Schatzsuche in England Historiker rätseln über geheimnisvollen Wikingerkönig

Es war ein Überraschungsfund mitten auf einem Acker. Ein britischer Hobbyforscher hat einen Silberschatz aus jenen Jahren aufgespürt, in denen Wikinger Englands Norden regierten. Die Geldstücke bringen Historiker auf die Spur eines bisher unbekannten Herrschers.

Von

Trustees of the British Museum

Als seine Frau ihm im vergangenen Jahr einen Metalldetektor unter den Weihnachtsbaum legte, war es wahrscheinlich das tollste Weihnachtsgeschenk, das Darren Webster je bekommen hatte. Auch wenn er das zunächst bestenfalls ahnen konnte. Denn die wahre Tragweite wurde ihm erst an einem Tag Mitte September klar. Webster hatte gerade seinen Sohn von der Schule abgeholt und musste eigentlich zurück zur Arbeit. Doch es juckte ihn, noch einmal bei einem Feld in der Nähe des Dorfes Silverdale anzuhalten, obwohl er es bereits mehrmals mit dem Detektor abgeschritten hatte. Alles, was er bislang dort gefunden hatte, war ein relativ langweiliges Zweipence-Stück aus der Tudorzeit.

Doch kaum war Webster diesmal auf dem Acker, schlug der Detektor an. Der Schatzsucher grub los - und war zunächst enttäuscht, als er in nur wenigen Zentimetern Tiefe auf ein altes Bleiblech stieß. Doch das entpuppte sich als Kiste. Als Webster die aus der Erde hob, gab deren Boden nach und es regnete Silber auf seine Füße: 27 Münzen, zehn Armreifen, zwei Ringe, 14 Barren, sechs Broschen, einen Schmuckzopf aus Silberdraht und 141 Stück sogenanntes Hacksilber - zerstückelte Armreifen und Barren.

Noch am Abend rief Webster die zuständige Archäologin des Portable Antiquities Scheme an, dem alle großen Funde in Großbritannien gemeldet werden müssen. "Als ich die Armreifen sah, wusste ich schon, dass das Zeug aus der Wikingerzeit stammen musste", sagt der glückliche Finder. Doch wie besonders der Inhalt der groben Kiste tatsächlich ist, stellte erst der Münzexperte Gareth Williams vom British Museum fest. Unter den 27 Münzen war eine, wie sie noch kein Numismatiker je gesehen hatte. Auf der Vorderseite steht der Name jenes Herrschers, der die Prägung in Auftrag gab: Airdeconut.

Doch ein König mit diesem Namen ist der Forschung bisher völlig unbekannt. "Wahrscheinlich ist es der Versuch eines einheimischen Münzprägers, den Wikingernamen Harthacnut zu buchstabieren", erklärt Williams. Ein Harthacnut regierte zwischen 1035 und 1042 Dänemark. Von 1040 bis zu seinem Tod herrschte er auch in England. Die Münze aber passt nicht in jene Jahre. Sie sieht den Geldstücken der Wikingerkönige Siefredus und Cnut von Northumbria auffallend ähnlich. Doch die sind rund eineinhalb Jahrhunderte älter. Der Schatz von Silverdale wurde bereits um das Jahr 900 oder wenig später vergraben, ein Jahrhundert bevor der spätere König Harthacnut auch nur gezeugt war.

Wo könnte der König in die Chroniken passen?

"Wir haben es hier mit einem bisher unbekannten Wikingerkönig von Northumbien zu tun", freut sich Williams. Doch wo könnte er in die Chroniken passen? Der Numismatiker hat eine Idee: "Es gab einen König Guthred, der Northumbria von 883 bis zu seinem Tod im Jahr 895 regierte. Aus einer Chronik kennen wir den Namen seines Vaters: Harthacnut", erzählt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nun hatten die Wikinger den Brauch, Namen verschränkt über eine Generation zu vererben, also jeweils vom Großvater auf den Enkelsohn. "Der neu entdeckte Harthacnut könnte also der Sohn Guthreds gewesen sein, benannt nach seinem Großvater."

Doch das ist noch nicht das einzig Interessante an der kleinen Silberscheibe mit dem falsch buchstabierten Namen. Sie erzählt außerdem eine spannende Geschichte aus der Zeit, in der das Christentum den alten Glauben der Wikinger verdrängte. Auf der Rückseite sind die Buchstaben DNS (für das lateinische dominus, "Herr") und REX in Kreuzform angeordnet: dominus rex, "der Herr ist König". Airdeconut war offensichtlich ein Monarch, der großen Wert darauf legte, seine christliche Haltung jedem mitzuteilen, der eine Münze mit seinem Namen in die Hand nahm. Und das, obwohl noch die Generation seiner Eltern aus Skandinavien in Northumbria ein- und plündernd über so manches christliche Kloster hergefallen war. Doch nur wenige Jahrzehnte auf britischem Boden hatten aus den nordischen Heiden offenbar fromme Christen gemacht.

Es waren wilde Jahre, in denen der Schatz vergraben wurde. Die Wikinger hielten große Teile der Königreiche Mercia, Northumbria und East Anglia besetzt. In dieser später auch als Danelag bekannten Gegend gründeten sie Siedlungen und handelten eifrig mit den Einheimischen. Als internationale Währung, die nicht nur im Danelag, sondern auch in den Wikingerhandelsposten in Russland oder sogar dem Orient Gültigkeit hatte, galt das Hacksilber. Mit den ausgewogenen Silberstücken konnte ein Händler in Leicester ebenso bezahlen wie in Kiew oder in Nowgorod.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Liquid 22.12.2011
1. ...
Zitat von sysopEs war ein Überraschungsfund mitten auf einem Acker. Ein britischer Hobbyforscher hat einen Silberschatz aus jenen Jahren aufgespürt, als Wikinger Englands Norden regierten. Die Geldstücke bringen Historiker auf die Spur eines bisher unbekannten Herrschers. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,805063,00.html
wenn es denn in deutschland genaus so wäre wie in england, dann könnte man sicher auch noch genug finden, ok sicher ne menge bomben aus dem 2.WK dabei. aber mit etwas systematik und einbeziehung von hobbyarchäologen war das sicher eine lohnende sache. aber das geschichtsbewusstsein ist ja leider nicht so hoch und so werden eher noch beim ansatz von alten sachen z.b. aus der römerzeit eher noch die baggerfahrer angewiesen schnell weiter zu graben, damit ja nicht vernünftig geforscht werden kann. mal beim bayerischen amt für denkmalschutz die menge an unerforschten bodendenkmäler ansehen. da gibts noch viel zu tun. http://www.blfd.bayern.de/denkmalerfassung/denkmalliste/bayernviewer/index.php
tellmepls 22.12.2011
2. Tur mir Leid
aber Archäologie scheint nicht genug Profit zu bringen. Bitte wo leben Sie denn. Ohne Profit läuft nichts in unserer ach so hoch entwickelten ZiviviiivivivivivlisaTION. Ausserdem gehts eh back to the Roots. Lasst doch die Kinder im Sand buddeln. Vielleicht kommt dabei was rum.
B.Lebowski 22.12.2011
3. !
Zitat von sysopEs war ein Überraschungsfund mitten auf einem Acker. Ein britischer Hobbyforscher hat einen Silberschatz aus jenen Jahren aufgespürt, als Wikinger Englands Norden regierten. Die Geldstücke bringen Historiker auf die Spur eines bisher unbekannten Herrschers. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,805063,00.html
Na da weiß man doch gleich, warum der Ort den Namen "Silverdale" trägt. Vielleicht sollte man die Namen von Städten und Orten ernster nehmen, dann findet man bestimmt noch mehr überraschendes.
forumgehts? 22.12.2011
4. Sehr
Zitat von sysopEs war ein Überraschungsfund mitten auf einem Acker. Ein britischer Hobbyforscher hat einen Silberschatz aus jenen Jahren aufgespürt, als Wikinger Englands Norden regierten. Die Geldstücke bringen Historiker auf die Spur eines bisher unbekannten Herrschers. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,805063,00.html
interessant! Also schon damals finanzierte der Kontinent die Brits! We want our treasure back!
rubiair 22.12.2011
5.
Zitat von B.LebowskiNa da weiß man doch gleich, warum der Ort den Namen "Silverdale" trägt. Vielleicht sollte man die Namen von Städten und Orten ernster nehmen, dann findet man bestimmt noch mehr überraschendes.
Viel Spaß bei den Grabungen in der Nähe von Darmstadt ;-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.