Schützende Flammen Frühmenschen nutzten Feuer später als gedacht

Frühmenschen konnten Europa nur besiedeln, weil sie mit Flammen umgehen konnten - dachte man bislang. Doch ein Forscherduo zeigt jetzt: Unsere Vorfahren überlebten auch ohne das wärmende Feuer. Sie konnten es offenbar erst viel später gezielt einsetzen als bisher angenommen. 

Neandertaler (Nachbildung im Neanderthal-Museum): Konnten auch mit Feuer umgehen
dpa

Neandertaler (Nachbildung im Neanderthal-Museum): Konnten auch mit Feuer umgehen


Frühmenschen beherrschten das Feuer später als bisher angenommen: Selbst als sie das kalte Europa besiedelten, konnten sie seine wärmende Kraft offenbar noch nicht gezielt einsetzen. Zu dem Ergebnis kommt ein Forscherduo, das Fundstellen früher menschlicher Aktivitäten in Europa analysiert hat.

Der neuen Auswertung zufolg begannen die Frühmenschen und ihre Verwandten, die Neandertaler, erst vor etwa 400.000 Jahren, Feuer systematisch zu nutzen - alle älteren Funde zeigen keinerlei Hinweise auf gezielt eingesetztes Feuer. Über ihre Untersuchung berichten Paola Villa von der University of Colorado in Boulder und Wil Roebroeks von der Universität im niederländischen Leiden im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Die Herrschaft über das Feuer gilt als eine Grundlage des Erfolgs des Menschen: Es erzeugt Wärme, Licht, Schutz vor Raubtieren und macht Nahrung leichter verdaulich. Bisher vermuteten viele Experten, dass die Frühmenschen in Afrika schon vor etwa 1,6 Millionen Jahren diesen Effekt nutzten. Vor allem die kurz darauf begonnene Besiedelung Europas und Asiens sei nur mit Hilfe der wärmenden und schützenden Kraft des Feuers möglich gewesen, so die bislang gängige Ansicht. Die Untersuchung von Villa und Roebroeks lässt nun allerdings vermuten, dass die frühen Menschenformen durchaus in der Lage waren, ohne Feuer in Europa zu überleben - und das sogar über Jahrhundertausende hinweg.

Neandertaler nutzte Feuer offenbar, um Werkzeuge zu verfeinern

Die Auswertung der Forscher bezog 141 Fundorte in Europa ein. Alle Spuren, die von Experten auf ein Alter von über 400.000 Jahren geschätzt werden, zeigen den Forschern zufolge keine Hinweise auf den systematischen Gebrauch von Feuer. Erst danach finden sich Feuerspuren an Holz, Knochen oder Steinen. Besondere Eigenschaften dieser Funde lassen dabei den Schluss zu, dass es sich nicht um natürliche Feuer gehandelt haben kann, wie sie etwa bei Blitzschlägen oder Vulkanausbrüchen entstehen.

Die Ergebnisse belegen auch, dass der Neandertaler beim Gebrauch von Feuer seinen Verwandten in nichts nachstand, schreiben die Forscher. Er nutzte das Feuer offenbar bereits als komplexe Technologie: Es gebe Hinweise, dass die Frühmenschen sogar Rinde in bedeckten Erdlöchern schwelen ließen, um eine Art Pech herzustellen, berichten die Wissenschaftler. Damit verfeinerten sie vermutlich ihre Waffen und Werkzeuge. Wahrscheinlich waren sie auch bereits selber in der Lage, Feuer zu entzünden. Dies sei ein weiterer Mosaikstein, der nicht zu dem immer noch gängigen Bild des Neandertalers als keulenschwingendem Urmenschen passe, sagen die Wissenschaftler.

Der Neandertaler hat sich vor etwa 400.000 bis 500.000 Jahren in Europa entwickelt. Vor etwa 30.000 Jahren verschwand er dann, nachdem der moderne Mensch aus Afrika eingewandert war. Was der entscheidende Nachteil gegenüber den Neuankömmlingen war, bleibt weiter eine offene Frage. Die Feuernutzung kann es den aktuellen Ergebnissen entsprechend wohl nicht gewesen sein - hier unterschieden sich die beiden Menschenformen offenbar nicht grundlegend.

fln/dapd

insgesamt 6 Beiträge
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albert schulz 15.03.2011
1. einmalig diese Präzision
Kurz nach dem Zeitpunkt 1,6 Million Jahre vor heute (BP) erfolgte „die kurz darauf begonnene Besiedelung Europas“. Der Spiegel sollte diese Entdeckung seiner versierten Ausgra-bungsfachleute unbedingt der Wissenschaft zugänglich machen. Die geht nämlich immer noch davon aus, daß die ersten Urmenschenfunde des Heidelbergers (Meuer, Steinheim) rund 500 tausend Jahre alt sind. „Kurz darauf“ könnte natürlich auch ein verschämter Hinweis darauf sein, daß Gott selbst den Artikel geschrieben hat. Vor ihm sind bekanntlich tausend Jahre wie ein Tag. Und auch sonst schludert er gern. Er darf das.
sir.viver 15.03.2011
2. Lehrstück für die BRD
Wenn erst in Deutschland der Atomausstieg durchgesetzt ist, dann werden diese Lagerfeuer als Energiequellen aktueller sein als heute gedacht...
elbröwer 15.03.2011
3. und wie weiter?
Wenn es denn stimmt was bedeutet es? Waren Neandertaler kältebeständig? Können wir Gene Einkreuzen damit wir auch kältebeständig werden? Nur um die verbrecherischen Energiekonzerne zu schädigen mache ich da mit.
DonCarlos 15.03.2011
4. Sie liegen gar nicht so falsch
Zitat von sir.viverWenn erst in Deutschland der Atomausstieg durchgesetzt ist, dann werden diese Lagerfeuer als Energiequellen aktueller sein als heute gedacht...
Da liegen Sie ziemlich gut, denn was ist den E10? Nichts anderes Öl + 10 % Biomasse als Feuer aus nicht unbedingt ökologisch nachwachsenden Rohstoffen. Was ist denn eine Pelletheizung? Nichts anderes als ein automatisch geregeltes Lagerfeuer. Zur Stromversorgung könnte man noch einen Sterlingmotor in den Brennraum hängen. Sie sind einfach ein Zukunftsverweigerer.
Ursprung 15.03.2011
5. Lehren aus Neanderthal
Mal abgesehen von dem lfd. Anreiz zu kalauern, bringt die Erwaehnung neuer wissenschaftlicher Sichtweisen immer auch die Moeglichkeit zur Kenntniserweiterung mit sich. Und die haben wir dringend noetig, vor allem unsere "Politiker" von Gaddafi ueber Mappus bis Merkel. Auch ein Kenntniszugewinn, weshalb die moeglicherweise nicht lernfaehig in unserem gewuenschten Sinne sind, ist Erkenntnisgewinn. Es sieht so aus, als gebe es nicht "Intelligenz" schlechthin, sondern nur als Konglomerat unterschiedlicher Fertigkeiten in den Koepfen unserer Spezies. Es gibt zudem offenbar irrtuemliche Schlussfolgerungen in unterschiedlichen Menschenhirnen darueber, was als intelligent zu bezeichnen waere. Vermutlich erlebten die Cromagnon-Leute vor 30 Tsd. Jahren den Neandertaler als eine Art aussterbender Menschenaffenart. Und die Neandertaler den Cromagnon als eine Art degenerierter Neu-Erdenbuerger, der sich in die absolut falsche Zukunft entwickelte. Natuerlich hatten beide Recht. Obgleich sie im praktischen Anwendungswissen ihrer Wissenschaft, etwa bei der Feuerhandhabung ungefaehr Gleichstand hatten- aus heutiger Erkentnissicht. Was kann uns das sagen? Mappus und Merkel denken, das atomare Feuer ist gut, solange sie es nur selber unter ihrer Kontrolle halten. Vermutlich der Standpunkt der Neanderthaler. Andere wiederum denken: das atomare Feuer ist brandgefaehrlich, weil es leicht jeder menschlichen Kontrolle entgleiten kann. Vermutlich der Standpunkt der mehr intelellektuell verschrieenen Cromagnons. Prima manipulieren koennen allein schon aus evoluionaerer Entwicklung her beide Lager. Was auch keine besondere Intelligenz erfordert. Schliesslich kann eine schlichte Bakterie eine Ameise so manipulieren, dass sie dem Gefressenwerden auf der Grashalmspitze entgegenklettert, damit sich Bakterie im Verdauungssystem des Grasfressers gemuetlicher machen kann. Etwa auf dieser Intelligenzlinie der betroffenen Ameise liegen auch die sogenannten Erfolgreichen in der Politik: sie klettern dem Verderben entgegen, im atomar ausbrechenden Feuer zu vergluehen, manipuliert von einer Spezies namens Energieindustrie, die, eine andere Art von Dummkoepfigkeit, den Wirt, in dem sie schmarotzen, totkrank bis tot machen und dann nur noch dumm dastehen. Auch hier ist nicht die gesuchte Intelligenz zu finden. Kann es sein, dass seit Neandertaler und Cromagnonzeiten sich die Intelligenz in dem Masse zurueckentwickelt hat, wie sie durch die Zunahme immer besserer Werkzeuge vermeintlich immer ueberfluessiger wurde? Mir scheint, dass dem homo sapiens sapiens zuerst allmaehlich ein sapiens abhanden kam, vielleicht festzumachen an der nicht dauerhaften Fehlkonstruktion des roemischen Reiches, heute anderer Staatsformen. Und nun nur noch homo uebrigblieb? Festzumachen etwa an Politikern wie Aussenminister und solchen, die Atomfeuer in ausgetrockneten Buschsteppen entfachen? Was vermutlich weder der Neanderthaler, noch Cromagnon damals je zu tun gewagt haetten, als sie lernten, mit dem Feuer umzugehen.
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