Schiffswrack vor Alaska: Die gescheiterte Expedition der "Torrent"

Von Angelika Franz

Sie sollten 1868 ein Militär-Fort im unwirtlichen Alaska bauen: die Soldaten an Bord der "Torrent". Doch der Dreimaster sank und war seitdem verschollen. Jetzt haben Taucher das Wrack gefunden. An Bord: die Komplettausstattung des Forts, inklusive Kanone und Toilettensitz.

Auch erfahrene Soldaten können in Panik geraten, wenn sie so schnell wie möglich ein sinkendes Schiff verlassen wollen. Und das wollten die Männer, die sich am Morgen des 15. Juli 1868 rücksichtslos ihren Weg zu dem ersten Rettungsboot der "Torrent" freiprügelten. Alle drängten in das erste Boot, statt sich besonnen auch auf die fünf übrigen zu verteilen.

Da donnerte plötzlich die laute Stimme ihres Leutnants John McGilvray über das Deck: "Raus aus dem Boot oder ich erschieße Euch!" Die Drohung wirkte ernüchternd. Benommen kletterten die Soldaten aus dem überfüllten Rettungsboot. Der Rest der Evakuierung lief glatt - trotz der wilden Brandung und der niedrigen Wassertemperatur. Die Männer ließen die Boote zu Wasser und kämpften sich durch die hohen Wellen an den Strand. Alle Passagiere konnten gerettet werden.

An Bord der "Torrent" waren 125 Infanteriesoldaten der US Army, eine Handvoll Offiziere mit ihren Familien, darunter vier Frauen, elf Kinder und zwei Bedienstete. Dazu kamen fünf Maulesel und 72 Hühner. Vom Schicksal der Maulesel ist nichts bekannt, aber es ist dokumentiert, dass zumindest einige der Hühner auch noch in den Rettungsbooten Platz fanden.

Doch was sollte die Expedition in die Einöde? "Man muss das Schicksal der "Torrent" vor ihrem historischen Hintergrund betrachten, um die volle Tragweite der Mission zu verstehen", sagt Steve Lloyd, Wracktaucher und Amateurhistoriker, der die Reste des Dreimasters südlich der Kachemak Bay im Cook Inlet entdeckt hat.

Die Männer, Frauen und Kinder waren auf dem Weg nach Alaska, um dort ein Fort zu errichten. Im Vorjahr hatten die Vereinigten Staaten das riesige Gebiet im unwirtlichen Norden für 7,2 Millionen Dollar von Russland gekauft. Und nun mussten die neu erworbenen 1.518.800 Quadratkilometer beschützt werden - obwohl das Land vielerorts noch nicht einmal kartiert war.

Von den heißen Südstaaten ins kalte Alaska

Der amerikanische Bürgerkrieg war seit drei Jahren vorüber. Die meisten der Soldaten, die sich jetzt auf dem Weg nach Alaska befanden, hatten zuvor in Alabama gekämpft, in Georgia oder in Tennessee. Ob ihnen allerdings ihre neue Aufgabe besser gefiel, bleibt zu bezweifeln. Denn das Land, in das sie nun aufbrachen, lag an der Grenze der bekannten Welt.

Zwar lebten seit dem Goldrausch im Jahr 1849 eine Handvoll Menschen im westlichen Kalifornien, doch die Regierung hatte noch keine Zeit gehabt, die neuen Städte mit Straßen oder gar Eisenbahnlinien an die östlichen Teile des Landes anzubinden. Ein Fort in San Francisco war die einzige Militärpräsenz entlang der gesamten US-Westküste.

Von dort aus nach Alaska waren es aber immer noch rund 3000 Kilometer gen Norden, durch menschenleeres Land. Wie sollte man die Soldaten möglichst schnell dorthin schaffen? "Die Navy hatte im Pazifik kein einziges Schiff liegen", erläutert Lloyd die Situation.

Also mietete John McGilvray in Fort Vancouver im Washington Territory, das damals noch nicht zum Gebiet der Vereinigten Staaten gehörte, zwei Schiffe von einer privaten Reederei. Die "Torrent" und die "Milan" waren Vielseitigkeitsfrachter, die sowohl Güter als auch Menschen transportieren konnten. Und so wurde alles, was man für den Bau eines neuen Forts benötigte, aufgeteilt. Die Männer kamen auf die "Torrent", das Holz und die 300 Tonnen Kohle zum Heizen im kalten alaskanischen Winter nahm die "Milan" an Bord. Dazu noch die Vorräte für die ersten sechs Monate.

Als ziviles Schiff stand die "Torrent" natürlich auch unter dem Kommando eines zivilen Kapitäns. Der 38-jährige Richard Carlton galt als erfahrener Segler - und sollte die Männer sicher in ihre neue Heimat bringen. Zunächst kreuzten sie aber auf der Suche nach einem geeigneten Ort für das neue Fort im Cook Inlet auf und ab. Die Bucht schneidet auf 310 Kilometern Länge tief in das Innere Alaskas.

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Aufgespürt: Die "Torrent" in Alaskas eisigen Gewässern

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