Schlampige US-Ärzte 7000 Tote jährlich durch unleserliche Rezepte

Zu ungesunden Missverständnissen und sogar Todesfällen kann die sprichwörtliche Doktorschrift von Ärzten führen. Obwohl es längst digital ginge, schreiben viele ihre Rezepte immer noch von Hand. Deutschland hofft auf die Gesundheitskarte, die USA auf einen neuen Internet-Service für leserliche Rezepte.

Von


Das Klischee findet noch immer traurige Bestätigung: Ärzte haben eine miese Klaue. Einige Patienten kostet die unleserliche Handschrift sogar das Leben. Nach Berechnungen des Institute of Medicine der National Academies of Sciences sterben in den USA jedes Jahr 7000 Menschen, weil ihre Ärzte unleserliche Rezepte ausstellen. Forscher des Instituts hatten im Juli 2006 außerdem Zahlen veröffentlicht, nach denen falsch eingesetzte Medikamente insgesamt rund 1,5 Millionen US-Bürgern schaden, was allein in Krankenhäusern Kosten von 3,5 Milliarden Dollar verursache.

Arbeit ohne Computer: Stellt ein Arzt handschriftlich Rezepte aus, kann das fatale Folgen haben
AP

Arbeit ohne Computer: Stellt ein Arzt handschriftlich Rezepte aus, kann das fatale Folgen haben

Auch in Deutschland gibt es in Praxen oder Krankenhäusern noch immer Ärzte, die Rezepte handschriftlich ausfüllen. So veröffentlicht das "Fehlerberichts- und Lernsystem für Hausarztpraxen" auf seiner Internetseite einen Fall, der schwere Folgen hätte haben können: Bei einem Hausbesuch schrieb ein Arzt ein völlig unleserliches Rezept für seinen 66-jährigen Patienten aus. Das Medikament, das der Doktor eigentlich gemeint hatte, hieß Mevinacor, ein Mittel zur Senkung des Cholesterinspiegels. In der Apotheke erhielt der Patient aber Markumar. Diese Arznei verdünnt das Blut und kann bei Überdosierung zu gefährlichen Blutungen führen. Der Mann hatte noch einmal Glück: Er selbst bemerkte den Fehler und schluckte die Arznei nicht.

Besonders bei alten Menschen treten in deutschen Apotheken Probleme auf. Mitunter kennen sie weder Namen noch Dosierung ihrer Medikamente, sondern wissen nur, ob die Pillen blau oder weiß, rund oder eckig sind. In so einem Fall rufen Apotheker normalerweise den behandelnden Arzt an, sagt Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). "Im Durchschnitt gibt es pro Apotheke in Deutschland jede Woche neun Probleme mit Rezepten." Aber nur etwa jedes zehnte Problem sei auf ärztliche Sauklaue zurückzuführen, so Sellerberg.

Suche im Pillen-Bilderbuch

Bei zwei von drei dieser Fälle greift der Apotheker zum Telefonhörer und hakt beim Arzt nach. Ist der nicht erreichbar, geht der Apotheker mit dem Patienten ein Buch durch, in dem Pillen in ihren verschiedenen Größen, Formen und Farben abgedruckt sind. "Meistens finden wir so die richtige Arznei", sagt Sellerberg zu SPIEGEL ONLINE. Wenn Zweifel blieben, händige ein Apotheker die Medikamente normalerweise nicht aus. "Man kann mit einem Patienten ja meist gut klären, ob er etwa Lisinopril, ein Medikament gegen hohen Blutdruck, oder Lisino, ein Antiallergikum, braucht", sagt Sellerberg.

Wie häufig dennoch gefährliche Missverständnisse in Deutschland vorkommen, ist nach Auskunft der ABDA unbekannt. Auch das Bundesgesundheitsministerium (BGM) in Berlin hat dazu keine Daten. "Wir gehen davon aus, dass die Zahlen stark abnehmen, weil immer mehr Ärzte ihre Rezepte ausdrucken", sagt Andreas Deffner, Pressesprecher des BGM. "Spätestens mit Einführung der elektronischen Gesundheitskarte kommt auch das elektronische Rezept."

Bis dahin hat die Bundesregierung allerdings die Auflage verhängt, dass eine Software für Arztpraxen zertifiziert sein und bestimmten Auflagen entsprechen muss, bevor sie als Hilfsmittel für die Mediziner zugelassen wird. Denn wann genau die elektronische Gesundheitskarte für jeden Versicherten kommt, ist noch immer unklar.

Web-basierter Dienst soll US-Ärzten helfen

Die USA wollen jetzt eine schnelle Lösung für das Problem und versuchen, mit einer neuen Initiative mehr Sicherheit für Patienten zu schaffen. Die Lösung soll ein System sein, das elektronische Rezepte ausstellt: Das so genannte eRx Now ist ein Web-basierter Dienst, mit dem jeder Arzt kostenfrei Rezepte am Computer erstellen kann. Spezielle Soft- und Hardware sind nicht notwendig, und es soll nur 15 Minuten dauern, sich in das System einzuarbeiten.

Bislang scheuten sich viele Ärzte weltweit, ganz auf den Computer umzusteigen. Wegen hoher Kosten und komplizierter Programme, für die mitunter Schulungen notwendig sind, greifen die Mediziner lieber wie gewohnt zu Zettel und Stift. Zwar haben 90 Prozent der Ärzte in den USA Zugang zum Internet, doch nur zehn Prozent benutzen den Computer, um elektronische Rezepte auszustellen oder die Dateien ihrer Patienten auf der Festplatte zu speichern.

"Unser Ziel ist, den Ärzten den Verschreibungsblock zu nehmen und sie an die Computer zu kriegen", zitiert das Magazin "Time" Scott Wells von der Computerfirma Dell. Auch Google, Microsoft, zahlreiche Kliniken und Universitäten sind gemeinsam mit Initiativen für Patientensicherheit an dem Projekt beteililgt, das sich den Namen Nepsi (National e-prescribing patient Safety Initiative) gegeben hat.

eRx Now kann neben einem elektronischen Rezept auch die richtige Dosierung und mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten überprüfen. "Tausende von Menschen sterben, während wir jahrelang über das Problem diskutieren", sagte Glen Tullman, Vorstandsvorsitzender der Firma Allscripts, die das Projekt mit ins Leben gerufen hat, zur "Time". "Das ist doch verrückt: Schließlich haben wir die Technologien."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.