Schutz vor Aids: Enthaltsamkeits-PR macht Jugendliche nicht keuscher

Sie gelten als die jugendfreie Variante der Aids-Aufklärung: Programme, die sexuelle Enthaltsamkeit predigen. Besonders in den USA sind sie beliebt - bleiben aber offenbar gänzlich wirkungslos. Britische Forscher fanden zumindest heraus, dass sie keine Auswirkungen auf HIV-Infektionsraten haben.

Die Werbemittel sind ebenso vielfältig wie geschmacklich fragwürdig: von Boxershorts mit Aufdrucken wie "Wahre Liebe wartet bis zur Ehe" oder "Ich bin das Warten wert" bis hin zu Teenager-gerechtem Silberschmuck mit Enthaltsamkeits-Gravur - in den Vereinigten Staaten sind Abstinenzprogramme ein weit verbreitetes Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften und HIV-Infektionen. Besonders Vertretern konservativer und christlicher Gruppen passen sie in die eigene Weltsicht.

Abstinenz-PR: Jugendliche mit T-Shirts des "Pure and Simple Lifestyle"-Programms
AP

Abstinenz-PR: Jugendliche mit T-Shirts des "Pure and Simple Lifestyle"-Programms

Nur einen messbaren Nutzen bringen dergleichen Appelle offenbar nicht. Forscher um Kristin Underhill von der University of Oxford wollten wissen: Was bewirken Enthaltsamkeitskampagnen in Industrieländern überhaupt? Denn frühere Studien hatten bereits Zweifel an der Effektivität solcher Maßnahmen in der Dritten Welt genährt.

In der Fachzeitschrift "British Medical Journal" (BMJ) berichten die Mediziner vom Vergleich mehrerer Studien (Meta-Analyse) zum Thema: Insgesamt 13 Forschungsarbeiten, für die zusammen rund 16.000 US-Jugendliche befragt worden waren, haben Underhill und ihre Kollegen ausgewertet. Die Teenager waren darin zu ihrem Sexualverhalten befragt worden - und zu möglichen Folgen wie Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten.

"Programme, die ausschließlich Enthaltsamkeit betonen, scheinen keinerlei Auswirkungen auf das HIV-Infektionsrisiko zu haben", fassen die Forscher ihre Analyse zusammen. Warum? Den Ergebnissen der Metastudie zufolge verhallt ihr Appell einfach ungehört: Weder die primäre noch die sekundäre Abstinenz würden durch sie erhöht. Entsprechend indoktrinierte Teenager hätten also weder später noch weniger Sexualkontakte als andere.

Politisch heikel ist dieses Ergebnis vor allem, weil in den USA ein Drittel der Mittel im Anti-Aids-Programm des Präsidenten für Abstinenz-Aktionen verwendet werden muss. Auch in der internationalen US-Aidshilfe wird auf die Betonung sexueller Enthaltsamkeit großer Wert gelegt. In Anbetracht der britischen Analyse muss dies schlicht als herausgeworfenes Geld gelten. PR-Kampagenen, welche die Verwendung von Kondomen propagierten, verringerten das Infektionsrisiko hingegen deutlich, schreiben drei Mediziner aus dem Senegal und den USA in einem begleitenden Kommentar für das BMJ.

stx

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite