Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schlaganfall-Patient: Forscher implantieren Stammzellen ins Gehirn

Bei einem Schlaganfall gehen Nervenzellen zugrunde. Die Folge: Lähmungen und geistige Beeinträchtigungen. Hannoveraner Mediziner haben nun erstmals einen Schlaganfall-Patienten mit Stammzellen behandelt - sie implantierten diese direkt ins Gehirn.

Hannover - Es sind die Zellen mit denen Mediziner einmal Wunder vollbringen wollen. Neurochirurgen des International Neuroscience Institute in Hannover haben nun erstmals einem Schlaganfall-Patienten Stammzellen ins Gehirn implantiert - allerdings nicht direkt. Die Zellen befanden sich in einem etwa 1,5 Zentimeter großen Teebeutel-ähnlichen Behälter. Sie dienten als eine Art "Arzneimittel-Fabrik" im Kopf, wie es Thomas Brinker, Leiter der Studie, formulierte. Der kleine Behälter mit den Zellen wurde nach 14 Tagen in einer zweiten Operation wieder entfernt.

Der 49 Jahre alte Patient hatte nach einem Schlaganfall Gehirnblutungen und litt unter Lähmungen, Taubheitsgefühl und Sprachstörungen. Für ihn hat sich die Situation nach eigenen Worten "um gefühlte 95 Prozent" verbessert.

Das implantierte Beutelchen enthielt etwa zehn Millionen Stammzellen, die von einer Firma in Alzenau gezüchtet wurden. Sie waren gentechnisch so verändert, dass sie ein Wachstumshormon für Nervenzellen namens GLP1 herstellen. Die Stammzellen gingen auf eine Knochenmarksspende im Jahr 1999 in Dänemark zurück, sagte Christine Wallrapp von der Firma CellMed. Aus der dänischen Zelllinie habe man nur eine einzige Zelle gentechnisch verändert und diese dann für das Präparat millionenfach vermehrt, so Wallrapp. Die Stammzellen würden zudem von sich aus weitere wachstumsfördernde und entzündungshemmende Proteine herstellen. Dass diese bei Gehirnzellen Wirkung zeigten, sei in Versuchen an Ratten und Katzen bereits belegt worden.

Stammzellen - die zellulären Multitalente
Embryonale Stammzellen (ES)
DPA
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS)
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Proteininduzierte pluripotente Stammzellen (piPS)
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn abgeleitete pluripotente Stammzellen (gPS)
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Adulte Stammzellen
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Ethik und Recht
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.

In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.
Bei der Therapie würden also nur die Produkte der Stammzellen und nicht die Stammzellen selbst genutzt, sagte der an den Therapieversuchen ebenfalls beteiligte Neurochirurg Andreas Schwartz. Damit unterscheidet sich der Ansatz der Hannoveraner Mediziner von denen anderer Stammzellforscher. Diese wollen aus Stammzellen zerstörtes Körpergewebe gänzlich neu züchten.

Die Forscher wählten die Methode, weil man die benötigten Proteine den Patienten nicht direkt als Medikament verabreichen kann - sie werden zu schnell zersetzt. Durch das Implantat aber könne man die schützenden Eiweiße in bisher unerreichten Konzentration direkt in die geschädigten Hirnregionen einbringen.

Ob ihre neuartige Methode jedoch wirklich für diesen Erfolg verantwortlich ist, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. Beim Einsetzen des Beutelchens sei dem Patienten auch ein Blutgerinnsel entfernt worden. "Wir können nicht sagen, ob die Entwicklung des Patienten Ergebnis des Stammzellbehandlung ist", sagte Brinker. Eine Schlussfolgerung könne seiner Meinung nach allerdings schon jetzt ziehen: Die neue Technik funktioniere, ohne dem Patienten zu schaden. Was im Tierversuch lange gestestet worden sei, habe sich beim Patienten durchführen lassen. Das neuartige Verfahren ermögliche es, fremde Stammzellen, die ansonsten vom Körper sofort abgestoßen würden, vorübergehend einem Menschen zu implantieren. Es sei prinzipiell auch mit anderen Stammzellen bei anderen Krankheiten anwendbar.

In einer Studie an 19 weiteren Patienten soll nun sowohl die Anwendungssicherheit als auch die Wirksamkeit der neuen Implantationstechnik getestet werden.

lub/dpa/AP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Stammzelltherapie: Arzneimittel-Fabrik im Kopf

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: