Mathe im Alltag: Der Trick fürs schnelle Boarding

Von Holger Dambeck

Wie platziert man 150 Menschen am schnellsten in einem Flugzeug? Ein Mathematiker-Team hat eine Strategie entwickelt, die das ewige Chaos beim Boarding beenden könnte. Größtes Hindernis: der Passagier.

Gedränge im Flugzeug: Wer schnell ist, darf zuerst Zur Großansicht
Corbis

Gedränge im Flugzeug: Wer schnell ist, darf zuerst

Berlin - Es ist doch immer das Gleiche auf dem Flughafen. Erst verzögert sich der Abflug, weil die Maschine verspätet ankommt und natürlich erst mal alle aussteigen müssen. Und dann gibt es ein großes Durcheinander beim Einsteigen. Die Airline versucht, Ordnung zu schaffen, und ruft am Gate zuerst die hinteren Sitzreihen auf. Aber so mancher Passagier drängelt sich vor. Man will schließlich so schnell wie möglich sitzen und noch einen guten Platz für den Rollkoffer ergattern.

Für Airlines geht es beim Ein- und Aussteigen um viel Geld. Je effizienter die Abläufe auf einem Flughafen sind, umso kürzer sind die Wendezeiten der Maschinen und umso mehr Stunden sind sie pro Tag in der Luft. Wissenschaftler haben verschiedene Strategien entwickelt, um die Boarding-Zeiten zu verkürzen: Der eine schwört darauf, erst alle Passagiere mit Fensterplätzen einsteigen zu lassen. Andere glauben, gerade und ungerade Sitzreihennummern getrennt einsteigen zu lassen, verhindere Staus und Drängeleien.

Ein chinesisch-australisches Mathematikerteam hat nun eine neue Boarding-Strategie vorgestellt, die das Durcheinander im Flieger minimieren soll. Tie-Qiao Tang von der Beihang University Peking und seine Kollegen schlagen vor, die Passagiere beim Einsteigen zu sortieren. "Jeder ist anders", sagte Tang dem Science Network Western Australia. Das beginne bei der Größe des Handgepäcks und der Zeit, die für das Verstauen benötigt werde. Aber auch die Laufgeschwindigkeiten seien verschieden.

Die Schnellsten bitte nach vorn!

Tang hat verschiedene Boarding-Strategien in einer Simulation miteinander vergleichen. Das untersuchte Flugzeug ist ein typischer Jet für Kurz- und Mittelstrecken und verfügt über 150 Sitzplätze in 25 Reihen. Links und rechts des einzigen Gangs in der Mitte befinden sich jeweils drei Sitze, pro Reihe also sechs.

Tangs optimale Strategie für ein derartiges Flugzeug sieht folgendermaßen aus: Zuerst dürfen die 50 Passagiere einsteigen, die einen Fensterplatz haben. Diese 50 Personen werden jedoch vor dem Betreten der Gangway sortiert: Wer schneller gehen kann, kein Gepäck hat oder sein Gepäck zügig verstaut, darf nach vorn. In dem verwendeten Modell werden die Passagiere exakt nach ihrer persönlichen Geschwindigkeit eingeteilt. Der Erste ist der schnellste, Nummer 50 am langsamsten.

Dann folgen die nächsten 50 Reisenden, die auf den mittleren Plätzen sitzen - ebenfalls eingeteilt nach individueller Geschwindigkeit. Zum Schluss kommen die letzten 50 auf den Gangplätzen an die Reihe - auch sie sortiert nach der persönlichen Schnelligkeit.

Bei der Simulation haben die Forscher Bewegungsmodelle aus der Fußgängerforschung benutzt. Um die Effizienz der neuen Boarding-Strategie messen zu können, untersuchten die Forscher zwei weitere Verfahren: Einmal durften die Passagiere völlig ungeordnet einsteigen, das andere Mal wurden Fensterplätze zuerst aufgerufen, dann die mittleren Sitze - auch Easyboarding genannt.

Die Simulation ergab eine klare Rangfolge: Das Chaosboarding dauerte am längsten - nämlich fast zehn Minuten. Immer wieder mussten Passagiere hinter anderen warten. Hinzu kam das ständige Aufstehen und Hinsetzen, weil Reisende mit Fensterplatz natürlich nicht über bereits Sitzende klettern können. Das Easyboarding (Fensterplätze zuerst) war etwas schneller - aber auch dabei waren Staus und Aufstehen nicht zu vermeiden, weil schnelle Reisende sich teils vordrängelten oder lange warten mussten.

Boarding in vier statt in zehn Minuten

Das von dem chinesisch-australischen Team entwickelte Verfahren erwies sich in der Simulation klar als das schnellste. In nicht einmal vier Minuten saßen alle auf ihrem Platz, schreiben Tang und seine Kollegen im Fachblatt "Transportation Research Part C: Emerging Technologies".

Ob die vorgeschlagene Strategie in der Praxis auch funktioniert, können die Forscher selbst nicht sagen. Sie verlassen sich bislang allein auf ihre Computersimulationen. Tang erklärte, man sei offen für eine Zusammenarbeit mit Airlines, um die Methode in der Praxis zu testen. Einfach wird das nicht: Mancher Passagier könnte sich bei dem Verfahren als langsamer Kunde diskriminiert fühlen.

Die Lufthansa hat in den vergangenen Jahren verschiedene Einstiegsmethoden getestet, darunter auch das Easyboarding - ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen. Auf Kurzstreckenflügen lässt die Airline ihre Gäste weiterhin ungeordnet einsteigen. Einzig Business-Class-Kunden, Vielflieger und Familien mit kleinen Kindern werden vorgelassen. Nur auf Langstrecken praktiziert die deutsche Airline das sogenannte Reihenboarding nach Sitzbereich - beginnend mit den hintersten Reihen. Bei Air Berlin ist Reihenboarding auf allen Strecken Usus.

"Sehr gute Erfahrungen mit dem Reihenboarding haben wir auf den Strecken nach Japan gemacht", sagte Lufthansa-Sprecher Jan Bärwalde im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Fluggäste seien sehr diszipliniert - dann funktioniere das Einsteigen vorzüglich. "Aber es gibt andere Kulturen, da klappt es weniger gut."

Umsetzung scheitert am Passagier

Die Lufthansa interessiert sich durchaus für neue Modelle, betonte der Sprecher, man bleibe aber skeptisch, was deren Umsetzbarkeit betrifft. "Erste Voraussetzung, ein mathematisches Modell auf solide Füße zu stellen, wäre, dass sich alle Gäste spätestens zu einer fest definierten Zeit am Gate eingefunden haben", sagte Bärwalde. Schon daran scheitere aber die Umsetzung, da sich das so gut wie nie gewährleisten lasse.

Selbst das Easyboarding, bei dem zuerst alle Gäste mit Fensterplätzen einsteigen, hat sich in der Praxis nicht bewährt. Probleme gibt es unter anderem mit Familien und Reisegruppen, deren Mitglieder ungern getrennt einsteigen wollen.

Bärwalde hält das Boarding für einen zu komplexen Ablauf, um es allein mit mathematischen Methoden optimieren zu können. "Wir müssten Mathematiker, die modellieren können, mit Psychologen zusammenbringen, die Gruppenphänomene erklären", sagte er. Und am Ende stehe immer noch die Aufgabe, ein neues Verfahren den Passagieren auch verständlich zu erklären und sie dafür zu gewinnen, was angesichts der Vielfalt an Sprachen und Kulturen kaum gelingen könne.

So wird sich am Gedränge in Flugzeugen wohl auch in Zukunft kaum etwas ändern.

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insgesamt 159 Beiträge
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1.
mm71 22.11.2012
Zitat von sysopWie platziert man 150 Menschen am schnellsten in einem Flugzeug? Ein Mathematiker-Team hat eine Strategie entwickelt, die das ewige Chaos beim Boarding beenden könnte. Größtes Hindernis: der Passagier. Schneller sitzen: Mathematiker optimieren Flugzeug-Boarding - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/schneller-sitzen-mathematiker-optimieren-flugzeug-boarding-a-868089.html)
Also bitte: Wie soll man denn mehrere hundert Passagiere nach ihrer Schnelligkeit ordnen? Allein das dauert ja schon x-mal länger als jede anschliessende Zeitersparnis.
2. .........
janne2109 22.11.2012
wer sieht wem an wie schnell er läuft?? Die Fensterplätze zuerst halte ich für schlau. Seine Familie sieht man ja wieder wenn man sich daneben setzt. Gesellschaften die keine Plätze mit der Bordkarte verteilen ( gibt es die überhaupt?) sollen gern weiterhin mit Chaos einsteigen lassen. Wenn allerdings jeder Passagier zügig seinen Platz aufsuchen würde, sich gleich überlegen ob er seine Jacke anbehalten will oder oben ins Fach legt und nicht erst wenn er sitzt, wäre auch schon viel gewonnen. Ein Vielflieger z. B. weiß bereits vorher was er oben ins Fach legt, Übung macht den Meister.
3. unrealistisch
eigene_meinung 22.11.2012
Egal, welches Modell eine Fluglinie zum Einsteigen verwendet, in der Realität haltens sich zu viele Passagiere nicht an die Einstiegsreihenfolge - entweder aus Rücksichtslosigkeit oder weil es andere auch so machen oder weil sie den Boarding-Aufruf im allgemeinen Lärm nicht verstanden haben oder weil ein solches Gedränge am Ausgang herrscht, dass man gar nicht entsprechend der gewünschten Reihenfolge einsteigen kann.
4.
franko_potente 22.11.2012
Zitat von mm71Also bitte: Wie soll man denn mehrere hundert Passagiere nach ihrer Schnelligkeit ordnen? Allein das dauert ja schon x-mal länger als jede anschliessende Zeitersparnis.
Na di ezeit hat man aber, da ja Paulchen X, also der, der am ängstenbraucht, acuh schon 2h vor Abflug wartet.
5.
Onkel Uwe 22.11.2012
Eine Lösung wäre wohl eher eine Digitalisierung des Tickets. Dann könnten eben Informationen wir Familien-/Gruppenzusammengehörigkeit, Handgepäckmenge und pünktliche Anwesenheit am Gate in dem Moment vor dem Aufruf exakt festgestellt und in den Aufruf über das elektronische Ticket eingerechnet werden. Dann kommt auch erstmal immer nur rein, wessen elektronisches Ticket den Zugang erlaubt. Geschwindigkeit der Personen direkt halte ich für ein recht weiches Kriterium, da diese schwer feststellbar ist.
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