Von Ursula Voss
Ein Kreisel dreht sich schier endlos auf der polierten Tischplatte. Auf einmal gerät er ins Trudeln - oder doch nicht?! Bevor wir eine Antwort bekommen, wird es dunkel, und der Abspann beginnt. So endet der Kinofilm "Inception" von Christopher Nolan, in dem eine Gruppe von Bewusstseinsexperten die Träume anderer Menschen manipuliert. Der Kreisel dient dem Protagonisten, gespielt von Leonardo DiCaprio, auf seinen Reisen durch phantastische Welten als Realitätstest. Hört der Kreisel nicht auf, sich zu drehen, handelt es sich um einen Traum; kippt das Spielzeug, so ist die Situation echt.
Eine ähnliche Frage stellen sich manche Menschen nächtens offenbar spontan: Träume ich das alles nur? Erkennt der Träumende dann, dass das Erlebte nicht real ist, etwa weil die bizarren Geschehnisse keinen Sinn ergeben, so spricht man von einem luziden Traum oder Klartraum. Manche Schläfer werden sich in diesen Momenten nicht nur der Tatsache bewusst, dass sie träumen, sie können das fiktive Geschehen sogar aktiv beeinflussen, ohne dabei zu erwachen.
Eine Probandin in unserem Schlaflabor an der Universität Bonn schilderte dies so: "Als ich mich über das merkwürdige Gespräch mit einer Kommilitonin wunderte, die ich eigentlich gar nicht näher kenne, wusste ich, dass ich träumte. Dann stand ich plötzlich in einem anderen Bild wie aus einem Familienalbum. Ich bewegte meine Augen und habe dabei gemerkt, dass ich eigentlich im Bett lag und schlief. Als ich die schöne Landschaft verschwimmen sah, dachte ich: Das ist mein Traumbild, das soll bleiben! Da war die Szene wieder da. Ich dachte, es wäre schön, durch diese Landschaft zu galoppieren. Ich holte mir ein Pferd in den Traum, habe es aber nur geschafft, auf einem Pferderücken zu sitzen, Hals und Kopf des Tieres waren ziemlich unecht. Aber ich konnte fühlen, wie ich auf dem Pferd ritt und gleichzeitig im Bett lag."
Willenlos in Phantasiewelten
Üblicherweise entführen uns Träume in eine Parallelwelt, die stark emotional geprägt ist. Wenn wir Glück haben, dominieren dabei angenehme Bilder und Gefühle, im schlimmsten Fall haben wir einen Alptraum, aus dem wir schweißgebadet und verwirrt aufschrecken. Trauminhalte erscheinen uns zudem oft verworren und bizarr, dennoch ähneln sie sich zwischen verschiedenen Menschen: So träumen wir alle ab und an vom Fliegen, Fallen oder auch davon, dass wir dringend auf die Toilette müssen. Das Traumgeschehen entzieht sich hierbei unserem Willen; wir sind den nächtlichen Phantasien hilflos ausgeliefert.
Im Traum gibt es weder Vergangenheit noch Zukunft - wir sind einfach nur da. Zwar antizipieren wir mitunter kurz bevorstehende Ereignisse (wenn zum Beispiel ein Angreifer auf uns zustürmt), aber wir reflektieren nicht darüber, was wohl als Nächstes passiert oder was wir zum Schaden oder zur Freude anderer angestellt haben. Der Traum ist ohne Gewissen.
Ein weiteres Kennzeichen ist seine Sprachlosigkeit. Während der REM-Schlafphasen, in denen Träume zumeist auftreten, sehen wir eine Abfolge bewegter Bilder. Oft meinen wir, Geräusche oder Stimmen zu hören oder auch selbst zu sprechen, aber wie wir bei Untersuchungen mit von Geburt an gehörlosen Menschen zeigen konnten, scheint es sich hier um ein Als-ob zu handeln: Selbst Menschen, die noch nie in ihrem Leben akustische Signale empfingen, berichten von vermeintlich Gehörtem und Gesprochenem! Gespräche im Traum sind eher "telepathischer Natur", wie einer unserer Probanden es beschrieb.
Laut dem amerikanischen Neurobiologen Gerald Edelman vom Scripps Research Institute in San Diego (US-Bundesstaat Kalifornien) besitzt der Traum damit alle Attribute des primären Bewusstseins, welches es ermöglicht, dass wir uns im Raum orientieren oder einfache Verknüpfungen zwischen Sinnesreizen bilden können. Dies bedarf keiner sprachlichen Repräsentation. Erst im Wachen verfügen wir über Sprache und abstraktes Denken, an die das sekundäre Bewusstsein geknüpft ist. Bewusstsein stellt demnach kein Alles-oder-nichts dar, sondern tritt in verschiedenen Abstufungen auf.
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