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Schizophrenie Wurzeln des Wahns

Verlorenes Terrain: Manche Hirnregionen haben bei Schizophrenen ein verringertes VolumenZur Großansicht
Gregory R.Samanez-Larkin /Joshua W. Buckholtz

Verlorenes Terrain: Manche Hirnregionen haben bei Schizophrenen ein verringertes Volumen

3. Teil: Ein Modell der Entstehung schizophrener Psychosen

Interessanterweise treten die Hirnveränderungen - wenn auch in geringerem Maß - bei gesunden Verwandten ersten Grades von Schizophreniepatienten ebenfalls auf, wie 2007 eine Metaanalyse niederländischer Wissenschaftler um Heleen Boos von der Universität Utrecht ergab. Auch in so genannten Hochrisikogruppen mit mindestens zwei unter Schizophrenie leidenden Verwandten - die immerhin ein zehnprozentiges Erkrankungsrisiko tragen - zeigten mehrere Strukturen im Schläfen- wie auch im Stirnlappen ein verringertes Volumen; das fanden Stephen Lawrie von der University of Edinburgh und seine Kollegen 2001 heraus. All dies deutet auf einen hohen genetischen Einfluss für diese Auffälligkeiten im Gehirn hin.

Die Hirnanomalien sind keineswegs statisch, sondern verändern sich im Lauf der Zeit. So konnten Forscher um Neeltje van Haren von der Universität Utrecht 2008 nachweisen, dass die graue Substanz im Stirn- und Schläfenlappen mit fortschreitendem Krankheitsverlauf abnimmt. Dabei korreliert die Stärke des Rückgangs mit dem Grad der chronischen Beeinträchtigungen der Patienten sowie der Häufigkeit und Schwere der akuten psychotischen Schübe. Unklar bleibt, ob Krankheitsmechanismen während der Psychose zu den Volumenverminderungen führen oder ob umgekehrt die Psychose wegen der Hirnveränderungen entsteht.

Auf Grund dieser Daten versuchen Mediziner ein umfassendes Modell der Entstehung schizophrener Psychosen aufzustellen. Zu den ältesten Modellvorstellungen gehört die so genannte Vulnerabilitäts-Stress-Hypothese, welche die amerikanischen Psychologen Joseph Zubin (1900 - 1990) und Bonnie Spring 1977 aufstellten. Demnach bricht die Krankheit bei einer angeborenen oder erworbenen Verletzlichkeit ("Vulnerabilität") erst dann aus, wenn zusätzliche schädigende Einflüsse wie biologische oder psychosoziale Stressfaktoren auftreten.

In die gleiche Richtung weist die Two-Hit-Hypothese. Deren Vertreter gehen davon aus, dass neben einer genetischen Veranlagung zusätzlich ein oder mehrere krankheitsbegünstigende Umweltfaktoren ("Second Hits") hinzukommen müssen - etwa Infektionen während der Schwangerschaft, Sauerstoffmangel bei der Geburt, sozialer Stress oder Drogenkonsum. Die Wissenschaftler nehmen an, die Funktion der mit Schizophrenie zusammenhängenden Gene, die in ganz bestimmten Phasen der Hirnentwicklung aktiv sind, könne durch derartige "Second Hits" beeinflusst werden. Ob und wenn ja, wie dies geschieht, ist allerdings ungeklärt.

Doppelter Schlag

Nach der Mehrläsionen-Hypothese verursachen genetische Mutationen und schädigende Umwelteinflüsse Hirnveränderungen, ohne dass jedoch die Krankheit später zwingend ausbricht. Erst zusätzlicher Drogenkonsum oder auch psychosozialer Stress führe dann zu einer verminderten Freisetzung hemmender Botenstoffe - was in einen Psychoseschub münden kann. Gemäß der Mehrläsionen-Hypothese reichen bei Schizophrenie - im Gegensatz zu anderen Psychosen, die ebenfalls mit Wahnsymptomen einhergehen, aber deutlich besser behandelbar sind - die körpereigenen Reparaturmechanismen nicht mehr aus, um das neuronale Netzwerk wiederherzustellen.

Heiß diskutieren Mediziner auch die Frage, ob schizophrene Psychosen durch den Untergang von Nervenzellen entstehen können. Mehrere Risikogene für Schizophrenie wirken sich unmittelbar auf Neurone aus: Neuregulin-1 unterstützt die Neubildung von Synapsen, DISC1 fördert die Neurogenese. Mutationen in diesen Genen könnten zu einem Verlust von Nervenzellen führen. Allerdings wissen wir bis heute noch nicht, ob die bei der Schizophrenie beobachteten Volumenminderungen tatsächlich auf abgestorbene Hirnzellen zurückgehen oder ob die Neurone wegen einer anderweitig verminderten Funktionsfähigkeit degenerieren und dadurch an Volumen verlieren - oder ob eine dritte, bisher noch unbekannte Ursache vorliegt.

Trotz der bedeutenden Fortschritte der letzten Jahre bleibt die Schizophrenie immer noch ein Rätsel. In jedem Fall können wir monokausale Erklärungen getrost ad acta legen: So beruht das Leiden keinesfalls - wie noch vor einigen Jahren von Ärzten vermutet - auf einer "schizophrenogenen" Mutter, die durch dominantes Verhalten ihr Kind in die Krankheit treibt. Ebenso wenig gibt es ein einzelnes "Schizophreniegen", das allein die Krankheit auslöst. Entscheidend ist das Wechselspiel zwischen Genen und Umwelt. Wenn wir dieses Ineinandergreifen verschiedener Faktoren noch besser durchschauen, öffnen sich wohlmöglich für diese schwere neuropsychiatrische Störung neue Wege der Heilung.

Thomas Nickl-Jockschat ist Mediziner am Universitätsklinikum der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

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Auf einen Blick

Risikogene und Hirnanomalien

1 Bei schizophrenen Patienten treten Mutationen bestimmter Gene häufiger auf als bei Gesunden. Ob und wie diese Veränderungen die Psychosen auslösen können, ist allerdings noch unklar.

2 Vor allem im Stirn- und Schläfenlappen zeigen Schizophreniepatienten verringertes Hirnvolumen.

3 Schizophrenie entsteht höchstwahrscheinlich im Wechselspiel von genetischer Veranlagung und Umweltfaktoren. Nur wenn beide zusammenwirken, kommt es zur Erkrankung.

Diagnosekriterien schizophrener Psychosen
Um eine Schizophrenie zu diagnostizieren, müssen mindestens zwei der folgenden Symptome über längere Zeit bestehen:

Einzelne Symptome müssen mindestens sechs Monate lang anhalten und das Sozialleben oder die berufliche Leistung merklich beeinträchtigen. Andere Ursachen der Symptomatik sollten ausgeschlossen sein – zum Beispiel, dass das Störungsbild auf Drogenkonsum zurückgeht.

Hirnveränderungen durch Medikamente

Therapiestudien belegen, dass bestimmte Psychopharmaka zu Veränderungen der Hirnstruktur führen können. Dies gilt vor allem für ältere Wirkstoffe, die so genannten typischen Antipsychotika: Nach deren mehrwöchiger Einnahme nimmt das Volumen der Basalganglien zu, das verschiedener anderer Hirnregionen hingegen ab. Neuere, atypische Antipsychotika scheinen diese Veränderungen allenfalls in geringem Ausmaß zu verursachen.

(Scherk, H., Falkai, P.: Effects of Antipsychotics on Brain Structure. In: Current Opinion in Psychiatry 19(2), S. 145 – 150, 2006)

Globales Leiden
Schizophrenien treten weltweit auf. Bislang sind keine Kulturen oder Bevölkerungsgruppen bekannt, die vor dieser seelischen Störung gefeit wären. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch im Lauf seines Lebens an Schizophrenie erkrankt, liegt bei etwa ein bis zwei Prozent.

Epigenetik: Gene sind nicht alles
Gehirn & Geist / Art for Science

Auch wenn etliche Gene bei schizophrenen Psychosen eine Rolle spielen, bestimmen sie allein noch längst nicht, ob die Krankheit ausbricht oder nicht. Entscheidend ist, wann welche Erbinformationen in welchem Maß aktiv sind. "Epigenetische" Faktoren steuern die Genaktivität und beeinflussen somit auch psychische Störungen.

Ein wichtiger epigenetischer Mechanismus ist die DNA-Methylierung: Angelagerte Methylgruppen verhindern, dass der entsprechende DNA-Abschnitt abgelesen werden kann. Tatsächlich fanden kanadische Forscher bei eineiigen, also genetisch identischen Zwillingen, von denen nur ein Geschwister an Schizophrenie erkrankt war, Unterschiede im Methylierungsgrad des Gens DRD2, das für einen Dopaminrezeptor kodiert. Während beim gesunden Zwilling Methylgruppen das Gen lahmlegten, war es bei seinem schizophrenen Geschwister besonders aktiv. Die Folge: Das Gehirn produziert mehr Dopaminrezeptoren, was wiederum als Risikofaktor für Schizophrenie gilt.

(Petronis, A. et al.: Monozygotic Twins Exhibit Numerous Epigenetic Differences: Clues to Twin Discordance? In: Schizophrenia Bulletin 29(1), S. 169 –178, 2003)

Quelle

Nickl-Jockschat, T. et al.: Korrelation zwischen Risikogenvarianten für Schizophrenie und Hirnstrukturanomalien. In: Der Nervenarzt 80(1), S. 40 – 53, 2009.

Weitere Originalquellen im Internet:
www.gehirn-und-geist.de/artikel/1021703

Literaturtipp

Javitt, D. C., Coyle, J. T.: Wenn Hirnsignale verrückt spielen. In: Spektrum der Wissenschaft 12/2004, S. 62 – 68.
Die Psychiater Daniel Javitt und Joseph Coyle beschreiben die Rolle von Hirnbotenstoffen bei Schizophrenie.




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