Schock für die Briten Ist Stonehenge ein "Steinhenge"?

Der Erbauer des berühmten Steinkreises Stonehenge könnte, wie neue archäologische Erkenntnisse zeigen, aus der Alpenregion stammen. Die britische Presse ist schockiert.


Grab des "Königs von Stonehenge": Als Kind in der Alpenregion gelebt
Wessex Archaeology

Grab des "Königs von Stonehenge": Als Kind in der Alpenregion gelebt

Einen "Schock für den Nationalstolz" diagnostizierte am Dienstag der "Daily Express". Ähnliches liest man in britischen Boulevardblättern sonst nur, wenn Beckham und Co. unverdient gegen teutonische Rumpelfüße verloren haben. Doch diesmal hat die Empörung ihren Ursprung nicht auf, sondern unter dem Rasen: in einem mehr als 4000 Jahre alten Grab, das im vergangenen Jahr bei Amesbury in der Nähe von Stonehenge freigelegt wurde.

Das darin entdeckte Gerippe, das mit ungewöhnlich reichen Beigaben bestattet wurde, erhielt von der Presse schnell den Beinamen "König von Stonehenge". Denn der bei seinem Tod 35 bis 45 Jahre alte Mann hatte, wie Experten herausfanden, um 2300 vor Christus gelebt - etwa zu jener Zeit, als die ersten, mehrere Tonnen schweren Steinblöcke von Stonehenge aufgerichtet wurden.

Schmuck aus dem Grab: Älteste in Großbritannien gefundene Goldobjekte
Wessex Archaeology

Schmuck aus dem Grab: Älteste in Großbritannien gefundene Goldobjekte

Zahlreiche aus dem Grab geborgene Pfeilspitzen, drei Kupfermesser, zwei Armschützer sowie goldene Spangen - die ältesten je in Großbritannien entdeckten Goldobjekte - zeigen, dass der Bestattete offenbar eine hoch gestellte Persönlichkeit war. Wie Archäologen vermuten, könnte der Mann tatsächlich am Bau von Stonehenge beteiligt gewesen sein, möglicherweise spielte er dabei sogar eine zentrale Rolle.

Der "Bogenschütze von Amesbury" kam jedoch, wie sich jetzt herausstellte, auf der anderen Seite des Kanals zur Welt. Analysen seines Zahnschmelzes haben ergeben, dass er als Kind in der Alpenregion lebte: in der heutigen Schweiz, in Österreich oder Süddeutschland. In England scheint er später eine Familie gegründet zu haben. Ein nahe gelegenes zweites Grab enthält die Überreste eines 20 bis 25 Jahre alten Mannes, der den Untersuchungen zufolge mit dem Einwanderer verwandt war und in Südengland aufwuchs - vielleicht war er der Sohn.

Stonehenge bei Nacht (mit Komet Hale-Bopp): Frühes Beispiel deutscher Ingenieurskunst?
AP

Stonehenge bei Nacht (mit Komet Hale-Bopp): Frühes Beispiel deutscher Ingenieurskunst?

Für die Archäologen ist dieser Fund höchst aufschlussreich: Aus der Herkunft des älteren Mannes und seiner Grabbeigaben - die Kupfermesser stammen aus Spanien und Frankreich - können sie auf das weit verzweigte Handelsnetz schließen, dass bereits in der frühen Bronzezeit existierte. Zudem untermauert das Grab des Bogenschützen die Vermutung, wonach Händler und Siedler aus Mitteleuropa handwerkliche Fähigkeiten wie die Metallverarbeitung nach Großbritannien brachten und dem Inselreich damit aus der Steinzeit halfen.

Handelt es sich also bei Stonehenge in Wahrheit um ein "Steinhenge", wie der "Daily Express" entgeistert titelt? Ist der Steinkreis gar ein frühes Beispiel deutscher Ingenieurskunst? Der Archäologe Andrew Fitzpatrick vom Grabungsunternehmen Wessex Archaeology zieht es zwar vor, das Skelett als Eidgenossen zu betrachten, hält den kontinentalen Einfluss ansonsten aber für denkbar: "Die Vorstellung ist faszinierend, dass jemand aus dem Ausland, womöglich der heutigen Schweiz, eine wichtige Rolle beim Aufbau der berühmtesten archäologischen Stätte Großbritanniens gespielt haben könnte."



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