Schlachtfeld-Archäologie: Panzerwracks in der Traumlagune

Von Angelika Franz

Türkisfarbenes Wasser, weißer Sand, wunderbare Wellen - doch nur Meter unter dem Meeresspiegel lauern Todesmaschinen. Vor der Pazifikinsel Saipan entdecken Archäologen massenhaft bestens erhaltene Panzer, Flugzeuge und anderes Gerät aus dem Zweiten Weltkrieg.

In den ersten Julitagen des Jahres 1944 brach das Wasser rot gegen die Toshimbo-Klippen im Norden der Marianen-Insel Saipan. Die Wellen brandeten über Tausende Leichen, und ständig fielen weitere Menschen von den hohen Felsen. Ganze Familien stießen und rissen sich gemeinsam über die Kante, von den Kindern bis zu den Großeltern, stürzten 250 Meter tief ins Meer.

Tausende Japaner begingen an den Klippen Selbstmord. Denn von Süden her rückten US-Soldaten auf der Insel vor, und im Radio und in den Zeitungen wurde gewarnt, dass Kriegsgefangenen in der Gewalt der vorgeblichen Bestien unvorstellbare Qualen drohten. Dagegen schien der tödliche Sprung ins Wasser als letzter Ausweg. Seit jenen Tagen heißt die Abbruchkante "Selbstmord-Klippe".

Im Sommer 1944 erlebte Saipan das ganze Grauen des Krieges. Fast einen Monat lang, vom 15. Juni bis zum 9. Juli, dauerte die Schlacht um die Insel. Fast 3000 US- und 24.000 japanische Soldaten und Zivilisten starben in den Kämpfen, rund 5000 Menschen begingen Selbstmord.

Rückzug in die Höhlen

Jetzt, 68 Jahre später, suchen Wissenschaftler erstmals systematisch nach Spuren des Kriegsgrauens. "Viele der japanischen Soldaten wurden in Massengräbern vergraben, andere einfach in abgelegenen Schützengräben oder Bombenkratern verscharrt", sagt Archäologe Ronnie Rogers vom Commonwealth Historic Preservation Office im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei Bauarbeiten auf der Insel kommen selbst heute noch immer wieder Knochen zutage. Wir arbeiten eng mit den japanischen Behörden zusammen, um die Überreste dann in ihre Heimat überführen zu können."

Die USA hatten 1944 aus gutem Grund Saipan ins Visier genommen. Endlich waren sie mit den neu entwickelten Langstreckenbombern B-29 Superfortress in der Lage, Ziele in großer Entfernung anzugreifen, ohne eine hochgefährliche Landung an feindlichen Küsten wagen zu müssen. Wer die Marianen-Inseln kontrollierte, zu denen Saipan gehört, für den lag Tokio zum Greifen nah. Die japanische Hauptstadt lag weit im Inneren des 2400-Kilometer-Radius, in dem die Flugzeuge ihre tödliche Fracht abwerfen konnten.

Die Japaner kämpften erbittert. Nachdem die US-Soldaten sich durch Stacheldrahtbarrieren und Artilleriebeschuss auf den Strand durchgeschlagen hatten, versteckten sich die Verteidiger in den vielen natürlichen Höhlen der Insel. Bald gingen die Invasoren dazu über, in jede noch so kleine Höhle erst einmal Flammenwerfer zu halten. 2002 verarbeitete der Regisseur John Woo die blutige Schlacht in seinem Film "Windtalkers" mit Nicholas Cage und Christian Slater in den Hauptrollen.

Landeboote, Panzer, Flugzeuge unter Wasser

Das Kriegsgerät der US- und japanischen Armee blieb dort liegen, wo es kampfunfähig gebombt oder geschossen wurde. Das meiste davon in den türkisblauen Lagunen der Insel - nur wenige Meter vom weißen Sandstrand entfernt. Der Unterwasserschrottplatz ist ein riesiges Feld für Schlachtfeld-Archäologen.

Weil sich die sperrigen Fahrzeuge nur schlecht bergen lassen, haben Saipans Behörden inzwischen andere Pläne mit der brachialen Hinterlassenschaft. Ein historischer Lehrpfad für Taucher soll über die Geschichte der Insel aufklären und Touristen locken. Traumstrand, kristallklares Wasser, wertvolle Korallenbestände und Lagunen - und unter der Oberfläche die Zeugnisse des Todes.

Noch liegt vor den Experten allerdings einige Arbeit. Bisher kennen sie zwar die ungefähren Orte der Kriegsrelikte, "aber eine systematische Aufnahme der archäologischen Überreste in der Lagune hat es nie gegeben", sagt Rogers. Dies haben sich nun die Unterwasserarchäologen Michael Krivor und Jason Burns vorgenommen. "Ich versuche mir auszumalen, wie es hier in den Tagen der Invasion aussah", sagt Krivor im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Über Wasser sei dies kaum möglich, "die Realität setzt aber schlagartig ein, wenn man unter die Wasseroberfläche abtaucht - und sich zwischen Landebooten, Panzern, Flugzeugen und anderen Fahrzeugen wiederfindet".

Schon die Vielfalt von Fahrzeugen und Flugzeugen macht "diesen Ort einzigartig”, sagt Krivor. Die beiden Archäologen haben mit dem Magnetometer Hunderte Fundstellen lokalisiert. Zu etwa 50 sind sie getaucht. Sie fanden mehr als ein Dutzend US-Landungsboote, zwei japanische Daihatsu-Landungsboote, einen japanischen U-Boot-Jäger, mindestens vier Flugzeuge, zwei Amphibienfahrzeuge von Amtrac, drei M4-Sherman-Panzer und mehrere kleinere Schiffe.

Selbstmorde auch 60 Jahre nach Ende des Krieges

Krivor haben es besonders die Flugzeuge angetan. "Eines ist wahrscheinlich eine U.S. TBM Avenger, die kopfüber in etwa drei Metern Tiefe liegt", sagt der Experte. "Das Fahrwerk ist ausgefahren, der Pilot wollte die Maschine also noch aufsetzen." Ein anderes sei eine japanische Emily, "ein viermotoriges fliegendes Schiff mit einem Geschützturm hinter einem Flügel. Dort hinunterzutauchen war so unglaublich, weil alles noch intakt ist - der Geschützturm sitzt aufrecht auf dem Meeresgrund, und im Cockpit sind sogar die Anzeigen und Messgeräte noch heil."

Ronnie Rogers' Aufgabe ist es jetzt, die Funde zu ordnen und den Unterwasser-Lehrpfad zu planen. Bis zur Eröffnung brauche es sicher noch ein Jahr, sagt er, denn noch müssten viele Fragen geklärt werden. Liegen vielleicht noch US- oder japanische Soldaten in den Fahrzeugen, die erst geborgen müssen? Sind die einzelnen Stationen sicher oder muss der Pfad von einer Kampfmittelräumgruppe nach Blindgängern abgesucht werden?

Die Marianen waren übrigens nach der erfolgreichen Besatzung durch die US-Truppen tatsächlich Start- und Landeplatz für B-29-Bomber. Von Saipans Schwesterinsel Tinian hoben im August 1945 die Enola Gay und die Bockscar ab - sie warfen die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab.

Dass der Krieg im Pazifik danach beendet war, sprach sich auf Saipan nicht überall herum. 1952 wurden japanische Soldaten in einem Höhlenversteck entdeckt, die noch nichts vom Ende der Kämpfe gehört hatten.

Die Toshimbo-Klippen sind noch heute bei Selbstmördern beliebt. Statistisch gesehen stürzen sich hier jeden Monat zwei Menschen in die Tiefe - obwohl die Regierung Warntafeln und Notrufsäulen installiert hat. Täglich patrouilliert der pensionierte Polizist Yukio Shiga die Klippen auf und ab. Im Laufe der Jahre hat er nach eigener Aussage 129 Menschen davon abgehalten, sich umzubringen.

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