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Ausgegraben

Ausgegraben Wie kamen deutsche Münzen aufs Schlachtfeld Waterloo?

Schlacht von Waterloo: Archäologe verrät Identität des Soldaten Fotos
SPW-DPat

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Archäologen haben am Rande des Schlachtfelds von Waterloo die Knochen eines Soldaten gefunden. Offenbar war es ein Deutscher, der durch eine französische Kugel fiel. Doch warum kämpfte er auf Seiten der Briten gegen Napoleon?

Manchmal entdecken Archäologen bedeutende Könige unter Parkplätzen - manchmal nur einfache Soldaten. So zum Beispiel vor drei Jahren, als bei Bauarbeiten am Rande des Schlachtfelds von Waterloo ein komplettes Skelett zutage kam. Nahe dem belgischen Dorf südlich von Brüssel erlitten die Truppen von Napoleon 1815 eine verheerende Niederlage.

An sich sollte man annehmen, dass unter einem Schlachtfeld jede Menge Knochen liegen, doch oft wurden die entsprechenden Felder später durchsiebt und alle Überreste von Menschen und Pferden herausgesammelt. Denn die Knochen galten fein gemahlen als guter Dünger für die Landwirtschaft. Ein komplett erhaltenes Skelett auf einem napoleonischen Schlachtfeld war also an sich schon eine Sensation.

Geheimnisvolle Holzkiste

Nun berichtet der britische Amateurhistoriker Gareth Glover, er habe den Toten identifizieren können. Seine Name sei Friedrich Brandt. Gedient habe er auf Seite der Briten als Fußsoldat in der Königlich Deutschen Legion.

Der erste Hinweis auf die Identität des Mannes sei sein Geldbeutel gewesen, dessen Inhalt die Ausgräber neben der Hüfte des Toten fanden. Darin lag der letzte Sold - ausgezahlt in britischen und deutschen Münzen. Mit den deutschen Münzen hätte ein Brite nicht viel anfangen können, wahrscheinlicher also gehörte der Tote zu jenen Kurhannoveranern, die auf Anordnung des englischen Königs Georg III. gegen Napoleon kämpften. Georg III. war damals zugleich König von Großbritannien und von Hannover.

Die Ausgräber fanden noch mehr Habseligkeiten neben dem Skelett: ein Taschenmesser, einen Löffel und eine kleine Holzkiste. "All diese Dinge könnten in einem Rucksack oder einer Schultertasche verstaut gewesen sein", sagt Ausgräber Dominique Bosquet, Archäologe der Wallonischen Regierung. "Nur ist von dessen Material überhaupt nichts mehr erhalten." Und nicht nur der Sold, auch die Kugel, die zwischen seinen Rippen steckte und ihm vermutlich die Lunge aufgerissen hatte, verrät, auf wessen Seite der Soldat kämpfte. Sie wurde nämlich aus einer französischen Muskete abgefeuert.

Vielleicht ein kleiner Liebesdienst?

Als heißeste Spur entpuppte sich aber die kleine Holzkiste: Sie hatte eine nur mit Mühe lesbare Gravur auf dem Deckel. Drei Buchstaben standen da, die beiden letzten ein "C" und ein "B", der vordere ein kaum noch zu entzifferndes "F".

Historiker Glover durchforstete daraufhin die alten Listen. Drei deutsche Soldaten, deren Vornamen mit "F" und Nachnamen mit "B" begannen, konnte er unter den Hannoveranern finden. Einer jedoch schied sogleich aus, er hatte an einer ganz anderen Stelle des Schlachtfelds von Waterloo gekämpft. Die beiden anderen suchte Glover auf den Soldlisten der Zeit nach der Schlacht. Einer von ihnen erhielt tatsächlich weiterhin Lohn - starb dann jedoch einen Monat nach der Schacht in der Nähe von Brüssel. Der zweite aber tauchte nach Waterloo gar nicht mehr auf. Sein Name: Friedrich Brandt.

Doch so plausibel Glovers Recherche klingt, Ausgräber Bosquet ist wesentlich vorsichtiger als sein britischer Kollege: "Das ist nur eine mögliche Geschichte von vielen", warnt er. Denn Glovers Identifizierung steht und fällt mit der kleinen Holzkiste. "Wir wissen aber gar nicht, ob sie tatsächlich dem Toten gehörte und ob dann auch noch seine Initialen auf dem Deckel waren."

Schließlich könnte sie auf vielen Wegen in das Grab gelangt sein. Vielleicht hatte der Soldat sie kurz zuvor jemand anderem auf dem Schlachtfeld abgenommen. Oder ein Freund von ihm legte sie in das hastig ausgehobene Grab - als letztes Andenken.

Bosquet fällt noch eine weitere Möglichkeit ein: "Vielleicht hatte sogar ein Mädchen dem Soldaten die Kiste mitgegeben, als er von zu Hause fortzog - damit er sie im Krieg nicht vergisst."

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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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