"Schüchterne Blase" Panik vor dem Pissoir

Millionen Deutsche leiden an einer seelischen Störung - und schweigen aus Scham. Die "schüchterne Harnblase" verursacht panische Angst vor dem Urinieren auf öffentlichen Toiletten. Die Folge: Reisen werden vermieden, soziale Kontakte verkümmern, Depressionen führen mitunter zum Selbstmord.

Von Chris Löwer


Pissoir: Ungebetene Gesellschaft kann das Geschäft stören
SPIEGEL ONLINE

Pissoir: Ungebetene Gesellschaft kann das Geschäft stören

Der 45-jährige Manager steht unter ungeheurem Druck. Geschäftsreisen sind für ihn blanker Horror. Die unvermeidlichen USA-Reisen kommen einer Folter gleich: "Acht- bis elfstündige Flüge, zwei Stunden vorher am Flughafen sein, Anreise, in den USA mehrstündige Autofahrten - und das in einer Gruppe. Ich habe gelernt, zu planen und nichts zu trinken." Nicht die Termine machen dem Mann zu schaffen, sondern seine Blase. Er kann unterwegs, im Flugzeug oder auf öffentlichen Toiletten nicht urinieren, egal wie nötig es wäre. Sein Leiden hat einen Namen: Paruresis, eine schwere Störung beim Harnlassen. Und damit ein Tabuthema.

Der Geschäftsmann ist nicht allein: Er gehört zu einer wachsenden Zahl Betroffener, die in Internet-Foren Erfahrungen austauschen. Darunter sind auch Frauen wie Claudia, die inzwischen lieber ganz zuhause bleibt statt auszugehen. Sie hat Angst, "dass es meine Blase zerlegt". Eine Leidensgenossin lässt sich seit einem Jahr therapieren - ohne Erfolg. Sie denkt manchmal an Selbstmord und fragt: "Was ist das denn noch für ein Leben?"

Paruresis ist eine soziale Phobie, unter der allein in Deutschland vermutlich eine Million Menschen leiden, meist Männer. Die International Paruresis Association schätzt die Zahl der Behandlungsbedürftigen auf sieben Prozent der Bevölkerung. US-Wissenschaftler gehen sogar davon aus, dass das "bashful bladder syndrome" ("Schüchterne-Harnblase-Syndrom") die zweithäufigste soziale Phobie nach dem Sprechen in der Öffentlichkeit ist.

Psychische Ursachen

Ärzte nehmen das Übel oft nicht ernst, nach dem Motto: "Nun reißen Sie sich mal zusammen." Für Betroffene ist das weniger leicht. Allein die Vorstellung, jemand könnte eine öffentliche Toilette betreten, lässt die Blase schüchtern werden. Psychotherapeut Philipp Hammelstein untersucht an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität in der weltweit ersten Therapiestudie die seelische Störung. 60 Männer beteiligen sich an der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützten Studie.

Paruresis.de (Screenshot): Forum für Betroffene

Paruresis.de (Screenshot): Forum für Betroffene

Hammelstein stieß auf das Problem, als er bei der Behandlung Depressiver auf den Grund der Niedergeschlagenheit stieß: Die Patienten waren seit etlichen Jahren weder im Urlaub noch mit Freunden unterwegs gewesen und isolierten sich zusehends, was schnurstracks in die Depression führte.

Organisch ist klar, was abläuft, wenn nichts mehr läuft: Die Ringmuskeln rund um die Blase ziehen sich zusammen und verschließen die Harnröhre. Normalerweise ist also der Blasenmuskel schlaff und der Schließmuskel angespannt, damit nichts in die Hose geht. Beim Urinieren hebt das vegetative Nervensystem die Abflusssperre auf, indem es den Blasenmuskel an- und den Schließmuskel entspannt. Das klappt bei den meisten Menschen in Sekunden, bei Paruretikern nach einer kleinen Ewigkeit oder gar nicht.

Keine sexuelle Störung

Der Auslöser ist Psycho-Stress, doch über dessen Ursache herrscht Unklarheit. Mit einer populären Lesart räumt Hammelstein auf: Nein, es liegt keine sexuelle Störung vor. Möglicherweise eher ein klägliches Abschneiden beim pubertären Weitpinkeln, was Spuren bei der männlichen Identitätsbildung hervorgerufen haben könnte. "Vielleicht ist es auch eine archaische Angst, nicht in der Lage zu sein, ein Revier abzustecken", orakelt Hammelstein.

Schon einmaliges Versagen löse die Furcht aus, beim nächsten Versuch erneut zu versagen - eine unheilvolle Prophezeiung, die sich selbst erfüllt. Der Toilettenbesuch wird zum stressigen Ausnahmezustand und deshalb möglichst vermieden. Hammelstein: "Das führt dazu, dass dieser Kreislauf weiter aufrechterhalten wird."

Öffentliche Toilette in Peking: Horrorvorstellung für Paruretiker
AFP

Öffentliche Toilette in Peking: Horrorvorstellung für Paruretiker

Besonders anfällig scheinen Menschen zu sein, die ihrer Umwelt als möglichst normal erscheinen möchten. Dass deutlich mehr Männer gehemmt sind, liegt wohl auch an der freizügigeren Gestaltung von Herren-Toiletten. "Außerdem gibt es bei Frauen nicht die gesellschaftliche Norm, dass es besonders weiblich sei, nebeneinander zu urinieren. Männer hingegen haben häufig die Einstellung, es sei männlich, im Stehen zu urinieren", analysiert der Fachmann. Möglicherweise spielen Scham und Selbstzweifel eine Rolle. Die Düsseldorfer Studie soll Klarheit schaffen.

Patienten dürften die Ergebnisse herbeisehnen, denn ihr Leidensdruck ist hoch. Psychotherapeut Hammelstein berichtet von extremen Fällen, in denen Betroffene ihren Arbeitsplatz so wählten, dass sie jederzeit zu Hause urinieren konnten oder gleich ganz von dort aus arbeiteten: "Solche Menschen verlassen das Haus nur für wenige Stunden, was einen ausgeprägten sozialen Rückzug zur Folge hat."

In ihrer Not gehen manche Pinkelphobiker so weit, sich selbst einen Katheter zu legen. Den Schlauch in die Harnröhre einzuführen ist für Ungeübte nicht nur äußerst friemelig, sondern kann auch zu Verletzungen und Entzündungen führen. Das Problem wird dadurch letztlich nicht gelöst. Auch alle Versuche, mit Psychopharmaka die Störung aus der Welt zu schaffen, sind bis auf Placeboeffekte zum Scheitern verurteilt. Sehr begrenzt erfolgreich sind Ablenkungsmanöver vor dem Pissoir wie etwa Kopfrechnen.

Schonungslose Konfrontation mit der Toilette

Letztlich, glaubt Hammelstein, lasse sich der Krankheit nur verhaltenstherapeutisch beikommen. Die Pinkelangst könne wie jede Phobie - die Angst vor Spinnen, Höhe oder Flügen etwa - behandelt werden. Im Kern geht es um die schonungslose Konfrontation mit dem Übel, um die Angst zu überwinden.

Konkret bedeutet das: Patienten mit prall gefüllter Blase besuchen an der Seite des Therapeuten ein öffentliches Urinal und bleiben so lange davor stehen, bis der erlösende Strahl strömt. Das kann auch schon mal eine halbe Stunde dauern. Der Therapeut hält anfangs diskreten Abstand, das Geschäft darf bei geschlossener Toilettentür verrichtet werden. Mit der Zeit pirscht sich der Helfer so nahe heran, dass am Ende beide nebeneinander vor einem Pissoir stehen.

Außerdem wird in Gesprächen nach individuellen Ursachen gesucht und über das Wesen der Pinkelangst aufgeklärt. Dann geht es darum, typische Gedanken aus dem Kopf zu kriegen, etwa wie: "Jeder starrt mich an und fragt, warum ich so lange brauche. Ich bin ein Versager."

Zweifel an der Männlichkeit müssen im kognitiven Teil der Therapie getilgt werden, der durch Entspannungsübungen und besagten verhaltensorientierten Part der Desensibilisierung ergänzt wird. Am Ende sollte man in der Lage sein, ohne Angst eine stark besuchte öffentliche Toilette mit Erfolg zu besuchen.

Auch wenn die Düsseldorfer Studie noch nicht abgeschlossen ist, zeigt sich Psychotherapeut Hammelstein optimistisch: "Einem großen Teil der Patienten konnten wir deutlich helfen."



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