Schmerzforschung Ausgrenzung tut weh

Der Tritt gegen das Schienbein verursacht Schmerzen. Aber auch Worte können verletzen - und das nicht nur sprichwörtlich: Beide Arten des Schmerzes lösen, so eine aktuelle Studie, im menschlichen Gehirn ähnliche Reaktionen aus.


Soziale Qualen: Isolation verursacht Schmerzen
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Soziale Qualen: Isolation verursacht Schmerzen

Bei Kindern ist es am einfachsten zu erkennen: Dürfen die Kleinen nicht mitspielen, fließen schon einmal Tränen - ganz ähnlich wie bei der Schramme am Knie. Erwachsene dagegen haben sich meist unter Kontrolle und zeigen keinerlei sozialen Schmerz, auch wenn es tief im Innern ganz anders aussieht.

Denn egal, welche Ursache die Verletzungen haben: Das menschliche Gehirn aktiviert sowohl bei sozialen als auch bei physischen Schmerzen dieselben Regionen, wie ein Forscherteam um Matthew Lieberman von der University of California in Los Angeles jetzt im Fachmagazin "Science" berichtet.

Um zu untersuchen, wie das Gehirn auf soziale Isolation reagiert, setzten die Forscher ihre Testpersonen vor eine Art Videospiel. Auf dem Bildschirm warfen sich zwei Figuren gegenseitig einen Ball zu - angeblich gesteuert von zwei Mitspielern, in Wirklichkeit kontrolliert vom Computer. Die Probanden selbst konnten eine kleine Hand am unteren Rand des Bildschirm steuern.

Dabei wurden die Versuchspersonen mit drei unterschiedlichen Situationen konfrontiert: Zum einen mussten sie - angeblich aufgrund technischer Probleme - tatenlos zusehen, wie die beiden Bildschirmfiguren miteinander Ball spielten.

Als die vorgetäuschten Schwierigkeiten "behoben" waren, konnten die Probanden aktiv ins Spiel eingreifen und bekamen auch regelmäßig den Ball. Dann jedoch stellten sich die virtuellen Mitspieler stur und warfen sich den Ball nur noch gegenseitig zu.

Während des gesamten Spiels registrierten die Forscher die Gehirnfunktionen ihrer Testpersonen. Dabei stellten sie fest, dass sowohl bei der vorsätzlichen als auch bei der zufälligen sozialen Isolation eine bestimmte Region im Zentrum des Gehirns besonders aktiv war. Derselbe Hirnbereich wurde bislang mit dem physischen Schmerzempfinden in Verbindung gebracht.

Eine zweite Region im Gehirn wurde dagegen nur aktiv, wenn die Probanden den Eindruck bekamen, sie würden bewusst vom Spiel ausgeschlossen. Das Zentrum der Aktivität lag dabei in einem Bereich der rechten Hirnrinde, der normalerweise dafür verantwortlich ist, Verzweiflung zu empfinden und zu verarbeiten. Offensichtlich, so der Schluss der Forscher, kann das Gehirn sehr wohl unterscheiden, ob ein Mensch vorsätzlich von einer sozialen Interaktion ausgeschlossen wurde oder aus anderen Gründen nicht teilnehmen kann.

Alexander Stirn



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