Schulmassaker: Forscher wollen DNA des Newtown-Amokläufers analysieren

Das Vorhaben ist umstritten: Forscher wollen die DNA des Massenmörders von Newtown untersuchen. Welches Ziel sie verfolgen, ist unklar. Kritiker warnen aber schon jetzt vor den Folgen. Sie befürchten eine Stigmatisierung anhand bestimmter Erbinformationen.

DNA-Probe per Abstrichbürste: Was verraten die Gene über das Verhalten? Zur Großansicht
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DNA-Probe per Abstrichbürste: Was verraten die Gene über das Verhalten?

In welchem Maße bestimmen die Gene das Verhalten eines Menschen? Sind Umwelteinflüsse entscheidend? Oder können sogar einzelne Erbinformationen die Psyche prägen? Wissenschaftler debattieren über diese Fragen seit Jahrzehnten - und manche Kritiker halten schon allein diese Debatte für gefährlich. Sie befürchten, dass Menschen allein aufgrund ihrer Erbinformationen als potentielle Kriminelle behandelt werden könnten, auch wenn sie sich nie etwas haben zuschulden kommen lassen.

Der Amoklauf an der Sandy-Hook-Grundschule in Newtown lässt die Diskussion nun wieder aufleben: Wie die "New York Times" berichtet, wollen Forscher die DNA des Massenmörders Adam Lanza analysieren. Eine Sprecherin der University of Connecticut habe das Vorhaben bestätigt. Wie der US-Sender NBC berichtet, hat der oberste Gerichtsmediziner des US-Staats Connecticut bei der Universität um die DNA-Analyse gebeten.

Die Details der Anfrage - etwa ob die Forscher nach genetischen Ursachen gewalttätigen Verhaltens fahnden wollen - wurden bisher nicht bekannt. Dennoch löste schon das Bekanntwerden des Plans kontroverse Reaktionen aus.

"Man wird kein Massenmörder-Gen finden"

Arthur Beaudet etwa, Genetiker am Baylor College of Medicine in Houston (US-Bundesstaat Texas) befürwortete die Untersuchung von Lanzas Erbgut. Verbrechen wie das in Newtown oder frühere Amokläufe seien dermaßen weit von einem normalen Verhalten entfernt, dass sie auch genetische Ursachen haben müssten. "Wir können es uns nicht leisten, diese Forschung nicht zu betreiben", sagte Beaudet der "New York Times".

Manche seiner Kollegen sehen das gänzlich anders. Arthur Caplan von der New York University sagte, dass es bisher keine Daten gebe, die auf einen Zusammenhang zwischen den Genen und dem Hang zu Gewalttaten oder psychischen Erkrankungen hinwiesen. Ein bestimmter Erbgutabschnitt könne allenfalls eine Neigung zu einem bestimmten Verhalten nahelegen - aber nur im Sinne eines erhöhten Risikos, sagte Caplan zu "NBC News". "Man wird kein Gen finden, das sagt: 'Ich werde ein Massenmörder, Terrorist oder Attentäter werden'."

Diese Aussage wird von der bisherigen Forschungslage untermauert: Immer wieder machten vermeintliche Schwulen-, Dikatoren- oder Kriegergene Schlagzeilen - und immer wieder erwiesen sich die angeblichen Entdeckungen als Unfug. Stattdessen weist vieles darauf hin, dass Hunderte Gene bei aggressivem Verhalten eine Rolle spielen. Mindestens ebenso wichtig erscheinen Umwelteinflüsse.

Das Zusammenspiel aller Faktoren ist derart komplex, dass eine verlässliche Vorhersage menschlichen Verhaltens kaum möglich erscheint. Es sei "nahezu unvorstellbar", dass extrem aggressive Verhaltensweisen einen gemeinsamen genetischen Ursprung hätten, sagte der Genetiker und Neurologe Robert Green von der Harvard Medical School der "New York Times".

Hunderttausende Menschen sterilisiert

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum viele Forscher die Suche nach Zusammenhängen zwischen Biologie und Verhalten kritisch sehen - zumindest dann, wenn sie im Zusammenhang mit Verbrechen oder anderen Verhaltensweisen steht, die von der gesellschaftlichen Norm abweichen.

Wohin das führen kann, wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder deutlich. Anfang des 20. Jahrhunderts etwa wurden in den USA rund 30.000 Straftäter und psychisch Kranke sterilisiert - weil man glaubte, dass ihr Verhalten erblich sei. Ähnliches geschah in Schweden. Zu den schlimmsten Exzessen kam es in Nazi-Deutschland: Mehr als 350.000 Menschen wurden im "Dritten Reich" sterilisiert - nicht nur wegen körperlicher, sondern auch wegen geistiger Behinderungen.

Zwar befürchtet kaum jemand eine Wiederholung derartiger Zustände. Doch anders als damals ist es heute möglich, das Erbgut von Menschen schnell zu sequenzieren, in Datenbanken zu speichern und blitzschnell mit neuen Informationen abzugleichen. Dass solche Datenbestände eines Tages existieren werden, steht für viele Experten außer Frage.

Ebenso sicher erscheint, dass es früher oder später erneut zu einem Amoklauf an einer amerikanischen Schule kommen wird. Könnte die Politik dann dem Druck widerstehen, derartigen Tragödien durch Gen-Screenings vorzubeugen zu wollen? Manch einer gruselt sich davor, was passieren könnte, sollte die Analyse des Erbguts von Amokläufern einen Zusammenhang mit schweren Straftaten suggerieren.

"Wenn wir den Eindruck bekämen, dass die Wahrscheinlichkeit für Gewalttaten bei jemandem um 2, um 10 oder um 20 Prozent erhöht wäre", sagte der Neurobiologe Pate Skene der "New York Times", "was würden wir dann mit einem solchen Menschen tun?"

mbe

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Vorsicht
rodelaax 28.12.2012
Nicht selten leiden auch Wissenschaftler am Asperger Syndrom. Die Erforschung könnte nach hinten los gehen, wenn eigene DNA-Merkmale denen des Massenmörders ähneln.
2. Grossartige Idee
tailspin 28.12.2012
Zitat von sysopDas Vorhaben ist umstritten: Forscher wollen die DNA des Massenmörders von Newtown analysieren. Welches Ziel sie verfolgen, ist unklar. Kritiker warnen aber schon jetzt vor den Folgen. Sie befürchten eine Stigmatisierung anhand bestimmter Erbinformationen. Schulmassaker in Newtown: Forscher wollen Amokläufer-DNA analysieren - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/a-875008.html)
Die Herstellung, Verbreitung und Verfuegung ueber von ABC Massenvernichtungswaffen bis runter zu Kuechenmessern ist derartig pathologisch, dass sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit genetisch bedingt ist. Damit faellt die komplette politische und administrative Fuehrungsriege in jedem Land, das solche Waffen besitzt, unter Generalverdacht und muss schaerfstens beobachtet warden. Aber nicht nur eine DNA Untersuchung ist erforderlich, sondern auch implantierte RFDIs fuer lueckenlose persoenliche Satellitenueberwachung, taeglicher mandatorischer Bericht an die neachste Polzeidienststelle ueber Aufenthalt und detaillierter Taetigkeitsbericht (wann, wo, warum und wieso), Kontaktpersonen, Bankverbindungen, lueckenlose psychlogische Evaluierung usw. sind das mindeste, was man im Interesse der Aufrechterhaltung der oeffentlichen Sicherheit und Ordnung ewarten darf. Nochmal, wir reden ueber Politiker und deren Erfuellungsgehilfen hier.
3. optional
Carabus 28.12.2012
Ich denke die sozialen Faktoren, wie das Elternhaus und die Einflüsse der Gesellschaft sind zum größten Teil für das Heranreifen eines Gewalttäters verantwortlich. Vielleicht noch etwas zu viel Testosteron im Blut. Wir alle wandeln doch auf einem schmalen Grad, wo oft nur ein kleiner Schubs genügt um uns auf die dunkle Seite des Lebens zu werfen. Was diesen Schubs letztendlich ausmacht, wird schwer zu bestimmen sein, wie die wirkliche Ursache einer Krebserkrankung.
4. Ursachen von Gewalt gut erforscht
Frieden ist alles 28.12.2012
Die Ursachen von Gewalt sind bereits gut erforscht.Der Menschen entwickelt sich in einer Kombination aus Anlagen und Umwelterfahrung,wobei wir auf Grund unserer Anlagen sehr ähnlich sind und mir kein Hinweis bekannt ist der auf einen angeborenen Hang zur Gewalt hindeutet. Je mehr wir in der Lage sind die bestimmenden Umwelteinflüsse zu erkennen,und entsprechend zu handeln,je grösser werden die Chancen sinnvolle Prävention zu ermöglichen. Ich möchte daher gerne noch einmal auf die Erkenntnisse von Alice Miller und Joachim Bauer hinweisen,deren Arbeit für mich sehr viel zum Verständnis beigetragen hat. Hier noch einmal Links die zum Thema passen: http://www.alice-miller.com/index_de.php http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/joachim-bauer-schmerzgrenze-diesseits-der-schmerzgrenze-1628163.html Das auch der Spiegel einmal offen war für ganz andere Erklärungen als gentische Ursachen,ist hier zum Beispiel nachzulesen: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13514175.html Zum Glück wird im obigen Artikel zu Newtown zumindest erwähnt das die einseitige Sichtweise von Genforschern viele Probleme mit sich bringt.Vielleicht ein Fortschritt,das auch Umwelteinflüsse erwähnt werden. Meine Befürchtung bleibt das die Ursachen der Gewalt solange wenig berücksichtigt bleiben,solange versucht wird dies ausschlisslich oder überwiegend genetisch zu erklären,obwohl mittlerweile so deutlich ist,wie der Mensch durch äussere Einflüsse geprägt wird.Ich glaube das so viel Zeit verloren geht,in der sinnvolle Prävention und Aufklärung geleistet werden könnte. Dabei erinnert mich die Vorgehensweise heutiger Genforscher,bzw. von deren Anhängern immer wieder an das Bild des vermeintlich "Bösen" wie wir es aus der Religion kennen.Dabei wird er Mensch selbst als ursprüngliche Quelle dieses Bösen angenommen.Mich schaudert es das solche Vorstellungen auch heute noch weit verbreitet sind.Dabei sind wir heute so viel weiter im verstehen der Ursachen und ganz anders Handeln wäre möglich.
5. Doch. Auch ich befürchte eine Wiederholung
juliuslieske 28.12.2012
"derartiger Zustände Als ich nach Akten über die Zwangssterilisierung meiner Tante suchte, traf ich nämlich nur auf Ignoranz und menschenverachtende Dummheit in der auch heute noch bestehenden Universitätsklinik, die diese Verstümmelungen damals durchgeführt hat. ich bezweifle keinen Moment, dass sich auch heute wieder Menschenschlächter und Folterknechte im weissen Kittel finden werden, die zu jeder dreckigen Schweinerei - im Namen des Gesetzes oder im Namen der "Wissenschaft" - bereit sind. Und ich bezweifle ebensowenig, dass sich die passenden Politiker finden lassen, die die entsprechenden Gesetze verabschieden würden. 350000 "Exzesse"? Also Ausnahmen? Vermutlich Taten von "Einzeltätern"? "Zu den schlimmsten Exzessen kam es in Nazi-Deutschland: Mehr als 350.000 Menschen wurden im "Dritten Reich" sterilisiert - nicht nur wegen körperlicher, sondern auch wegen geistiger Behinderungen. Zwar befürchtet kaum jemand eine Wiederholung derartiger Zustände."
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