auf die in britischen Städten nahezu allgegenwärtigen Überwachungskameras. "Auf entsprechenden Hinweisschildern könnten Bilder von Augen wesentlich effektiver sein als abstrakte Kamerasymbole."

Mehr Aufmerksamkeit für die Kameras könnte zwar die wünschenswerten Effekte der Überwachung verstärken, allerdings auch dazu führen, dass sich die Passanten der allumfassenden Beobachtung erst richtig bewusst werden. Ob die Freunde der elektronischen Überwachung das gut fänden, darf bezweifelt werden.

Ansonsten könnten die Augenbilder überall dort eingesetzt werden, wo Ehrlichkeit und das Gefühl gesellschaftlicher Kontrolle segensreich wirken - etwa in der U-Bahn als Mittel gegen das Schwarzfahren. Oder auf der Bürotoilette als Anregung, die Klobürste häufiger zu benutzen.

Das nächste Experiment mit den fotokopierten Augen planen Bateson und ihr Team bereits. Die Studienobjekte sind zahlreich, die Biotope auf dem Campus dicht verteilt: In den Küchen der Studenten-WGs sollen die Augen dafür sorgen, dass die Bewohner Töpfe putzen und Geschirr wegräumen. "Studentenküchen sind die Klassiker unter den Orten, an denen die Leute schmutzige Dinge zurücklassen", sagt Bateson. "Ein ideales Umfeld für unsere Forschung."

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