Glaube an Scheibenwelt Flachwitz

Erstaunlich viele Menschen rund um den Globus glauben, dass es den Globus nicht gibt. Die "Flat Earther" erleben gerade eine Renaissance. Ihre Anhänger sind Teil eines beunruhigenden Trends: Sie sind Leugnisten.

Leuchtende Nachbildung der Erde
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Leuchtende Nachbildung der Erde

Eine Kolumne von


"Vernünftige, intelligente Leute haben schon immer anerkannt, dass die Erde flach ist."

Charles K. Johnson, langjähriger Präsident der International Flat Earth Research Society, im Jahr 1984

Kyrie Irving, 25, verdient jedes Jahr sehr viel Geld, indem er ein sphärisches Objekt so in die Luft wirft, dass es anschließend von der Schwerkraft durch einen Metallring gezogen wird. Privat hält der NBA-Basketballer allerdings nicht so viel von der Kugelform, und auch nicht von der Gravitation.

Als ihn ein Sportreporter im Februar auf seine Behauptung ansprach, die Erde sei flach, antwortete Irving: "Viele Dinge, von denen mein Bildungssystem behauptet, sie seien real, haben sich als komplett falsch erwiesen. Ich habe nichts dagegen, mit meinen Gedanken gegen den Strom zu schwimmen." Irving präsentierte sich selbst als Skeptiker. In Wahrheit ist er etwas anderes: ein Leugnist.

Kurz nach Irvings Outing als "Flat Earther" schien sich auch der Ex-Basketballer Shaquille O'Neil der Bewegung angeschlossen zu haben. Dann aber erklärte der 45-Jährige: "Ich habe einen Witz gemacht, ihr Idioten." In diversen einschlägigen Facebook-Gruppen wird O'Neil trotzdem bis heute als Konvertit zum wahren Glauben gefeiert. So ist das bei Leugnisten: Sie behalten immer nur das, was ihnen in den Kram passt.

Tatsächlich scheint die in ihrer derzeitigen Form auf das neunzehnte Jahrhundert zurückgehende "Flache Erde"-Bewegung, Internet sei Dank, gerade so etwas wie eine Renaissance zu erleben. Die größte entsprechende Facebook-Gruppe hat fast 90.000 Fans, eine weitere knapp 40.000. Einige davon sind vermutlich eher ironisch am Thema interessiert, es bleibt jedoch eine Tatsache, dass es rund um den Globus Menschen gibt, die nicht an den Globus glauben wollen. Selbst die indonesische "Flat Earth Society" hat 3000 Fans. Wie zu erwarten gibt es Überlappungen zu Anhängern anderer Verschwörungstheorien.

Schwerkraft? Die Erde wird einfach immer schneller

Mittlerweile hat bekanntlich sogar der Vatikan akzeptiert, dass wir auf einer Felskugel leben, die mit hoher Geschwindigkeit durchs All rast, aber das interessiert die Anhänger der "Flachen Erde"-Theorie nicht. Viele von ihnen, wenn auch nicht alle, sind religiös motiviert. Der Autor eines "Flat Earth"-Standardwerkes namens "The Greatest Lie on Earth" beispielsweise betrachtet die Heilige Schrift als "unfehlbares Wort Gottes" und einzige wirklich legitime Quelle. Päpstlicher als der Papst, gewissermaßen.

Andere Quellen, etwa mehrere Jahrhunderte Wissenschaftsgeschichte, sind Verfechtern der "Flachen Erde" hingegen suspekt, von Wissenschaftlern von Newton bis Hawking ganz zu schweigen. Kostprobe: "Die Schwerkraft als Theorie ist schlicht falsch. Objekte fallen einfach." Oder hier, eine alternative Antwort auf die gleiche Frage von einer konkurrierenden Gruppe: "Die Erde unterliegt einer konstanten Beschleunigung von 9,8 Meter pro Sekunde zum Quadrat. Diese konstante Beschleunigung erzeugt das, was Sie als Schwerkraft betrachten."

Über Marginalien wie Gravitation oder die Rolle der Jesuiten bei der Verschwörung, mit der die Wahrheit seit Jahrhunderten vor der Menschheit verborgen wird, gibt es heftige Dispute. Im Kern aber sind sich die meisten Flacherdler einig: Die Welt ist rund, aber nur so wie eine Schallplatte. In ihrer Mitte liegt der Nordpol. Den Rand bildet eine Wand aus Eis, die wir Unwissenden für die Antarktis halten.

Möglicherweise wird diese Mauer von bewaffneten Nasa-Angehörigen verteidigt, vielleicht auch nicht. Vielleicht ist dahinter gar nichts, vielleicht eine unendliche Ebene, man weiß es nicht. Es war ja noch nie jemand dort. Die Sonne und der Mond kreisen knapp 5000 Kilometer über der Erde um den Nordpol. Die Mondlandung und alle Bilder der Erde aus dem All sind Fälschungen, klar. Alle Astronauten lügen. Dunkel wird es nachts nur deshalb, weil die Sonne eine Art Scheinwerfer ist, der jeweils nur einen kleinen Ausschnitt der Erdoberfläche beleuchtet. Sonnenauf- und Untergang sind optische Täuschungen.

Stehen Wolkenkratzer schief?

Besonders die letztgenannte Erklärung erstaunt ein bisschen, denn das zentrale, wichtigste Argument der Flacherdler ist der Augenschein: Ist der Horizont am Meer denn gekrümmt? Und die Unterseite der Wolken? Stehen Wolkenkratzer schief? Na? Na??

In zur Bekehrung der Irrgläubigen geschaffenen Internet-Memen fragen Anhänger der wahren Lehre zum Beispiel: "Wenn die Sonne 93 Millionen Meilen entfernt ist - wie kommt es dann, dass man hinter ihr Wolken sieht?" Die Antwort ist die gleiche wie die, die in der Flachweltdoktrin den Sonnenuntergang erklären soll: Es handelt sich um eine optische Täuschung.

Aber das ist strenggläubigen Flacherdlern egal. Wenn der Augenschein passt, ist er ein Argument, wenn nicht, ist er keins. Aus irgendwelchen Gründen gilt ihnen das als "empirischer Ansatz". Lustigerweise ist in den FAQ an dieser Stelle sogar der Wikipedia-Eintrag "Empirismus" verlinkt. Mit dessen Methoden wurde die These, die Erde könne eine Scheibe sein, schon vor Jahrhunderten zweifelsfrei widerlegt.

Eine Haltung, die es verdient, Ismus genannt zu werden

Interessant sind die "Flat Earther" heute, neben ihrem unbestreitbaren Unterhaltungswert, als extremes Beispiel eines beunruhigenden Trends. Im Englischen gibt es dafür den Begriff "Denialism", dem im Deutschen eine passende Entsprechung zu fehlen scheint. Im Kern geht es um eine grundlegende Ablehnung des wissenschaftlichen Konsenses, die sich als gesunde Skepsis tarnt, aber in Wirklichkeit etwas anderes ist.

"Leugnung" erscheint als zu schwacher Begriff, denn es geht um etwas anderes, um eine Haltung, die es verdient, Ismus genannt zu werden. Die quasireligiöse Überzeugung, im Besitz einer von der Allgemeinheit verdrängten, ignorierten oder vor ihr verborgenen Wahrheit zu sein. Nennen wir das Ganze also Leugnismus.

Der Skeptiker akzeptiert zum Beispiel, dass bestimmte Beobachtungen als korrekt gelten können, wenn sie unter kontrollierten Bedingungen verlässlich wiederholbar sind. Er hält Theorien für plausibler, die vorhandene Daten erklären und Vorhersagen erlauben.

Der Leugnist steht auf dem Standpunkt, dass jegliche empirische Evidenz jederzeit aus prinzipiellen Erwägungen heraus für irrelevant erklärt werden kann. Leugnisten sprechen gerne von ihrer eigenen "gesunden Skepsis", meinen damit aber in Wirklichkeit, dass es nichts gibt, was sie von ihrer Meinung wird abbringen können. Sie bedienen sich stets der gleichen Argumentationsmuster. Immer spielt eine vermeintliche Verschwörung zur Unterdrückung der angeblichen Wahrheit eine zentrale Rolle.

Echte Leugnisten sind nicht am Austausch von Argumenten interessiert, sondern ausschließlich an Information, die ihre eigene Weltsicht stützt. Ein konstruktiver Diskurs mit ihnen ist unmöglich, und schlimmstenfalls richten sie gewaltige Schäden an. Siehe auch: , , Holocaustleugnung, , , .

Für moderne Gesellschaften ist es wichtiger denn je, Leugnisten von Skeptikern unterscheiden zu lernen.

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Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 470 Beiträge
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cektop 13.08.2017
1. Der Kolumnist
ist Anhänger des Kolumnismus: Eine Haltung, die es verdient, -ismus genannt zu werden. Die quasireligiöse Überzeugung, im Besitz einer von der Allgemeinheit verdrängten, ignorierten oder vor ihr verborgenen Wahrheit zu sein. Nennen wir das Ganze also Kolumnismus. SCNR
mwroer 13.08.2017
2.
Jepp, immer noch Sommerloch. Ganz im ernst gefragt lieber Autor - wäre es nicht sinnvoller gewesen in Urlaub zu fahren statt einfach einen neuen Begriff für ein jahrhundertealtes Phänomen zu erfinden?
Moewi 13.08.2017
3.
Och nee - jetzt gebt den Flachmaten doch nicht NOCH mehr Aufmerksamkeit. Schlimm genug, sich mit denen rumzuärgern, die es jetzt schon gibt.
Chatzi 13.08.2017
4. Ich weigere mich, solchen Idioten Zeit und Atem zu schenken!
Schießt sie alle auf den Mond, vonda aus können sie dann entscheiden, wie es wirklich ist und sollen sich aufmachen weiter zum Planeten Ur-Anus, der in Wahrheit nur ein schwarzes Arschloch ist, flach natürlich ;-)
mkalus 13.08.2017
5.
---Zitat--- Für moderne Gesellschaften ist es wichtiger denn je, Leugnisten von Skeptikern unterscheiden zu lernen. ---Zitatende--- Da gebe es ja so einige Leugisten die beim Spiegel Arbeiten Siehe z. B. die ganze Aufregung um das angeblich Sexistische und "Diversity" Feindliche Google Memo. (Spiegel "Bericht": http://www.spiegel.de/karriere/rauswurf-nach-sexistischem-schreiben-entwickler-will-gegen-google-klagen-a-1161992.html ) Das ist übrigens eines der Krassesten Beispiele im Mainstream überhaupt, denn wie "The Atlantic" schrieb: ---Zitat--- I cannot remember the last time so many outlets and observers mischaracterized so many aspects of a text everyone possessed. ---Zitatende--- Quelle: https://www.theatlantic.com/politics/archive/2017/08/the-most-common-error-in-coverage-of-the-google-memo/536181/?single_page=true Wenn also Organisationen wie der Spiegel über eine kleine Hürden stolpern, sollte man vielleicht erstmal sich an die eigene Nase fassen bevor man anfängt auf andere zu zeigen. Und wer sich noch wundert warum "Lügen Presse" bei so vielen Menschen ankommt, braucht hat auch bei dieser Geschichte eben ein erstklassiges Beispiel.
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