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28. Dezember 2012, 17:59 Uhr

Schulmassaker

Forscher wollen DNA des Newtown-Amokläufers analysieren

Das Vorhaben ist umstritten: Forscher wollen die DNA des Massenmörders von Newtown untersuchen. Welches Ziel sie verfolgen, ist unklar. Kritiker warnen aber schon jetzt vor den Folgen. Sie befürchten eine Stigmatisierung anhand bestimmter Erbinformationen.

In welchem Maße bestimmen die Gene das Verhalten eines Menschen? Sind Umwelteinflüsse entscheidend? Oder können sogar einzelne Erbinformationen die Psyche prägen? Wissenschaftler debattieren über diese Fragen seit Jahrzehnten - und manche Kritiker halten schon allein diese Debatte für gefährlich. Sie befürchten, dass Menschen allein aufgrund ihrer Erbinformationen als potentielle Kriminelle behandelt werden könnten, auch wenn sie sich nie etwas haben zuschulden kommen lassen.

Der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown lässt die Diskussion nun wieder aufleben: Wie die "New York Times" berichtet, wollen Forscher die DNA des Massenmörders Adam Lanza analysieren. Eine Sprecherin der University of Connecticut habe das Vorhaben bestätigt. Wie der US-Sender NBC berichtet, hat der oberste Gerichtsmediziner des US-Staats Connecticut bei der Universität um die DNA-Analyse gebeten.

Die Details der Anfrage - etwa ob die Forscher nach genetischen Ursachen gewalttätigen Verhaltens fahnden wollen - wurden bisher nicht bekannt. Dennoch löste schon das Bekanntwerden des Plans kontroverse Reaktionen aus.

"Man wird kein Massenmörder-Gen finden"

Arthur Beaudet etwa, Genetiker am Baylor College of Medicine in Houston (US-Bundesstaat Texas) befürwortete die Untersuchung von Lanzas Erbgut. Verbrechen wie das in Newtown oder frühere Amokläufe seien dermaßen weit von einem normalen Verhalten entfernt, dass sie auch genetische Ursachen haben müssten. "Wir können es uns nicht leisten, diese Forschung nicht zu betreiben", sagte Beaudet der "New York Times".

Manche seiner Kollegen sehen das gänzlich anders. Arthur Caplan von der New York University sagte, dass es bisher keine Daten gebe, die auf einen Zusammenhang zwischen den Genen und dem Hang zu Gewalttaten oder psychischen Erkrankungen hinwiesen. Ein bestimmter Erbgutabschnitt könne allenfalls eine Neigung zu einem bestimmten Verhalten nahelegen - aber nur im Sinne eines erhöhten Risikos, sagte Caplan zu "NBC News". "Man wird kein Gen finden, das sagt: 'Ich werde ein Massenmörder, Terrorist oder Attentäter werden'."

Diese Aussage wird von der bisherigen Forschungslage untermauert: Immer wieder machten vermeintliche Schwulen-, Dikatoren- oder Kriegergene Schlagzeilen - und immer wieder erwiesen sich die angeblichen Entdeckungen als Unfug. Stattdessen weist vieles darauf hin, dass Hunderte Gene bei aggressivem Verhalten eine Rolle spielen. Mindestens ebenso wichtig erscheinen Umwelteinflüsse.

Das Zusammenspiel aller Faktoren ist derart komplex, dass eine verlässliche Vorhersage menschlichen Verhaltens kaum möglich erscheint. Es sei "nahezu unvorstellbar", dass extrem aggressive Verhaltensweisen einen gemeinsamen genetischen Ursprung hätten, sagte der Genetiker und Neurologe Robert Green von der Harvard Medical School der "New York Times".

Hunderttausende Menschen sterilisiert

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum viele Forscher die Suche nach Zusammenhängen zwischen Biologie und Verhalten kritisch sehen - zumindest dann, wenn sie im Zusammenhang mit Verbrechen oder anderen Verhaltensweisen steht, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen.

Wohin das führen kann, wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder deutlich. Anfang des 20. Jahrhunderts etwa wurden in den USA rund 30.000 Straftäter und psychisch Kranke sterilisiert - weil man glaubte, dass ihr Verhalten erblich sei. Ähnliches geschah in Schweden. Zu den schlimmsten Exzessen kam es in Nazi-Deutschland: Mehr als 350.000 Menschen wurden im "Dritten Reich" sterilisiert - nicht nur wegen körperlicher, sondern auch wegen geistiger Behinderungen.

Zwar befürchtet kaum jemand eine Wiederholung derartiger Zustände. Doch anders als damals ist es heute möglich, das Erbgut von Menschen schnell zu sequenzieren, in Datenbanken zu speichern und blitzschnell mit neuen Informationen abzugleichen. Dass solche Datenbestände eines Tages existieren werden, steht für viele Experten außer Frage.

Ebenso sicher erscheint, dass es früher oder später erneut zu einem Amoklauf an einer amerikanischen Schule kommen wird. Könnte die Politik dann dem Druck widerstehen, derartigen Tragödien durch Gen-Screenings vorzubeugen zu wollen? Manch einer gruselt sich davor, was passieren könnte, sollte die Analyse des Erbguts von Amokläufern einen Zusammenhang mit schweren Straftaten suggerieren.

"Wenn wir den Eindruck bekämen, dass die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten bei jemandem um 2, um 10 oder um 20 Prozent erhöht wäre", sagte der Neurobiologe Pate Skene der "New York Times", "was würden wir dann mit einem solchen Menschen tun?"

mbe

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